+
Jürgen Todenhöfer im Gespräch mit dem Al-Nusra-Kommandeur Abu Al Ezz.

Nahost-Experte im Interview

Todenhöfer über Syrien: "Die Rebellen sind nicht besser als Assad"

Aleppo - Nahost-Experte Jürgen Todenhöfer war vor Kurzem in Syrien im Kampfgebiet des Bürgerkriegs in Syrien. In der tz erzählt der Buchautor (Inside IS) von seinen Erlebnissen - und wehrt sich gegen Kritik, er sei Assad-Propaganda aufgesessen.

Die zwischen Rebellen und Assad-Truppen geteilte syrische Stadt Aleppo hat in den letzten Tagen die heftigsten Bombardements der syrischen und russischen Luftwaffe seit Beginn des Bürgerkriegs erlebt. Der Publizist und Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer war vor zehn Tagen im Kampfgebiet und traf dort einen Kommandeur einer kleinen Einheit der islamistischen, Al-Kaida nahe stehenden Al-Nusra-Front. In der tz erzählt der Buchautor (Inside IS) von dem gefährlichen Interview - und wehrt sich gegen Kritik, er sei Assad-Propaganda aufgesessen.

Sie haben einen Kommandeur der islamistischen Al-Nusra-Front in der Nähe von Aleppo interviewt, im Niemandsland zwischen Regierungs- und Rebellentruppen. Wie gefährlich war das?

Jürgen Todenhöfer: Unsere Information war, dass wir einen Kommandeur, der ein paar hundert Leute befehligt, treffen würden – also einen einzelnen Mann. Als wir uns den Steinbruch näherten, tauchten aber überall vor und hinter uns Kämpfer auf, teilweise maskiert. Da wurde unserem Fahrer mulmig, der sagte: „Wir sind in eine Falle geraten. Jetzt haben sie uns!“ Das waren ein paar Minuten der Panik, weil wir nicht wussten, ob jetzt ein Erschießungskommando kommt – aber dann wurden wir freundlich empfangen. Als wir nach dem rund einstündigen Interview wieder rausgingen, kam eine niedrig fliegende Drohne. Ich weiß nicht, ob es eine amerikanische oder russische Drohne war – aber es war in jedem Fall brenzlig. Die Kämpfer flohen in alle Richtungen – und wir auch.

Jürgen Todenhöfer: "Weder Assad noch Rebellen wollen Frieden"

Der Kämpfer Abu Al Ezz behauptete, seine Truppe würde gut mit Israel zusammenarbeiten und US-Waffen bekommen. Ist das glaubwürdig?

Todenhöfer: Dass verwundete Al-Nusra-Kämpfer in Israel behandelt werden, ist auch aus anderen Quellen bekannt. Was die US-Waffen betrifft, sagte der Kommandeur, dass sie Geld und schwere Waffen direkt von den Golfstaaten Saudi-Arabien, Kuwait und Katar bekommen. Auf meine Nachfrage, ob er auch direkt Waffen von den Amerikanern bekomme, blieb er letztlich unklar. Jedoch geben ja sogar die Amerikaner zu, dass sie nicht sicherstellen können wo ihre gelieferten Waffen in Syrien letztendlich landen.

Sie verweisen in dem Interview auf den historischen 30-jährigen Krieg, und der Kämpfer sagt: „Wir kämpfen seit fünf Jahren – das ist im Vergleich wenig …“ Wird dieser Konflikt je enden?

Todenhöfer: Weder die Regierung Assad noch die führenden Rebellen – und das ist im Moment die Al-Nusra-Front – wollen Frieden. Deswegen bin ich inzwischen sehr pessimistisch. Eine denkbare Lösung wäre, dass Obama Druck auf die Saudis ausübt, die Waffenlieferungen an die Rebellen zu stoppen. Zweitens, dass Putin Druck auf Assad ausübt, die Verfassung so zu ändern, dass der nächste Präsident höchstens eine Legislaturperiode regieren darf. So könnte ein Machtwechsel ohne Gesichtsverlust stattfinden.

Wird es ohne eine Teilung des Landes je Frieden geben?

Todenhöfer: Dieser Krieg ist ein Stellvertreterkrieg – in der ersten Phase ein verdeckter Krieg der Saudis gegen den Iran, jetzt, in der zweiten Phase, sind diese Hintermänner offen in den Krieg eingetreten – dazu auch noch die Russen gegen die Amerikaner. Deshalb können nur diese zwei Staaten eine Initialzündung für die Lösung geben.

Seit einem Jahr beteiligen sich die Russen offen am Syrien-Krieg. Hat Putin nicht die Hauptschuld?

