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Historisches Debakel

Die CSU nach dem Wahldebakel: „Ist bitter“

München - Mit einem „Ja, aber“- Kurs zu Europa hat die CSU ihren Wahlkampf bestritten. Das führte zu einem historischen Debakel. Parteichef Seehofer gibt sich ratlos und bittet um Disziplin. Vermutlich darf er nicht auf Schonung hoffen.

Am Ende der missglückten Wahlparty steht Horst Seehofer in einer dunklen Ecke, mit dem Rücken zur Wand. „Es gibt Rückschläge im Leben“, murmelt er. Schräg über ihm hängt ein Kreuz, um ihn herum hängt Ratlosigkeit. Der Mann im Eck hat nicht den Hauch einer Erklärung für das Debakel dieses Abends. „Wissen Sie“, sagt Seehofer, „da muss irgendwo ein Fehler gemacht worden sein.“

Europawahl 2014: Der Tag nach der Wahl im Ticker

Er ahnt schon, dass es kein Fehler beim Zählen war, sondern ein Fehler beim Wahlkämpfen. Er weiß nur nicht, welcher. Bis Sonntag, 17.30 Uhr, dachte der Parteivorsitzende, seine CSU werde ein passables Ergebnis einfahren, vielleicht 45, 46 Prozent. Erst dann machte in der Parteizentrale die desaströse Prognose die Runde: „40“, raunten seine Leute. Anderswo würde man sich darüber freuen, in der CSU ist so ein Ergebnis ein Desaster. Zur Erinnerung: 2008 stürzten Parteichef Erwin Huber und sein Ministerpräsident Günther Beckstein, weil sie im Land nur 43,4 Prozent geholt hatten.

Wenn Seehofer rausschaut aus seiner Ecke, sieht er eine ähnlich ratlose Partei zwischen Tristesse und Frust. Ein Abgeordneter stapft mit Schweißflecken am Anzug zur Schanktheke, zischelt im Vorübergehen einen Fäkalbegriff. Der Europaabgeordnete Bernd Posselt, seit wenigen Minuten arbeitssuchend, schiebt sich zur Tür, ruft wild beidhändig winkend ein Taxi. Generalsekretär Andreas Scheuer entgeht knapp einem Eklat. „Das nächste Mal schmeiß’ ich mit dem Mikrofon“, faucht er wütend, weil ihm das ZDF in der Live-Schalte das Wort abschnitt. Zu seinem Glück ist die Kamera nicht mehr drauf.

Es sind Momentaufnahmen einer Partei, die sich schon wieder auf der Absolute-Mehrheit-Welle wähnte und jetzt übel abstürzte. An diesem Abend aber geht es, das weiß Seehofer, um mehr als um zwei, drei versemmelte Mandate im fernen Brüssel. Die Europawahl dürfte der Wendepunkt seines Wirkens in der CSU sein: Seine Kritiker werden lauter, sein Leben wird ungemütlicher. „Es wird rumpeln“, sagt einer, der es ihm sonst nicht böse meint.

Das Grollen beginnt schon, und die Richtung ist klar: Es geht gegen die Strategie, die Seehofer verantwortet. Mit dem Schatten-Spitzenkandidaten Peter Gauweiler schob er einen wilden Brüssel-Kritiker ins Rampenlicht, bot ihm die große Passauer Aschermittwochsbühne, um auf die „dummen, nackten Kaiser“ in der EU-Kommission zu schimpfen. Mit dem echten Spitzenkandidaten Markus Ferber bot er einen überzeugten Europäer auf. Der Plan, damit alle Wähler mitzunehmen, misslang – die EU-Skeptiker wählten gleich AfD, die Proeuropäer blieben daheim.

