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Auf einen neuen Sessel in Berlin? Horst Seehofer bei einem Sommer-Interview.

Zum Kanzlerkandidaten hochgejubelt?

Dieses Gerücht freut Horst Seehofer

München – Horst Seehofer lässt sich unwidersprochen zum Kanzlerkandidaten hochjubeln: Hauptsache, in Berlin fürchten sie sich, scheint sich der Ministerpräsident zu denken. Oder hat er andere Absichten?

Die Rede sei insgesamt etwas zäh gewesen, sagen Ohrenzeugen, aber die Botschaft war klar. Horst Seehofer sei „stärker denn je“, kämpfe wie ein Löwe, habe „das Desaster der Flüchtlingskrise“ vorhergesehen und als erster ausgesprochen, sagte der Ökonom Hans-Werner Sinn – und schlussfolgerte, so einer müsse nach Berlin. Unbedingt. Sinn, Festredner bei einer Preisverleihung am Montag, hat mit seinem Loblied auf den CSU-Ministerpräsidenten mal wieder Spekulationen genährt, ob Seehofer vor einem dritten politischen Frühling steht.

Seit Wochen wird auf allen Ebenen der Politik spekuliert, ob Seehofer im Herbst 2017 auf der Liste für den Bundestag kandidiert, ob zum Schein oder sogar mit echter Wechsel-Absicht. Nach oben sind den Spekulationen, wie diese Woche zeigt, keine Grenzen gesetzt. Zwei Tage nach Sinns Hymne titelt sogar die „FAZ“ auf Seite 1 mit „Kanzler Seehofer?“ – für ihn sei der Wechsel in die Hauptstadt nur dann ein Zugewinn an Macht, wenn er die Regierung führe. Die Chance darauf sei klein, Seehofer könne als stärkste konservative Stimme der Union aber Sehnsüchte wecken.

Seehofer als Kanzler? Unmöglich ist nichts

Kanzler? Es klingt wie ein Exemplar einer Sommerloch-Schnappschildkröten-Geschichte. Dennoch enthält das mehrere wahre Kerne. Würde sich die politische Lage massiv aufheizen, etwa durch weitere Terroranschläge in Deutschland und einen sprunghaften Anstieg der Flüchtlingszahlen, würde eine erneute Spitzenkandidatur von Angela Merkel unwahrscheinlich. Ihre CDU würde in den Umfragen wohl weiter sinken, 30 Prozent minus X. Einen Kronprinzen in der CDU hat Merkel nicht.

Seehofer treibt gleichzeitig die Sorge um, wen er seinen Wählern für Herbst 2017 als CSU-Spitzenkandidaten präsentieren will. Unter den Berliner Bundesministern traut er allenfalls Alexander Dobrindt Zugkraft zu, bei seinen Münchner Ministern wären das Markus Söder und Joachim Herrmann, die beide aber kein Interesse an einem Wechsel zeigen. Dabei hat die Listenführung 2017 wohl, anders als sonst, enorme Bedeutung: Es muss eine Persönlichkeit sein, die den CSU-Wählern klarmacht, in Berlin künftig eine andere Innen- und Flüchtlingspolitik durchzusetzen. Gedankenspiel: Wenn die CSU als Bedingung für jede Koalitionsverhandlung den Erstzugriff aufs Innenministerium nennen würde, könnte das einen Teil des schweren Vertrauensverlusts vieler bayerischer Wähler in Merkel lindern.

Seehofer und Merkels Grenzpolitik

Auf einen Kanzlerkandidaten Seehofer träfe das erst recht zu. Für ihn ist der Protest gegen Merkels Grenzpolitik keine Taktik, das treibt ihn persönlich zutiefst um. Zur Wahrheit zählt allerdings auch: Er steht bei den Wählern im Wort, bis 2018 als Ministerpräsident in München zu dienen. Mindestens, würde er halblaut hinzufügen. Und bisher rief ihn niemand in der CDU, auch noch nicht leise.

Im Frühjahr 2017 fällt die Entscheidung. Einen Nutzen hat der Wirbel um Berlin aber so oder so: Schon die Drohung erhöht die Kompromissbereitschaft der CDU in Sachfragen. Seehofer bemüht sich deshalb in diesen Tagen auffallend, mit vielen wolkigen Formulierungen die Gedankenspiele nicht zu dementieren. 

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