Todenhöfer: Dieser scheußliche Krieg wird von beiden Seiten mit Kriegsverbrechen geführt. Die meisten Toten mit 105 000 Toten haben Assads Regierungstruppen, danach kommen die Rebellen mit 101 000 Toten, danach kommen 86 000 Zivilisten. Und danach kommen nochmal über 120 000 Tote, die sich nicht klar zuordnen lassen.

Und die Zivilisten werden von beiden Seiten nicht geschont …

Todenhöfer: Da geht dann der Streit los: Die Opposition sagt, 70 Prozent der Zivilisten wurden von Assad getötet, Assad sagt, 70 Prozent wurden von den Rebellen getötet. Das kann ich nicht beurteilen. Aber mir geht es darum, dass die Rebellen nicht besser sind als die Assad-Truppen – was viel zu wenig berichtet wird.

Jürgen Todenhöfer: "Habe den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt"

Dr. Firas Khoury vom Deutsch-Syrischen Informationsforum behauptet, Sie wären auf einen Propaganda-Trick des Assad-Regimes hereingefallen – und der angebliche Al-Nusra-Kämpfer war in Wahrheit ein Assad-Schauspieler. Was sagen Sie dazu?

Todenhöfer: Diese Art der Kritik zieht sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit. Immer wenn ich Interviews habe, die andere nicht haben – etwa mit Assad oder bei meinem Besuch beim Islamischen Staat – dann heißt es: Falsch! Untertrieben! Übertrieben! Der Spiegel musste 14 strafbewehrte Unterlassungserklärungen hinnehmen, als er versuchte, meine IS-Geschichte als fragwürdig zu entlarven. Trotzdem gebe ich zu: Bei solch einem Interview in einem Kriegsgebiet bleibt immer ein Rest-Risiko, dass man getäuscht wird. Wir haben uns auf den uns bekannten Kontakt verlassen und darauf, dass wir alles Erdenkliche über diesen Kommandeur recherchiert haben.

Warum tun Sie sich das an, sich in derartige Gefahr zu begeben?

Todenhöfer: Ich habe den zweiten Weltkrieg noch miterlebt, mit viereinhalb. Mit 20 war ich im Algerienkrieg, später mit den Mudschahedin im sowjetisch besetzten Afghanistan. Dort, wie jetzt in Damaskus, bin ich in die Krankenhäuser gegangen und habe schwer verletzte Kinder gesehen. Da habe ich gemerkt, dass Äußerungen wie die von Bundespräsident Gauck, wir müssen mal wieder zu den Waffen greifen, unglaubliches Gerede sind. Das, was Krieg ist, sehen Sie nur in den Krankenhäusern! Ich habe bisher sieben Bücher über Kriege geschrieben, um den Opfern dort ein Gesicht zu geben.

Interview: Klaus Rimpel

Lesen Sie hier die Geschichte vom Katzen-Mann in Aleppo, der sich um die Tiere kümmert, die unter dem Krieg zu leiden haben. Außerdem haben wir jene Bilder gesammelt, die das Leid und die desaströsen Zustände in Aleppo mit am besten beschreiben.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bundespräsidentenwahl in Österreich: Wann gibt es Ergebnisse?

Wien - Wann erfahren wir Ergebnisse der Bundespräsidentenwahl 2016? Wann gibt es die ersten Prognosen? Alle Informationen zu Termin und Resultaten.
Bundespräsidentenwahl in Österreich: Wann gibt es Ergebnisse?

Beschämend: Debatte zu Aleppo im Bundestag - und keinen interessiert es

Berlin - Aleppo gleicht einer zerbombten Geisterstadt, Hunderttausende sind eingeschlossen. Trotzdem nahm an einer „Aktuellen Stunde“ im Bundestag zu Syrien kaum ein …
Beschämend: Debatte zu Aleppo im Bundestag - und keinen interessiert es

Gewinnt Alexander Van der Bellen noch einmal die Wahl in Österreich?

München - Alexander Van der Bellen kandidiert bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich als unabhängiger Bewerber. Kann der frühere Grünen-Politiker wieder gewinnen?
Gewinnt Alexander Van der Bellen noch einmal die Wahl in Österreich?

Zuwanderer müssen sich auf deutsche Gesellschaft einlassen

"Wir können uns nicht leisten, dass Integration scheitert", erklärt der Deutsche Landkreistag. Bei einer Konferenz in Berlin wird klar, dass nicht nur die Flüchtlinge …
Zuwanderer müssen sich auf deutsche Gesellschaft einlassen

Kommentare