Hass auf Israel: ein Demonstrant in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa
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Überall in der arabischen Welt lodert der Hass auf Israel und den Westen neu auf. In allen größeren Städten des Nahen Ostens skandierten Demonstranten Gewalt-Parolen – so wie hier in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.

"Jetzt droht neuer Terror gegen den Westen"

Nahost-Experte Udo Steinbach ist tief besorgt über die Folgen der Gewalt-Eskalation in Gaza – Furcht vor großem Krieg

Der Konflikt zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas ist am Wochenende eskaliert. Über die Auswirkungen sprachen wir mit dem Nahost-Experten Professor Udo Steinbach von der Universität Marburg. Er leitete viele Jahre das Deutsche Orient-Institut in Hamburg.

Herr Professor Steinbach, müssen wir nun mit einem großen Nahost-Krieg rechnen?

Das ist nicht auszuschließen. Es ist denkbar, dass die Israelis ihre Angriffe mit äußerster Brutalität fortsetzen, und dann insbesondere vom Libanon aus Angriffe der Hisbollah auf Israel erfolgen werden. Offensichtlich wurden auf libanesischem Boden bereits Vorbereitungen zu Raketenangriffen getroffen. Die gegenwärtigen Proteste in Hauptstädten zwischen Kairo und der Arabischen Halbinsel sind auf jeden Fall geeignet, das instabile Klima in der Region weiter zu verschärfen. Und eines ist klar: Mit dem, was passiert ist, ist der sogenannte Annapolis-Prozess gescheitert. Dieser sollte bis Ende 2008 zu Frieden in der Region führen.

Werden Auswirkungen auch im Westen zu spüren sein? Ist mit neuen Terroranschlägen zu rechnen?

Ja, das ist zu befürchten. Wir erleben seit vielen Jahren einen Zusammenhang zwischen der Gewaltbereitschaft bestimmter Kreise bei uns in Westeuropa und der militanten Situation im Nahen Osten.

Wird es auch auf politischer Ebene neue Konflikte zwischen dem Westen und der arabischen Welt geben?

270 Tote in wenigen Stunden – das ist ein derart brutaler Blutzoll, dass man unter keinen Umständen zur Tagesordnung übergehen kann. Wenn nun keine scharfe Reaktion gegen Israel kommt, wird der Westen in der arabischen Welt weiter an Ansehen verlieren, und der Hass wird sich verstärken. Die Attraktivität all dessen, was der Westen zu vermitteln versucht, etwa Demokratie und Menschenrechte, wird dann weiter an Stellenwert verlieren.

Daneben muss endlich starker Druck auf Israel ausgeübt werden, in einen ernsthaften Friedensprozess einzutreten. Natürlich muss auch die Hamas nachdrücklich aufgefordert werden, ihre Angriffe einzustellen. Gleichzeitig sollte ihr die internationale Gemeinschaft aber die Perspektive geben, wieder am politischen Geschehen mitzuwirken.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den Wahlen in Israel im Februar und den jüngsten Militäraktionen?

Der Zeitpunkt hängt sicherlich mit der Wahl zusammen, aber nicht ausschließlich. Die Hamas hat das Waffenstillstandsabkommen aufgekündigt und begonnen, wieder Raketen zu verschießen. Damit war klar, dass die Israelis irgendwann reagieren würden. Die Tatsache, dass sie mit äußerster Brutalität vorgegangen sind, würde ich allerdings dem beginnenden Wahlkampf zuschreiben. Denn die Parteien der Mitte, ob es die Arbeiterpartei ist, ob es Kadima ist, stehen vor der Gefahr, an Boden gegenüber den Radikalen zu verlieren, insbesondere gegenüber Benjamin Netanjahu.

Welche Partei beziehungsweise welcher der Kandidaten profitiert im Hinblick auf die Wahl am meisten von der Militäraktion?

Das ist momentan noch nicht klar, da wir möglicherweise vor einer weiteren Eskalation im Nahen Osten stehen. Über das Ergebnis kann heute nicht einmal spekuliert werden. Denn auch im Libanon-Krieg hat sich die internationale Gemeinschaft lange vertan, als sie zunächst glaubte, dass es Israel gelingen würde, die Hisbollah zu zerschlagen. Am Ende stellte sich aber heraus, dass genau dies nicht gelang. Israel hat damit in weiten Teilen der Wahrnehmung der Araber eine militärische Niederlage erlitten. Das wiederum hat damals innenpolitisch auch die Position von Israels Ministerpräsident Ehud Olmert geschwächt.

Welche konkreten Ziele verfolgt Israel mit den gegenwärtigen Angriffen?

Die Israelis wollen die Machtstrukturen der Hamas im Gazastreifen vollständig zerschlagen. Das Ziel ist, dort am Ende wieder eine von Fatah geführte Regierung an die Macht zu bringen. Die aktuelle Militäraktion halte ich allerdings nicht für verhältnismäßig. Israel trifft eine große Schuld an dem Konflikt, da es sich einem Friedensprozess vollständig verweigert hat. Außerdem hat Israel nicht dafür gesorgt, der Bevölkerung in Gaza eine spürbare Erleichterung ihrer Lebenssituation zuteil werden zu lassen.

Was bezweckt die Hamas ihrerseits mit den Raketenangriffen im israelischen Grenzgebiet?

Die Hamas plant nach der Machtübernahme im Gazastreifen im Juni 2007 nun die Einrichtung eines palästinensisch-islamistischen Emirates. Hamas verfolgt daneben im Hinblick auf die harten Wirtschaftssanktionen, die von der internationalen Gemeinschaft und den Israelis ausgehen, das Ziel, die Israelis kontinuierlich mit den Raketenangriffen zu provozieren. So will sie sich als allein-kämpfende Partei für die Sache der Palästinenser darstellen.

Wie stehen die arabischen Staaten zu dem Konflikt? Wie sehen Sie die Rolle der USA?

Nahezu alle arabischen Staaten, insbesondere Saudi-Arabien, die Golfstaaten und Ägypten, verfolgen eine Politik des Friedensprozesses mit Israel. Damit soll der verhängnisvollen Radikalisierung, die jetzt wieder zum Ausdruck gekommen ist, entgegengesteuert werden. Diese Politik dürfte nun vorerst gescheitert sein. Die Signale aus Washington sind einmal mehr verhängnisvoll. Sie deuten an, dass man auf einen Sieg Israels gegen die Hamas setzt und damit die Gewaltpolitik Israels unterstützt.

Wie könnte der Konflikt gestoppt werden?

Das wäre allenfalls den Vereinten Nationen möglich. Sie könnten gegen beide Seiten Resolutionen erlassen. Aber wie lange das dauert, haben wir im Sommer 2006 während des Libanonkrieges erlebt.

Welche weiteren negativen Auswirkungen sehen Sie im Zusammenhang mit der Militäraktion?

Ich kann mir vorstellen, dass die Bereitschaft des Irans, sich Amerika anzunähern, um den Irak zu stabilisieren, nun weitere Rückschläge erleiden wird. Das könnte auch im Hinblick auf eine neue Politik des Aufeinanderzugehens mit den USA und Barack Obama gelten. Die Iraner werden sich wieder stärker mit den angegriffenen Arabern solidarisieren.

Das Gespräch führte Jochen Lehbrink

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