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Bundespräsident Joachim Gauck hatte beim Empfang bei der deutschen botschaft in Chile einen unangebrachten Gast.

Besuch macht Opfer fassungslos

Bei Gauck-Empfang: Colonia Dignidad-Mittäter im Publikum

Santiago de Chile - Die Verbrechen in der Sektensiedlung Colonia Dignidad standen im Fokus des Besuchs von Bundespräsident Gauck in Chile. Bei einem Empfang war ein Gast dabei, der Opferverbände fassungslos macht.

Das Bundespräsidialamt hat die Einladung eines verurteilten Mittäters der Sekte Colonia Dignidad zu einem Empfang der deutschen Botschaft in Santiago de Chile bedauert. „Wir haben großen Wert auf eine sorgsame Auswahl der Gäste gelegt - vor allem im Hinblick auf die Geschichte der Colonia Dignidad“, sagte eine Sprecherin von Bundespräsident Joachim Gauck am Donnerstag. „Wir bedauern mit Blick auf die Opfer sehr, dass diesem Maßstab nicht entsprochen wurde.“

Unter den Gästen des Empfangs zu Ehren Gaucks am Mittwoch in der chilenischen Hauptstadt war auch der in einem Prozess wegen Kindesmissbrauchs zu drei Jahren Haft verurteilte Reinhard Zeitner. Das bestätigten mehrere Teilnehmer der Deutschen Presse-Agentur.

Die Strafe für Zeitner, der unter anderem als Sicherheitsmann in der Siedlung tätig gewesen sein soll, wurde zur Bewährung ausgesetzt. Er ist heute in führender Position in der „Villa Baviera“ tätig, die auf dem Gelände der ehemaligen Sekte mit bayrischer Folklore Touristen anlockt.

Der Filmregisseur Florian Gallenberger, der einen Film über die Schreckensherrschaft der „Colonia Dignidad“ drehte, geriet auf dem Empfang mit Zeitner in Streit. Gallenberger, der Gauck auf der Reise nach Chile begleitete, war nach seinen Worten erstaunt, den Mann auf dem Empfang anzutreffen. „Damit habe ich nicht gerechnet“, sagte er.

Zeitner sei unter Sektengründer Paul Schäfer ein ziemlich berüchtigter Schläger gewesen, sagte Gallenberger. Er gehöre zu denen, die in der „Villa Baviera“ den Ton angäben. Für die Menschen, die unter Zeitner damals gelitten hätten, sei es schwer zu ertragen, dass ihr Unterdrücker beim Empfang des Bundespräsidenten dabei gewesen sei.

Entsprechend reagierten Opfer der Colonia Dignidad mit scharfer Kritik. „Dafür fehlen mir die Worte“, sagte der Anwalt Winfried Hempel. Hempel hatte früher selbst in der hermetisch abgeriegelten Siedlung rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile gelebt.

Die Colonia Dignidad war unter ihrem Gründer Paul Schäfer ein befestigtes Lager mit sektenähnlichen Strukturen, sie wurde 1991 in „Villa Baviera“ (Bayerisches Dorf) umbenannt. Schäfer war 1961 mit Anhängern seiner Sekte „Private Sociale Mission“ aus Siegburg bei Bonn nach Südamerika ausgewandert. Zeitner sei damals auf dem Gelände mit einer Pistole herumgelaufen, „und war Teil der Sicherheitsgruppe von Paul Schäfer“, so der Anwalt Hempel.

Während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973 bis 1990) wurde die Kolonie zu einem Folterzentrum der Geheimpolizei. Schäfer starb 2010 in Chile in einem Gefängnis.

Hempel betonte zudem in einer Mitteilung, es sei enttäuschend, dass Gauck während seines Besuches nicht mit einem einzigen Opfer gesprochen habe. „Die Bundesrepublik Deutschland ist mitverantwortlich, da sie wusste, was in der Colonia Dignidad vor sich ging und trotzdem nichts unternahm, um die Verbrechen zu unterbinden“, kritisierte er.

Das Auswärtige Amt gab Ende April seine Akten zur „Colonia Dignidad“ vorzeitig frei. Gauck ist inzwischen nach Uruguay weitergereist, der zweiten Station seiner Südamerikareise.

dpa

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