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Leutnant Hadar Goldin wird vermisst. Die Hamas sagt, dass sie keine Informationen über seinen Verbleib hat.

Wurde Hadar Goldin entführt?

Israel sucht Soldaten und feuert auf Gaza

Tel Aviv/Gaza - Israel sucht mit einem massiven Armeeeinsatz nach einem Soldaten, den militante Palästinenser am Freitag im Gazastreifen entführt haben.

Ganze Truppenformationen durchkämmten im südlichen Gazastreifen Häuser und verdächtige Orte, unterstützt von massivem Artilleriefeuer, berichtete die israelische Tageszeitung „Haaretz“ am Samstag online. Eine Militärsprecherin bestätigte, dass Israel in den vergangenen 24 Stunden 200 Ziele in dem Palästinensergebiet am Mittelmeer angegriffen hat.

Die meisten dieser Ziele lagen in der südlichen Stadt Rafah und ihrem Umland. Dort hatten militante Islamisten den israelischen Soldaten am Freitagmorgen entführt. Bei den Angriffen wurden in der Nacht mindestens 50 Palästinenser getötet, teilte Aschraf al-Kidra, der Sprecher des örtlichen Gesundheitsministeriums, mit. Israelische Flugzeuge bombardierten am Samstag auch die der Hamas nahe stehende Islamische Universität in der Stadt Gaza. Die Armee habe dort ein Waffenlabor lokalisiert, sagte eine israelische Militärsprecherin.

Was passierte mit Hadar Goldin?

Unklar bleibt das Schicksal des vermissten 23 Jahre alten Leutnants Hadar Goldin. Der bewaffnete Arm der Hamas, die Al-Kassam-Brigaden, bestritt am Samstagmorgen, den Soldaten in seine Gewalt gebracht zu haben. „Wir haben den Kontakt zu den an dem Überfall beteiligten Kämpfern verloren, und wir vermuten, dass sie alle bei dem (nachfolgenden israelischen) Bombardement getötet wurden“, hieß es in einer Mitteilung. Dabei sei wohl auch der Soldat ums Leben gekommen.

Nach Angaben des israelischen Militärs arbeitete die Einheit des Vermissten an der Zerstörung eines sogenannten „Terror-Tunnels“, als militante Palästinenser sie angriffen. Der unterirdische Gang reichte zwei Kilometer tief in israelisches Gebiet hinein. Die palästinensischen Kämpfer seien aus dem Tunnel heraus aufgetaucht und hätten den israelischen Trupp angegriffen, berichtete die „Jerusalem Post“. Demnach zündete einer von ihnen eine Sprengstoffweste, wie sie Selbstmordattentäter verwenden. Zwei israelische Soldaten wurden dabei getötet.

Der israelischen Armee zufolge ereignete sich der Angriff anderthalb Stunden nach Beginn einer dreitägigen humanitären Waffenruhe, die die Vereinten Nationen (UN) und die USA zwischen Israel und militanten Palästinensern vermittelt hatten. Israel erklärte daraufhin die Waffenruhe für gescheitert und verstärkte seine Angriffe.

Ein ranghohes Hamas-Mitglied widersprach dieser Darstellung. Die Entführung sei vor Beginn der Waffenruhe passiert, sagte Mussa Abu Marsuk, der Vize-Auslandschef der radikal-islamischen Hamas, der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu.

Zuletzt war 2006 der Soldat Gilad Schalit von einem Kommando unter Leitung der Hamas von israelischem Boden aus durch einen Tunnel in den Gazastreifen verschleppt worden. Er kam erst mehr als fünf Jahre später frei - im Tausch gegen mehr als 1000 palästinensische Häftlinge. Israel hat inzwischen eine Reihe dieser Freigelassenen wieder festgenommen.

Ban enttäuscht über gescheiterte Waffenruhe

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte am Freitag eine harte Reaktion angekündigt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich nach dem Scheitern der Waffenruhe „schockiert und zutiefst enttäuscht über die Entwicklung“. Er befürchtete „ernste Folgen für die Menschen in Gaza, in Israel und darüber hinaus“. Die USA forderten die bedingungslose Freilassung des Soldaten.

Die in Kairo geplanten Waffenstillstandsgespräche scheinen nach der Entführung geplatzt. Israel werde vorerst keine Delegation nach Kairo schicken, teilten israelische Journalisten am Samstag über Twitter mit. Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi rief die Konfliktparteien dazu auf, sich so schnell wie möglich einer früheren ägyptischen Waffenstillstandsinitiative anzuschließen. „Wenn wir Zeit verlieren, wird die Situation komplizierter“, erklärte er vor der Presse in Kairo.

US-Kongress unterstützt "Iron Dome" mit 225 Millionen Dollar

Der US-Kongress hat grünes Licht für die finanzielle Unterstützung der israelischen Raketenabwehr in Höhe von 225 Millionen Dollar (knapp 168 Millionen Euro) gegeben. Das Repräsentantenhaus in Washington stimmte am späten Freitagabend mit 395 zu acht Stimmen für die Ausstattung des Systems "Iron Dome" (Eiserne Kuppel). Der Senat hatte vor dem Beginn seiner Sommerpause zugestimmt. Nun steht noch die Unterschrift von US-Präsident Barack Obama aus.

Mit dem Geld soll "Iron Dome" wieder mit ausreichend Abfangraketen ausgestattet werden. Das System soll aus dem Gazastreifen abgeschossene Raketen erkennen und sie zerstören, bevor sie ihr Ziel in Israel erreichen. Der seit über drei Wochen andauernde israelische Militäreinsatz gegen die Stellungen der Hamas-Bewegung im Gazastreifen, bei dem rund 1650 Palästinenser getötet wurden, der Großteil davon Zivilisten, soll den Beschuss dauerhaft unterbinden.

Schon 1650 Tote im Gaza-Konflikt

Die Zahl der seit dem 8. Juli getöteten Menschen im Gazastreifen ist nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums bis zum Samstagmorgen auf 1650 gestiegen. Rund 8900 Menschen wurden demnach verletzt. Nach Angaben der UN-Nothilfeorganisation Ocha hat die Gewalt jeden Vierten Einwohner im Gazastreifen in die Flucht getrieben. Mehr als 254 000 der 1,8 Millionen Palästinenser hätten Zuflucht in eine der 90 UN-Unterkünfte gesucht.

Auf israelischer Seite wurden im Gaza-Krieg mindestens 63 Soldaten und drei Zivilisten getötet. Militante aus dem Gazastreifen feuerten am Samstag erneut Raketen auf Israel ab. Zwei Geschosse wurden am Samstagmorgen über Tel Aviv, eines über der südlichen Stadt Beerscheva abgefangen. Militante Palästinenser feuerten nach Angaben der israelischen Armee seit Beginn der Militäroffensive mehr als 3000 Raketen auf Israel ab.

dpa

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