Irakische Luftangriffe töten 75 Zivilisten

Bagdad - Vor allem die Zivilisten leiden unter dem Konflikt im Irak. Nicht nur die Extremisten nehmen sie ins Visier, sondern auch die Armee. Human Rights Watch prangert einen Verstoß gegen internationales Recht an.

Bei Luftangriffen der irakischen Armee gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) sind seit Anfang Juni mindestens 75 Zivilisten getötet und Hunderte verletzt worden. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) warf den Regierungstruppen am Mittwoch vor, ihre rücksichtslosen Bombenabwürfe verstießen gegen internationales Recht. „Die Luftangriffe der Regierung verursachen einen entsetzlichen Blutzoll unter den normalen Einwohnern“, erklärte Human Rights Watch.

Mindestens sechs Mal habe die Armee sogenannte Fassbomben eingesetzt, die eine besonders verheerende Wirkung haben können. Angegriffen worden seien Gebiete in der Nähe von Moscheen, Krankenhäusern und Kraftwerken. Die Regierung bekämpfe zwar einen „teuflische Aufstand“, das gebe ihr aber keinen Freibrief, Zivilisten zu töten, wo immer sie IS-Kämpfer vermute, so die Menschenrechtler.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat ist im Irak seit Anfang Juni auf dem Vormarsch und beherrscht mittlerweile große Teile im Norden und Westen des Landes. Sie bekannte sich am Mittwoch zu einem Selbstmordanschlag, bei dem am Abend zuvor in Bagdad nach Angaben der Nachrichtenseite Al-Mada mindestens 25 Menschen gestorben waren.

Die Vereinten Nationen hatten der irakischen Armee und den Extremisten am vergangenen Freitag ebenfalls Menschenrechtsverstöße vorgeworfen, die Kriegsverbrechen gleichkommen könnten. Nach einem UN-Bericht sind seit Ausbruch des Konflikts Anfang des Jahres rund 5600 Zivilisten ums Leben gekommen, mehr als 11 600 wurden verletzt.

Das irakische Parlament verschob unterdessen die für Mittwoch geplante Wahl eines neuen Staatsoberhauptes um einen Tag. Die Kurden, denen das Amt nach einer informellen Absprache zusteht, konnten sich bislang noch nicht auf einen Kandidaten einigen. Als Kandidaten haben die Kurden den früheren Vize-Ministerpräsidenten Barham Salih und den Parlamentsabgeordneten Fuad Massum nominiert.

Die Wahl des Präsidenten gilt als Voraussetzung, um die politische Blockade beenden und den Vormarsch der IS-Terroristen stoppen zu können. Die Parteien ringen seit Wochen über die Besetzung der höchsten Staatsämter, die nach der Parlamentswahl Ende April nötig geworden ist. Der heftigste Streit tobt um den neuen Regierungschef, der erst nach der Wahl des Präsidenten ernannt werden kann.

Der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist seit 2006 im Amt und möchte für eine dritte Amtszeit bestimmt werden. Trotz seines Wahlsieges Ende April fehlen ihm jedoch Koalitionspartner. Sunniten und Kurden, aber auch schiitische Politiker fordern seinen Rückzug. Sie machen ihn für den IS-Vormarsch verantwortlich.

dpa

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