Al-Qaida, Boko Haram und IS

Afrika: Hier machen sich die Terrorbanden breit

München - Wie wohl kein anderer Kontinent ist Afrika derzeit im Aufruhr: Der radikale Islam ist auf dem Vormarsch. Hungersnöte und Massenfluchten sind die Folgen. Ein Überblick.

Die Angst vor Anschlägen, Entführungen und grauenvollen Morden wächst: Im Norden Afrikas tobt ein Konkurrenzkampf der Terrorgruppen um Macht und Einfluss, um Bodenschätze und für die Errichtung von Kalifaten. El Kaida, bisher vor allem in Mali und im Maghreb aktiv, weitet das Angriffsfeld auf Burkina Faso aus und hat auch den Senegal im Visier.

Zugleich droht dem Norden des Kontinents aufgrund der seit vielen Monaten alles zerstörenden Dürre eine gigantische Hungersnot. Bei den Vereinten Nationen geht man davon aus, dass in diesem Jahr nahezu 50 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind, davon allein 18 Millionen in Äthiopien. Noch sind die meisten von ihnen im eigenen Land verzweifelt auf der Suche nach einer Wasserstelle. Doch immer mehr blicken auch in Richtung Europa.

Rund 1,1 Millionen Flüchtlinge kamen im Jahr 2015 nach Deutschland – das Gros aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, relativ wenige vom schwarzen Kontinent. Das dokumentiert auch die Zahl der 2015 gestellten Asylanträge: 476 649 – davon aber nur 43 312 durch Menschen aus Afrika. Nach Ländern aufgeschlüsselt liegt Eritrea mit 10 990 Anträgen weit vorne, gefolgt von Somalia (5392), Nigeria (5302), Gambia (3110), Algerien (2240), Äthiopien (2168), Marokko (1147), dem Senegal (1205), Ghana (1152) und Libyen (1152. Experten erwarten aber einen enormen Anstieg der Migranten-Zahlen, wenn die Fluchtursachen nicht rasch und intensiv bekämpft werden. Ein Überblick nach Ländern:

Marokko

Die als politisch stabil geltende Erbmonarchie genießt in der islamischen Welt eine Ausnahmestellung: Die Herrscher-Familie aus der Alawiden-Dynastie, an deren Spitze König Hassan VI. steht, führt ihre Wurzeln bis auf den Propheten zurück. Auf Proteste, die 2011 im Rahmen des Arabischen Frühlings ausbrachen, reagierte die Staatsspitze mit einer Verfassungsreform. Die Proteste waren leicht aufzufangen, da sie ohnehin nie auf einen Regimewechsel abzielten. Marokko (34 Millionen Einwohner) dient kleineren El-Kaida-Zellen als Stützpunkt. Bei Migranten aus Marokko handelt es sich fast ausschließlich um Wirtschaftsflüchtlinge. Obwohl die Fluchtwege über das Mittelmeer und in die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla abgeriegelt worden sind, ist Marokko dennoch Ausgangspunkt einer Fluchtroute: der „westafrikanischen“ über die Kanarischen Inseln nach Europa.

Algerien

Das Land (39 Millionen Einwohner) ist nach dem blutigen Bürgerkrieg, der um die Jahrtausendwende mehr als 100 000 Todesopfer gefordert hat, zwar weitgehend zur Ruhe gekommen, gilt aber Menschenrechtlern zufolge als „unfreies Land“ mit einem „totalitären Regime“. Es regiert das Militär, der Parlamentarismus gilt als Fassade, die Korruption ist enorm. Das ergibt ein ideales Feld für terroristische Gruppen, auf deren Konten immer wieder Anschläge und Entführungen gehen. Die Mittelmeerküste ist Ausgangspunkt von inzwischen weitgehend unterbrochenen Fluchtrouten nach Südfrankreich oder auf die spanischen Balearen. Die Migranten kommen aus Algerien selbst; das Land dient aber auch Flüchtlingen aus Mali, dem Niger, Guinea, Ghana, Nigeria, Sierra Leone, Liberia und der Elfenbein-Küste als Sprungbrett (inzwischen vor allem via Libyen) nach Italien und damit in die EU.

Al-Qaida im Maghreb: Die radikale islamistische Vereinigung wurde 1998 als „Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf“ in Algerien gegründet und 2007 in „Organisation El Kaida des Islamischen Maghreb“ umbenannt. Die bis heute bestens organisierte und bewaffnete Organisation wurde von den USA als eine der gefährlichsten Terrorgruppen der Welt eingestuft – obwohl sie nur 300 bis 400 aktive Mitglieder hat. An der Spitze steht Abdelmalek Droukdel, der sich den Kampfnamen Abdelwadoud zugelegt hat. Auf das Konto der Bande gehen Entführungen, Erpressungen und zahlreiche Bombenanschläge. Die Gruppe verfügt über gute Verbindungen zu Terroristen in Libyen, Mali und anderen afrikanischen Staaten.

