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Die frühere US-Außenministerin Hillary Clinton im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel beim OSZE-Gipfel in Astana im Jahr 2010.

In ihrer Autobiografie

Hillary Clinton singt Loblied auf Angela Merkel

Washington - Wie würde Hillary Clinton als „Madam President“ die USA regieren? In ihrem neuen Buch gibt sie sich staatsmännisch und räumt mit einigen Altlasten auf. Beobachter erkennen darin bereits Wahlkampf-Taktik.

Die schlechte Nachricht gleich vorweg: Obwohl ihre Autobiografie den Titel „Hard Choices“ („Entscheidungen“) trägt, verrät Hillary Clinton auf 944 Seiten nicht, ob sie das Rennen ums Weiße Haus wagen wird. Doch das Buch lässt die Gerüchteküche um die politischen Ambitionen der 66-Jährigen weiter brodeln. Seit Monaten zanken sich Kommentatoren in Washington darüber, ob die Frau von Ex-Präsident Bill Clinton den eisernen Willen aufbringt, als erste Frau das höchste Amt der Vereinigten Staaten zu bekleiden.

„Ob ich 2016 für die Präsidentschaft kandidieren werde“, sei die Frage, die sie am häufigsten höre, frotzelt die ehemalige US-Außenministerin im Buch in Richtung all jener, die sich darüber seit Wochen den Kopf zerbrechen. „Die Antwort lautet: Ich habe mich noch nicht entschieden.“ Auch wenn sie die Antwort auf die wohl drängendste Frage schuldig bleibt: Clintons seit Dienstag in den USA und Deutschland erhältliches Buch scheint schon jetzt den Weg für einen möglichen Hillary-Wahlkampf in zwei Jahren ebnen zu sollen.

Hillary Clinton greift viele politischen Themen in ihrer Autobiografie auf

„Entscheidungen“ ist ein fein abgestimmtes Stückwerk aus persönlichen Erfahrungen, außenpolitischer Analyse und einem Marsch durch die Herausforderungen, mit denen Clinton in ihren vier Jahren als Top-Diplomatin unter Präsident Barack Obama zu kämpfen hatte. In klar gegliederten Kapiteln zu Ländern (Russland, Iran, China), Regionen (Nahost, Europa, Lateinamerika) und Themen (Klimawandel, Arabischer Frühling, Menschenrechte) führt sie die Leser mit „knappen und oft gewitzten“ Einschätzungen durch das politische Weltgefüge, wie die „New York Times“ schreibt.

Mit zwei äußerst unbequemen Themen räumt sie gleich zu Beginn auf - möglicherweise auch, um Kritikern im Fall ihrer Kandidatur ein wenig das Wasser abzugraben. Es sei „ein Fehler“ gewesen, im Jahr 2002 als Senatorin für den US-geführten Irak-Krieg zu stimmen, schreibt sie. „Ich handelte damals in gutem Glauben und auf Basis aller mir vorliegenden Informationen. Trotzdem lag ich schlicht und einfach falsch.“

Dieses Votum verfolgte sie noch Jahre später, als sie die Präsidenten-Vorwahl der Demokraten 2008 schließlich an Obama abtreten musste. Bis Clinton den Fehler nun öffentlich eingestehen konnte, sind noch einmal fast sieben Jahre vergangen. Jetzt ist das Thema endlich vom Tisch.

Auch den Zoff um den Angriff auf die US-Botschaft im libyschen Bengasi scheint die ehemalige „Secretary of State“ endlich beilegen zu wollen. Ihr wird vorgeworfen, die Gefahr unterschätzt und öffentlich heruntergespielt zu haben - bei dem Angriff im Jahr 2012 kamen vier Amerikaner ums Leben. Ihre Kritiker würden aus einer Tragödie politischen Gewinn schlagen wollen, schreibt Clinton, und schlägt zurück: „Ich werde mich nicht an einem politischen Schlagabtausch auf dem Rücken toter Amerikaner beteiligen.“

Große Neuigkeiten sind in dem knapp 1000 Seiten zählenden Wälzer nicht versteckt, dafür aber einige spannende - und teils witzige - Einblicke hinter die Kulissen der Supermacht USA. Obama habe sie während eines Treffens in Prag etwa zur Seite gezogen und gesagt: „Hillary, ich muss mit Ihnen reden.“ Dann habe er seinen Arm um sie gelegt, sei mit ihr zum Fenster gegangen und habe ihr ins Ohr geflüstert: „Sie haben da etwas zwischen den Zähnen.“ Andere Anekdoten bleiben unter Verschluss - auch zum Schutz des Präsidenten.

Der wohl dramatischste Moment ihrer Amtszeit als Chefdiplomatin war die Jagd auf Top-Terrorist Osama bin Laden. „Wir konnten nur warten, bis neue Informationen vom Team vor Ort kamen“, schreibt Clinton. „Ich blickte zum Präsidenten. Er wirkte ganz ruhig. Selten war ich so stolz darauf, an seiner Seite tätig zu sein, wie an diesem Tag.“ Hier verpasst sie nicht die Chance, auch ihren eigenen Einfluss auf Obamas Entscheidung hervorzuheben.

Eine übergreifende, außenpolitische Vision bietet die in Chicago geborene Hillary Rodham Clinton („HRC“) in ihrem Buch nicht, vielmehr präsentiert sie sich als Pragmatikerin, die kühl abwägt und von Fall zu Fall entscheidet. Der Besuch von 112 Ländern und mehr als einer Million zurückgelegter Kilometer auf internationalen Reisen macht die Lektüre aufregender als ihr Buch „Gelebte Geschichte“ von 2003.

Clintons Loblied auf Angela Merkel

Auffällig gut weg kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). „Während meiner Zeit als Außenministerin wuchs meine Bewunderung für diese entschlossene, kluge und ehrliche Frau, die mir gegenüber nie verhehlte, was sie dachte“, schwärmt Clinton. Merkel sei eine „willkommene Abwechselung zu manch anderen Staatschefs, die wirkten, als wüssten sie schon alles“. Lob hat sie auch für die „unbeirrbare Entschlossenheit“ der Kanzlerin in der Eurokrise übrig.

Die geschickt gestreuten Vorab-Schnipsel und Interviews sowie ihr anstehender Marathon zu Buchpräsentationen in New York, Chicago, Philadelphia und Washington wirken schon fast wie ein Vorbote für ihre mögliche Kampagne. Clinton schließt mit den Worten: „Die Zeit für schwere Entscheidungen kommt früh genug.“ Beobachter wollen darin längst ein „Ja“ zum Wahlkampf 2016 erkannt haben.

„Dieser Band ist sehr stark die Arbeit von jemandem, der sich all seine politischen Optionen offenhält“, resümiert die „New York Times“. Die „Washington Post“ nennt „Entscheidungen“ ein „Kampagnen-Buch“ - und fasst nach einer Analyse zusammen: „Lasst uns ehrlich sein. Hillary Clinton kandidiert für das Präsidentenamt.“

dpa

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