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Nach nur wenigen Stunden war die Waffenruhe im Gaza-Konflikt wieder beendet.

Waffenruhe währt nur kurz

Israelischer Soldat von Palästinensern entführt

Gaza/Tel Aviv - Israelis und militante Palästinenser haben die vereinbarte Waffenruhe von drei Tagen nicht eingehalten: Israel erklärte die Feuerpause für gescheitert. Offenbar haben Palästinenser einen israelischen Soldaten verschleppt.

Die in Ägypten geplanten Gespräche über eine dauerhafte Waffenruhe in Gaza sind vorläufig abgesagt. Das schrieb die staatliche ägyptische Zeitung „Al-Ahram“ am Freitag unter Berufung auf den Vizechef der Hamas-Exilorganisation, Mussa Abu Marsuk. Grund sei, dass die israelische Delegation ihre Teilnahme abgesagt habe, hieß es. Die ägyptische Führung habe die Hamas darüber informiert. Aus ägyptischen Regierungskreisen verlautete, dass die Einladung Kairos zu solchen Gesprächen weiterhin gelte.

Der ägyptische Grenzübergang zu Gaza in Rafah wurde am Nachmittag aus Sicherheitsgründen geschlossen, wie es aus ägyptischen Sicherheitskreisen hieß. Zuvor seien israelische Geschosse auf der palästinensischen Seite der Grenze eingeschlagen.

Israelischer Soldat verschleppt

Militante Palästinenser im Gazastreifen haben am Freitag vermutlich einen israelischen Soldaten verschleppt. Es gebe erste Anzeichen dafür, dass ein Soldat während eines Einsatzes gegen Tunnel verschleppt worden sei, teilte die israelische Armee mit. Das Militär suche nach dem Vermissten. Der Angriff habe sich eineinhalb Stunden nach Inkrafttreten einer humanitären Feuerpause ereignet.

Der UN-Vermittler Robert Serry sagte, Israel habe ihn über den „schwerwiegenden Vorfall“ informiert. Es seien auch zwei israelische Soldaten getötet worden.

Zuletzt war 2006 der israelische Soldat Gilad Schalit von einem Kommando unter Leitung der radikal-islamischen Hamas durch einen Tunnel in den Gazastreifen verschleppt worden. Er kam erst mehr als fünf Jahre später im Tausch gegen mehr als tausend palästinensische Häftlinge frei.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Eine dreitägige humanitäre Waffenruhe im Gaza-Krieg ist nach wenigen Stunden zusammengebrochen. Israel habe den UN-Vermittler Robert Serry über das Scheitern der Feuerpause in Kenntnis gesetzt, berichteten israelische Medien am Freitagmittag. Zuvor waren im südlichen Gazastreifen heftige Kämpfe zwischen israelischen Truppen und militanten Palästinensern aufgeflammt.

Wie Aschraf al-Kidra, der Sprecher des palästinensischen Gesundheitsministeriums, mitteilte, wurden bei neuen israelischen Angriffen 35 Palästinenser getötet und mehr als 100 verletzt. Militante aus dem Gazastreifen feuerten mindestens acht Geschosse auf Israel ab. Drei wurden von der Raketenabwehr abgefangen, die anderen landeten auf freiem Feld.

Das israelische Militär erklärte, lediglich auf Angriffe der militant-islamischen Hamas reagiert zu haben. Hamas-Medien behaupteten wiederum, Israel habe die Waffenruhe gebrochen.

In den Mittagsstunden warfen israelische Flugzeuge über dem Mittelmeergebiet Flugblätter ab, in denen die Bevölkerung vor neuen israelischen Angriffen gewarnt wurde.

Acht Tote kurz nach Beginn der Feuerpause

Ungeachtet des Beginns einer 72-stündigen Feuerpause im Gazastreifen haben die israelischen Streitkräfte nach Angaben von palästinensischen Ärzten bei einem erneuten Granatangriff acht Menschen getötet. Die Palästinenser seien bei einem Artillerieangriff nahe Rafah im Süden des Küstengebiets ums Leben gekommen, sagte ein Arzt des Krankenhauses Abu Jussef al-Nadschar. Die in der Nacht zu Freitag von den beiden Konfliktparteien vereinbarte Waffenruhe war am Morgen um 8 Uhr (Ortszeit, 7 Uhr MESZ) in Kraft getreten und soll bis Montagmorgen gelten.

Ein AFP-Reporter berichtete von heftigem Beschuss eines Gebiets östlich von Rafah. Auch frühere humanitäre Kampfpausen, die von Israel oder der palästinensischen Hamas-Bewegung ausgerufen worden waren, waren rasch wieder gebrochen worden. Die am Freitagmorgen begonnene Kampfpause soll die Bergung der Toten, die Versorgung der Verletzten und die Reparatur der Wasser- und Stromversorgung ermöglichen. Auch soll sie der Bevölkerung erlauben, sich mit Lebensmitteln einzudecken.

Darüber hinaus soll die Feuerpause Zeit für Verhandlungen über einen dauerhaften Waffenstillstand schaffen. Diese sollen unter ägyptischer Vermittlung in Kairo stattfinden. Die Kampfpause sieht vor, dass beide Seiten ihre Positionen halten. Israel ist daher nicht zum Rückzug seiner Truppen aus dem Gazastreifen verpflichtet.