Mali

Etwa 50 Prozent der rund 15 Millionen Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Aufstände von Tuareg-Rebellen, aber auch Aktionen von El-Kaida-Kämpfern sowie anderen Terror- und Rebellengruppen lassen das Land nicht zur Ruhe kommen. Obwohl französische Kampfeinsätze und auch das Engagement von UN-Friedenstruppen (darunter aus Deutschland) die Lage etwas verbessert haben, sind noch immer etwa 270 000 Menschen auf der Flucht – 100 000 innerhalb Malis, der Rest in den Nachbarstaaten Algerien, Niger und Mauretanien. Schwere Menschenrechtsverletzungen sind nach wie vor nahezu alltäglich.

Ansar Dine: Die „Unterstützer des Glaubens“ kämpfen und morden vor allem in Mali für die Einführung der Scharia. Anführer Ag Ghaly hat seinen „wahren Glauben“ in Pakistan gefunden.

Burkina Faso

Das Land (18 Millionen Einwohner) gerät immer mehr in den Griff von Terroristen. In Burkina Faso sind es El-Kaida-Kämpfer, die gemeinsam mit der Miliz „Al-Mourabitoune“ das Land terrorisieren. Etwa 64 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Burkina Faso, immer wieder von innenpolitischen Machtkämpfen erschüttert, gilt als eines der ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder der Erde.

Senegal

Noch zeichnet sich der Senegal durch rechtsstaatliche und demokratische Strukturen aus. Grundlegende Freiheitsrechte wie die Religions-, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sind gewährleistet. Aber auch in diesem Land, dessen 13 Millionen Einwohner zu 90 Prozent Muslime sind, versucht El Kaida verstärkt an Einfluss zu gewinnen. Vor allem die Propaganda im Internet ist enorm. Staatspräsident Macky Sall sprach bereits von einer „totalen Bedrohung“.

Niger

Präsident Issoufou versucht seit 2011, die Politik des von Aufständen und Putschen zerrissenen Landes, das zu den zehn ärmsten der Welt zählt, wieder in normale Bahnen zu lenken. Terroristische Anschläge erschweren dies immens: Im Norden des Wüstenstaates sind El-Kaida-Horden aktiv, im Süden nehmen die Übergriffe von Boko-Haram-Islamisten aus Nigeria zu. Zudem breitet sich die organisierte Kriminalität in dem Land mit 17 Millionen Einwohnern immer weiter aus.

Nigeria

Seit der Demokratisierung Nigerias 1999 nehmen Islamisierungstendenzen im ganzen Land zu. Im Nordteil des Landes wurde die Scharia eingeführt. Es kommt immer wieder zu religiösen Pogromen mit unzähligen Opfer. Islamistische Gruppen wie Boko Haram kämpfen mit brutalsten Mitteln für die Einführung der islamischen Scharia und das Verbot westlicher Bildung in ganz Nigeria, was immer wieder auch zu blutigen Auseinandersetzungen mit Christen oder gemäßigten Muslimen führt. Saudi-Arabien und der Sudan unterstützen die Radikalen. Nigeria ist mit 177 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas.

Boko Haram: Übersetzt bedeutet der Name der Terrorgruppe, die vor allem im islamischen Norden Nigerias wütet, „Westliche Bildung ist Sünde“. Die offiziellen nigerianischen Truppen sind gegen die bestens ausgerüsteten Boko-Haram-Kämpfer – die die Scharia im ganzen Land einführen wollen – so gut wie chancenlos. Bestätigt ist, dass im Jahr 2014 etwa 2000 Menschen bei Terroraktionen der Boko Haram getötet wurden. Die Gruppe zählt zu den weltweit gefährlichsten Terrororganisationen. Anführer Abubakar Shekau hat 2015 der IS-Miliz unbedingte Treue geschworen.