„Die Strategie von Gauweiler hat der CSU nichts gebracht“, sagt Huber, der frühere Parteivorsitzende, mit Härte in der Stimme. „Die Wähler wollen klar sehen, wofür und wogegen man ist.“ Huber fordert eine gründliche Wahlanalyse, was im Polit-Sprech in etwa heißt: Chef, du kommst nicht ungeschoren davon. Auf Gauweiler zu setzen, sei ein Fehler gewesen, sagt auch Landesgruppen-Geschäftsführer Max Straubinger. Er schimpft mit hochrotem Kopf über „unklare Aussagen“ der CSU. Der frühere Minister Hans-Peter Friedrich steht allein an einem Tisch und klagt, die Leute hätten der CSU einfach nicht getraut: „Die Bürger müssen auch glauben, dass wir das umsetzen, was wir versprechen. Weniger zu versprechen, wäre da vielleicht besser.“

Die Liste der Kritiker ließe sich lang fortsetzen. Der Chef der zahlenmäßig mächtigen Jungen Union wäre zu nennen, wie er um Worte ringt und von der Ehefrau mühsam eingebremst wird. „Wir sind gesprungen wie die Deppen“, sagt Hans Reichhart über seine Wahlkämpfer, „bis zum Gehtnichtmehr“. Die Partei habe „bei den Leuten nicht rübergebracht“, ob sie nun für oder gegen Europa war. „Ist bitter“, sagt Reichhart.

In der Partei ist klar: Wer auf Gauweiler schimpft, der meint vor allem Seehofer. Das dämmert früh auch dem Chef. Er klettert deshalb auf die Bühne des sich leerenden Saals und macht eine schlaue Ansage: Er erinnert daran, dass die ganze CSU, inklusive Parteitag, das Wahlprogramm „Europaplan“ einstimmig beschlossen habe. Man kann das in diesem Moment auch schön bildlich sehen: Ferber, der bei der Wahlparty 2009 zunächst unten stehen musste, ehe ihn Seehofer mit ein paar raunzigen Worten hochbat, darf jetzt von Anfang an mit rauf. Plötzlich können es gar nicht genug Schultern sein, die die Last des Misserfolgs tragen sollen.

Seehofer spielt zudem auf Zeit, weil er miterleben durfte, wie 2008 die Partei im Eilverfahren Huber und Beckstein kippte. Er kündigt eine lange, intensive Debatte an, vermutlich wird es bis zum Sommer eine Krisenklausur des Parteivorstands geben. Seehofer verspricht „Konsequenzen am Ende der Debatte, nicht heute“. Er bitte die CSU um „Zusammenstehen“. Gerade in der Niederlage „beweist sich die Kraft einer Partei“.

Die Kraft der Partei dürfte er demnächst zu spüren bekommen. Die kommenden Wochen jedenfalls werden ungemütlich. Aus der CDU in Berlin kann sich Seehofer zum ersten Mal seit Jahrzehnten anhören, dass die CSU die Union nach unten zog. In Brüssel wird es nun wohl noch härter, den CSU-Abgeordneten Manfred Weber als Fraktionschef aller Konservativen im Parlament durchzuboxen, auch wenn die Partei daran festhält. Und in München droht Seehofer Dauerfeuer seiner internen Kritiker. Nebenbei flammt dort auch noch die alte Landtags-Affäre um sechs seiner Kabinettsmitglieder neu auf, außerdem droht ein Untersuchungsausschuss zu einer Justiz-Affäre. „es gibt schöne und andere Tage“, sagt Seehofer. „Heute ist ein anderer.“

Möglich, dass Seehofer den Frust auf ein Bauernopfer kanalisieren kann. Ein Rücktritt von General Scheuer vielleicht, der dann auch nicht mehr ins ZDF müsste, oder Gauweilers Abgang vom Ehrenamt als Parteivize.

Ach ja – Gauweiler. Wo ist eigentlich Gauweiler?

Der vermeintlich Schuldige ist von der tristen CSU-Welt weit entfernt. Er verfolge Wahlabende lieber von zuhause aus, sagt Gauweiler am Telefon. Er isst ein Eis, im Hintergrund zwitschern die Vögel. Der Parteivize will nachdenken, das Ergebnis auf sich wirken lassen. Klar ist aber: Einen Fehler im Wahlkampf kann er nicht erkennen. Für den Münchner Rechtsanwalt gibt es nur einen Fehler: die Eurorettung insgesamt. „Der Kurs des ,Ja, aber’ von Horst Seehofer war nach Lage der Dinge die einzige Möglichkeit zu bestehen.“

Ansonsten, so sieht es der 64-Jährige, wäre es wohl noch schlimmer gekommen. „Die CSU sollte sich bei allem Ärger jetzt nicht verrückt machen lassen.“ Und fügt noch gehässig an: „Auch wenn zehn Prozentpunkte Abstand zur CDU natürlich viel zu wenig sind.“

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER UND MIKE SCHIER

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