Nur noch das Betonskelett ist von diesem Haus in Kobane übrig geblieben. Foto: Sedat Suna
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Nur noch das Betonskelett ist von diesem Haus in Kobane übrig geblieben. Foto: Sedat Suna
Do-it-yourself-Panzer: Die hartnäckigen kurdischen Kämpfer, die den IS aus Kobane vertrieben haben, kurven in einem selbstgebauten gepanzerten Vehikel durch die befreite Stadt. Foto: Sedat Suna
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Do-it-yourself-Panzer: Die hartnäckigen kurdischen Kämpfer, die den IS aus Kobane vertrieben haben, kurven in einem selbstgebauten gepanzerten Vehikel durch die befreite Stadt. Foto: Sedat Suna
Ein erster Blick auf das zerstörte Kobane: Ein Peschmerga-Kämpfer in den Trümmern der Stadt. Foto: Sedat Suna
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Ein erster Blick auf das zerstörte Kobane: Ein Peschmerga-Kämpfer in den Trümmern der Stadt. Foto: Sedat Suna
Adla Hasso (r.) steht erschüttert in der syrischen Stadt Kobane - vier Monate hat sie auch während der Kämpfe in der Stadt gelebt. Foto: Jan Kuhlmann
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Adla Hasso (r.) steht erschüttert in der syrischen Stadt Kobane - vier Monate hat sie auch während der Kämpfe in der Stadt gelebt. Foto: Jan Kuhlmann
Endlich ruhen die Waffen: Ein kurdischer Kämpfer in der vom IS zurückeroberten Stadt Kobane. Foto: Sedat Suna
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Endlich ruhen die Waffen: Ein kurdischer Kämpfer in der vom IS zurückeroberten Stadt Kobane. Foto: Sedat Suna
Bestandsaufnahme in Kobane: Die von kurdischen Kämpfern befreite Stadt ist eine Trümmerlandschaft. Foto: Sedat Suna
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Bestandsaufnahme in Kobane: Die von kurdischen Kämpfern befreite Stadt ist eine Trümmerlandschaft. Foto: Sedat Suna
Es wirkt wie eine grausame Pointe: Eine zerstörte Modepuppe lehnt an einer der Ruinen von Kobane. Foto: Sedat Suna
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Es wirkt wie eine grausame Pointe: Eine zerstörte Modepuppe lehnt an einer der Ruinen von Kobane. Foto: Sedat Suna

Geisterstadt in Schutt und Asche: Kobane nach dem Krieg

Kobane (dpa) - Irgendwann kann Adla Hasso die Tränen nicht mehr zurückhalten. Erst kullert eine über ihre Wange, dann zwei, dann mehr. Es sind stille Tränen, die das Leid nach außen spülen, das Adla Hasso und ihre Familie in Kobane erleben mussten.

Vier Monate hat die IS-Terrormiliz die Stadt im Norden Syriens terrorisiert. Vier Monate mit Granaten, die auf Kobane regneten, Gefechten und Meldungen über neue Opfer. Adla Hasso hat auch während der Kämpfe in der Stadt gelebt. Jetzt ist sie mit ihrer Kraft am Ende.

Anfang der Woche haben die Kurden die IS-Extremisten endgültig aus Kobane vertrieben. Eine gespenstische Ruhe hat sich über die Stadt und ihre menschenleeren Straßen gelegt, die manchmal unterbrochen wird, wenn ein hupendes Auto vorbeifährt. Männer sitzen darin, die Finger zum Siegeszeichen gespreizt. Die Kurden feiern ihren Erfolg.

Adla Hasso steht mit Familie und Nachbarn am Straßenrand und wischt sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen. Glücklich und stolz sei sie über die Befreiung der Stadt, sagt die Frau Anfang 40, die sich mit einem Schal um Kopf und Hals gegen Januar-Kälte schützt. "Aber wir haben dafür mit so viel Blut bezahlt." Ihr Onkel ist in den Kämpfen umgekommen. Und so viele Nachbarn.

Jede Straße in Kobane zeigt, wie der Krieg in der Stadt an der Grenze zur Türkei gewütet hat. Granaten und Raketen haben Straßenzüge, sogar ganze Viertel in Schutt und Asche gelegt. Häuser sind zusammengefallen, Fassaden geborsten, Wände durchlöchert. In den Straßen liegen zerschossene Wracks von Autos und Lastern. Der Krieg hat Kobane in eine Geisterstadt verwandelt, grau und staubig.

Und dennoch leben, so die Schätzungen, noch rund 15 000 Zivilisten in der Stadt, weil sie nicht fliehen konnten oder wollten. Ganze Familien mit Kindern haben im Bombenhagel ausgeharrt. In einer der leeren Straßen tauchen drei kleine Mädchen aus einem Haus auf und feiern die kurdischen Kämpfer mit Sprechchören.

Auch zur Familie von Adla Hasso gehören Kinder, ihre Nachbarin hat einen kleinen Jungen, ein Jahr alt, Schnuller im Mund. Nein, sagt seine Mutter Sadiqa, sie hätten keine Angst um ihr Leben gehabt.

Wasser und Lebensmittel bekommen die Menschen von den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG). In den Straßen patrouillieren deren Kämpfer, Soldaten mit Gewehren über der Schulter und schwarzen Händen, die sie sich seit langem nicht mehr gewaschen haben. Khabat Khalil ist einer von ihnen, 20 Jahre alt, ein junger Bursche mit dünnem Bart ums Kinn. Er ist von der Front in die Stadt gekommen, um ein paar Kumpels zu treffen.

Bis vor zwei Monaten lebte Khabat in den irakischen Kurdengebieten. Dann kehrte er zurück in seine Heimat Kobane, um die Stadt gegen die IS-Extremisten zu verteidigen. "Es war ein großartiger Kampf", sagt er und lächelt, als ginge es um ein Fußballspiel. In den Fingern hält er noch immer eine Handgranate. Furcht vor dem IS und seinen Gräueltaten will auch er - wie so viele - nicht gekannt haben. Nur wenige lassen einen Blick in ihre Seele zu wie Adla Hasso.

Mohammed Saidi, ein Vertreter der Stadtverwaltung, ist auch in den Straßen unterwegs. Strom- und Wassernetz seien zerstört, sagte er. "In einem ersten Schritt versuchen wir, die Menschen damit wieder zu versorgen." Viele Viertel seien zwar befreit, aber nicht gesichert. Noch immer durchkämmten YPG-Kämpfer Häuser auf der Suche nach Leichen und versteckten Sprengsätzen.

Zugleich wird geschaut, welche Gebäude noch bewohnbar sind. Wie hoch der Schaden in Kobane ist? Mohammed Saidi kann es nicht sagen. Eins aber weiß auch er: Der Wiederaufbau wird Millionen kosten und nur mit Hilfe aus dem Ausland möglich sein. "Ich wünsche mir", sagt Mohammed Saidi, "dass die ganze Welt erfährt, was hier passiert ist." Dann zieht er davon, die Sonne geht unter.

Als schon die Dunkelheit über Kobane herein gebrochen ist, rauscht über die Stadt wieder ein Kampfjet der internationalen Koalition, die die Kurden mit Luftschlägen unterstützt. Wenig später ist in der Ferne eine Detonation zu hören. Die Schlacht um Kobane mag gewonnen sein. Im Umland aber kontrolliert der IS noch Dutzende Dörfer. Zu Ende ist der Krieg noch lange nicht.

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