Libyen/Tunesien

Libyen, Ausgangspunkt zahlreicher hoffnungslos überfüllter Boote mit Flüchtlingen aus vielen Ländern Afrikas, hat auf absehbare Zeit keine Chance, zur Ruhe zu kommen. Die Lage ist im gesamten Land unsicher. Dafür sorgen die Rivalität zweier Regierungen und Stammesfehden. Das nutzt der IS, um seinen Einfluss auszuweiten und immer stärker auch nach Tunesien vorzustoßen, das noch als relativ stabil gilt, aber immer wieder von blutigen Terrorakten erschüttert wird. Etwa eine Million Libyer sind bereits aus ihrem Land geflohen. Der Flüchtlingshandel ist zum blühenden und einträglichen Geschäft geworden.

Islamischer Staat: Seit die internationale Gemeinschaft in Syrien und im Irak ihren Kampf gegen den IS verstärkt hat, versuchen die Islamisten, in Libyen ein Kalifat zu errichten. Zulauf bekommen sie von Kämpfern aus zahlreichen Ländern und Krisengebieten bis hin nach Afghanistan. Es geht dem IS in Libyen – der mit Massenenthauptungen und anderen grausamen Aktionen von sich reden macht – nicht nur um die Verbreitung ihrer Glaubensvorstellungen, sondern auch um Bodenschätze: Libyen ist das ölreichste Land Afrikas.

Ansar-al-Scharia: Sie nennen sich „Anhänger des Islamischen Rechts“ und sind in Libyen und Tunesien, aber auch im Nahen Osten aktiv. Ihr Ziel ist die Einführung des Islamischen Rechts, der Scharia. Als Hochburg der Gruppe gilt die Hafenstadt Bengasi in Libyen.

Ägypten/Sinai

Das Militär hat die Lage in Ägypten weitgehend im Griff; Mitglieder der radikalen Muslimbruderschaft werden verfolgt. Nicht unter Kontrolle bekommen die Militärs den Sinai, wo der IS-Ableger „Die Löwen des Kalifats in der Provinz Sinai“ und auch El-Kaida-Splittergruppen immer wieder Selbstmord-Attentate und Anschläge verüben. Die Armee reagiert mit Schlägen „gegen jeden Verdächtigen“, denen auch viele Frauen und Kinder zum Opfer fallen.

Eritrea

Eritrea liegt bei den in Deutschland eintreffenden Migranten aus Afrika an erster Stelle. Die Menschen fliehen jährlich zu Zehntausenden vor einem grausamen Regime, vor Terror und Misshandlungen. Präsident Afewerki hat das total abgeschottete Land seit 22 Jahren im Würgegriff. Er lässt Menschen willkürlich verhaften, foltern oder spurlos verschwinden. Die Bevölkerung des völlig verarmten Landes hat sich zwischen 1995 und 2015 von 3,2 auf 6,7 Millionen Einwohner mehr als verdoppelt. In einer Flucht sehen viele die einzige Chance auf eine (vielleicht) bessere Zukunft.

Somalia

Das Land am Horn von Afrika hat geschätzt zwischen 7,5 und 13 Millionen Einwohner. 70 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Wasser oder medizinischer Versorgung. Nach wie vor werden bei etwa 80 Prozent der Mädchen die Genitalien verstümmelt. Das Land ist politisch zerrissen, eine allgemein anerkannte Regierung gibt es nicht. Immer wieder erschüttern Hungersnöte das Land, das als Hochburg der Piraterie gilt und in dessen Süden äthiopische Truppen, die Armee und islamistische Milizen skrupellos ihre Waffen einsetzen. Auch Somalia gehört laut UN zu den ärmsten Ländern der Welt.

Al-Schabaab: Gegründet um das Jahr 2005, kämpft „Die Jugend“ in Somalia und anderen Staaten Ostafrikas für einen Gottesstaat. Die Miliz kontrolliert inzwischen weite Teile Mittel- und Südsomalias. Bei der Ausbildung kooperiert sie mit El Kaida; auch Verbindungen zu Boko Haram und anderen Terrorbanden auf afrikanischem Boden sind belegt.

Terrorgruppe in Syrien: Das will der Islamische Staat

Terrorgruppe in Syrien: Das will der Islamische Staat

Lord’s Resistance Army: Die „Widerstandsarmee des Herrn“ wurde 1987 im Norden Ugandas gegründet. Heute kämpft sie in der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo und im Südsudan für die Errichtung eines christlichen Gottesstaates nach den Vorgaben der Zehn Gebote. Auf ihr Konto gehen über 100 000 Todesopfer, zehntausende Verschleppte (darunter viele Mädchen) und Millionen Vertriebene. Anführer Joseph Kony gilt als einer der meistgesuchten Terroristen weltweit. Die UN, die EU und die USA versuchen seit Jahren, ihn zu fassen. wm

Von Werner Menner

Rubriklistenbild: © Münchner Merkur

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