Weitere Tote auf beiden Seiten bei Kämpfen im Gazastreifen

Kurz vor dem geplanten Beginn der Waffenruhe, haben Israelis und Palästinenser neue Opferzahlen veröffentlicht. Wie die israelische Armee am frühen Freitagmorgen mitteilte, starben am Donnerstagabend fünf Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen durch eine von radikalen Palästinensern aus dem Küstengebiet abgefeuerte Granate. Seit Beginn der Offensive vor mehr als drei Wochen kamen demnach 61 Soldaten ums Leben. Nahezu zeitgleich teilte der Sprecher des palästinensischen Gesundheitsministeriums, Aschraf al-Kidra, mit, 14 weitere Palästinenser seien bei israelischen Angriffen in den Orten Chan Junis und Bani Suhaila getötet worden. Seit Beginn der israelischen Offensive am 8. Juli seien damit 1458 Palästinenser gestorben.

Die israelische Armee hatte vor mehr als drei Wochen mit einer Offensive im Gazastreifen begonnen. Deren Ziel war es, den anhaltenden Raketenbeschuss aus dem Küstengebiet auf Israel zu unterbinden. Auch „Terror-Tunnel“, durch die militante Palästinenser auf israelischen Boden gelangen können, um Anschläge zu verüben oder Menschen zu entführen, sollten zerstört werden. Auf beiden Seiten zusammen starben bis Freitagmorgen mehr als 1500 Menschen, Tausende wurden verletzt. Die Bevölkerung des Gazastreifens hatte zuletzt immer stärker gelitten.

Zeit für humanitäre Hilfe und für die Beerdigung der Toten

Die Waffenruhe soll den Menschen nun „eine dringend notwendige Entlastung von der Gewalt“ bringen, wie es in der vom UN-Sprecher verlesenen gemeinsamen Erklärung von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und US-Außenminister Kerry hieß. „Während dieser Zeit sollen Zivilisten sofort benötigte humanitäre Hilfe und die Möglichkeit bekommen, lebensnotwendige Aufgaben zu erledigen. Dazu zählt die Beerdigung der Toten, die Versorgung der Verletzten und die Beschaffung von Lebensmitteln.“ Überfällige Reparaturen am Wasser- und Stromnetz sollen auch möglich sein. Der Zeitraum der Feuerpause könne verlängert werden.

Israelis und Palästinenser sicherten dem UN-Sondervermittler Robert Serry demnach zu, sich an die „bedingungslose humanitäre Waffenruhe“ halten zu wollen. Der hochrangige Funktionär der im Gazastreifen herrschenden radikal-islamischen Hamas, Issat al-Reschek, bestätigte auf seiner Facebook-Seite, dass seine Organisationen und auch andere Gruppen die Feuerpause respektieren wollen. CNN berichtete, israelische Regierungsvertreter hätten dem Sender mitgeteilt, dass auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hinter der Waffenruhe stehe. Die beiden in dem Konflikt vermittelnden Länder Katar und Türkei begrüßten die Vereinbarung und die geplanten Gespräche.

"Dies ist ein Atemholen, es bedeutet nicht das Ende" der Konfrontation

Delegationen von Israelis und Palästinensern sollen umgehend in die ägyptische Hauptstadt Kairo reisen, um Verhandlungen unter ägyptischer Vermittlung aufzunehmen. Ziel sei eine dauerhafte Waffenruhe, hieß es in New York.

Kerry und das Weiße Haus riefen zu engagierten Verhandlungen auf. „Dies ist nicht die Zeit zum Gratulieren“, sagte der US-Außenminister in Neu Delhi. Dies sei eine Atempause, nicht das Ende des Konflikts. Kerry fügte hinzu, beide Seiten blieben während der Waffenruhe in ihren Stellungen. Israel werde „defensive Operationen“ gegen Hamas-Tunnelanlagen fortsetzen. Netanjahu hatte zuvor erklärt, eine Waffenruhe sei nur akzeptabel, wenn Israel weiter Tunnelanlagen im Gazastreifen zerstören könne.

Extremisten feuerten kurz nach Ankündigung der Feuerpause drei Raketen ab

Trotz des Aufrufs von Ban und Kerry zu Zurückhaltung bis zum Beginn der Waffenruhe setzten radikale Palästinenser den Beschuss auf Israel fort. Wie das israelische Militär mitteilte, feuerten Extremisten kurz nach der Ankündigung der Feuerpause drei Raketen ab. Das Abwehrsystem „Eisenkuppel“ habe eine über Zentralisrael abgefangen.

Der von Israel abgeriegelte Gazastreifen gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Erde. Auf einer Fläche, die in etwa der Kölns entspricht, leben rund 1,8 Millionen Menschen und damit etwa 800.000 mehr als in der Stadt am Rhein.

Die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos und der Leiter des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA), Pierre Krähenbühl, hatten dem Weltsicherheitsrat zuvor über die katastrophale Lage der Zivilbevölkerung in dem Küstengebiet berichtet. Krähenbühl, der per Telefon aus Gaza zugeschaltet war, beschrieb das Leid aus eigener Anschauung: „Ich sah grauenhafte Wunden in der Kinderabteilung eines Krankenhauses. Das sind die inakzeptablen Folgen eines Konflikts, der sofort gestoppt werden muss.“

Die Menschen in Gaza fühlen sich nach den Worten von Krähenbühl verlassen. „220 000 Menschen sind unter unserem Schutz, und es werden jeden Tag mehr. Es sind jetzt schon viermal so viel wie während der Kämpfe 2008 und 2009.“ Er bestätigte, dass in drei leerstehenden UNRWA-Einrichtungen Raketen gefunden worden seien. „Wir verurteilen das und haben sofort alle Seiten informiert. Wir dulden keinerlei Waffen in unseren Einrichtungen.“

dpa/AFP

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