Ahmad Mansour.
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Ahmad Mansour.

Interview mit Ahmad Mansour

Ex-Islamist: "Salafisten sind die besseren Sozialarbeiter"

Ahmad Mansour, Jahrgang 1976, ist arabischer Israeli. Er lebt seit 2004 in Berlin und arbeitet als Psychologe. Früher war er selbst Islamist, er hat den Ausstieg geschaft. Heute warnt er davor, dass eine ganze Generation in die radikale Falle tappen könnte.

Herr Mansour, Sie machen in Deutschland eine „Generation Allah“ aus, die auf ihren Glauben fixiert ist und ihn letztlich auch über den Rechtsstaat stellt. Wer sind diese Menschen?

Mansour: Sie können sich darunter deutsche Jugendliche vorstellen, meist mit Migrationshintergrund. Ihre Religion ist das einzige identitätsstiftende Merkmal, das sie haben. Sie hinterfragen sie nicht, lesen sie buchstabengetreu. Sie tragen Feindbilder in sich, sehen die Muslime als Opfer, glauben an antisemitische oder antiamerikanische Verschwörungstheorien. Diese Jugendlichen finden Sie in den Schulen oder in den sozialen Netzwerken. Wir sprechen dabei nicht von Islamisten. Es ist aber der Pool, aus dem sie sich bedienen.

Auch Sie waren in Ihrer Jugend in Israel auf dem Weg, ein Islamist zu werden, bevor Sie sich davon lösen konnten. Was passiert mit einem, der sich radikalisiert?

Mansour: Es ist ein Prozess. Man braucht Durchhaltevermögen, denn die Gruppe erwartet ja auch viel. Kein Alkohol, kein Kontakt zu Frauen. Ich habe mich ausschließlich in dieser Gruppe bewegt, sie hat meinen Alltag bestimmt.

Was hat Ihnen das gegeben?

Mansour: Anerkennung, das Gefühl zu einer Elite zu gehören. Ich hatte Freunde, musste in der Gruppe nicht viel nachdenken und keine Verantwortung übernehmen. Was moralisch ist, was unmoralisch: Alles ist klar. Natürlich kämpft man mit seinen Trieben und seiner Neugier. Aber man lehnt das alles ab, weil man dann weiß: Gott ist mit mir zufrieden.

Wäre Ihre Radikalisierung zu verhindern gewesen?

Mansour: Ich hatte damals eine persönliche Krise. Und die einzigen, die das bemerkt haben, waren die Islamisten. Meine Eltern nicht, meine Lehrer nicht, die Sozialarbeiter nicht. Die Islamisten haben mir als einzige ein Angebot gemacht. Wenn man das also verhindern will, muss man erkennen, dass jemand anfällig ist – und man muss ihm Angebote machen. Und da sind die Salafisten die besseren Sozialarbeiter.

Wieso?

Mansour: Sie sind da, wo die Jugendlichen sind. Sie sprechen ihre Sprache und machen Angebote, die auch ankommen.

Wenn man einmal in einer dieser Gruppen ist. Was fehlt dann noch, damit ein junger Mensch in den Dschihad ziehen will?

Mansour: Das hängt von vielem ab. Von den Personen, an denen ich mich orientiere. Wenn mir vermittelt wird, andere zu verteufeln und zu entmenschlichen, bin ich irgendwann in der Lage, sie umzubringen. Dazu kommen Persönlichkeitsstrukturen, die eigene Fähigkeit Gewalt anzuwenden. Und: Die meisten, die ausreisen, sind Jugendliche ohne Bindung zur Familie, Die Kommunikation ist oft schon zerstört.

Wenn es islamistische Anschläge gibt, hört man danach oft: „Das hat mit dem Islam nichts zu tun.“ Sie sehen das anders.

Mansour: Sich zu distanzieren ist gut, aber nur der erste Schritt. Ich habe das Gefühl, dass die Hausaufgaben innerislamisch überhaupt nicht gemacht werden. Wenn ich sage, „das hat mit dem Islam nichts zu tun“, muss ich mir nicht die Frage stellen, wie so ein Ungeheuer im Namen meiner Religion entstehen konnte.

Und zwar wie?

Mansour: Die Islamisten haben nichts Neues erfunden. Sie haben Schwerpunkte: Buchstabenglaube, Angstpädagogik, rigide Geschlechtertrennung, Tabuisierung der Sexualität, Opfer- und Feindbilder. Aber das findet man auch überall in den Mainstream-Islamverständnissen. Die Salafisten überspitzen das einfach.

Gibt es Konkretes, das Sie stört?

Mansour: Wenn Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, sagt, die Übergriffe in Köln hätten alkoholisierte Jugendliche begangen, die mit dem Islam nichts zu tun haben: Dann wünsche ich mir, dass er stattdessen mal die Tabuisierung von Sexualität in Frage stellt, die keinen normalen Umgang zwischen Geschlechtern ermöglicht. Was macht das mit einem Jugendlichen, wenn er seine Sexualität nur mit Schuldgefühlen ausleben darf? In den Verbänden, sitzen stattdessen Menschen, die die Opferrolle übernehmen und sagen: „Das hat mit dem Islam nichts zu tun.“ Eine ehrliche Debatte ist mit denen nicht zu führen. Allerdings auch deshalb, weil wir alle mit ihren Argumenten zufrieden sind. Wir erwarten nicht mehr.

Was muss die deutsche Gesellschaft leisten?

Mansour: Wir müssen in den Schulen unsere Werte vermitteln. Nicht mit einem Satz aus dem Grundgesetz. Sondern so, dass es jeder versteht. Was bedeutet Gleichberechtigung? Was hab’ ich davon?

Wenn Sie das sagen, dann klingt das so einfach.

Mansour: Im Gegenteil. Die Politik muss verstehen, dass es eine Jahrhundertaufgabe ist und viel kosten wird. Wir brauchen Räume in den Lehrplänen, Lehrer, Sozialarbeiter. Ich war in Schulen. Was mir dort erzählt wurde, ist unfassbar traurig. Das ist Überforderung. Die Lehrer werden im Stich gelassen.

Wie?

Mansour: Die Politik unterstützt die Lehrer nicht. Wenn der Lehrer sagt: „Ich will, dass alle am Schwimmunterricht teilnehmen.“ Dann kommt manchmal die Politik und sagt: „Naja, aber es gibt Muslime, die wollen das nicht. Bitte mach keine Probleme.“

Sind wir zu lange den einfachsten Weg gegangen?

Mansour: Ja. Und wir haben Probleme tabuisiert. Auch weil man Angst hatte, den rechten Rand zu bedienen. Dabei bedient man den rechten Rand, genau dann, wenn man die Probleme nicht anspricht.

Sebastian Horsch

Sebastian Horsch

E-Mail:Sebastian.Horsch@merkur.de

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