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Kein Sieger am Wahlabend: Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen (li.) und FPÖ-Kandidat Norbert Hofer nach Bekanntgabe des Patts.

Interview zur Österreich-Wahl

Kabarettist Schneyder: "Hofer nicht dämonisieren"

München - Der österreichische Kabarettist Werner Schneyder spricht im tz-Interview über die Bundespräsidenten-Wahl in der Alpenrepublik und warnt vor einer Dämonisierung des Rechtspopulisten Norbert Hofer.

Wie gespalten ist Österreichs Gesellschaft nach diesem Wahlkampf?

Werner Schneyder: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, Österreich besteht zu 50 Prozent aus Künstlern, Establishment und Schickeria und zu 50 Prozent aus Menschen. Es wird nun die Aufgabe sein, wieder ein sinnvolles Mischungsverhältnis herzustellen…

Damit spielen Sie auf Norbert Hofers Äußerung an, Alexander Van der Bellen habe die „Schickeria“ an seiner Seite, er selbst aber das österreichische Volk. Aber wirkte das Engagement von Künstlern wie Ihnen für Van der Bellen tatsächlich kontraproduktiv?

Schneyder: Bei manchen sicher. Aber bei manchen auch nicht – das werden wir bis zu unserem Ableben nicht erfahren. Beim ersten Wahlgang mit sechs Kandidaten hätte niemand von mir erfahren, wen ich gewählt habe. Aber bei diesem Lager-Wahlkampf musste ich als Staatsbürger, der einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, jetzt schon sagen, was ich denke.

Falls Hofers eine Mini-Mehrheit bekommt und Bundespräsident wird: Was müssten die Österreicher von ihm befürchten? Und was die Europäer?

Schneyder: Nichts. Wenn ich Hofer als Person richtig beurteile, würde er sich nicht wie ein Rabauke im Präsidentenamt aufführen. Aber einen Großteil seiner Wähler würde er damit enttäuschen! Ich glaube, dass in der FPÖ ein großer, interner Streit losgehen wird, ob er der richtige Kandidat war.

Es kann aber sein, dass er gerade wenn er sich nicht aufführt wie ein Rabauke, einem FPÖ-Kanzler Strache den Weg bereitet…

Schneyder: Dann werden die 50 Prozent Österreicher, die keine Menschen sind, sondern nur Establishment und Schickeria, die werden sich zu wehren wissen!

Als die FPÖ unter Jörg Haider 2000 erstmals in der Koalition mit der ÖVP Regierungspartei wurde, reagierte der Rest Europas mit Boykott. Kanzler Gerhard Schröder sagte damals: „Wehret den Anfängen!“ Jetzt blieb es erstaunlich ruhig in den Nachbarländern. Warum?

Werner Schneyder

Schneyder: Weil sie wissen, dass sie sich damals wie die Idioten benommen haben! Sie haben dieses Wahlergebnis dämonisiert – und man muss wissen, dass man österreichische Wahlergebnisse nicht beeinflussen kann, außer man marschiert ein. Zum Dämonisieren besteht auch jetzt kein Anlass! Norbert Hofer ist nicht Donald Trump – ich mag Hofer nicht, ich mag seine Partei nicht. Aber Angst habe ich vor Trump!

Europakritische Nationalisten in Polen und Ungarn an der Macht, der drohende EU-Austritt der Briten, Le Pen auf dem Sprung zur Macht in Frankreich – und jetzt Hofer: Kann die EU das alles überleben?

Schneyder: Diese Prophezeiung wage ich nicht. Es gibt ja durchaus ein paar Politiker in Europa, die wissen würden, wie es geht. Zum Beispiel beim Beschluss, die Flüchtlinge prozentuell, statistisch sinnvoll auf die EU-Staaten aufzuteilen. Aber dann haben drei, vier gesagt: Ohne uns! Da bin ich erschrocken. Die unterschreiben etwas und fühlen sich in keiner Weise verpflichtet, das Unterschriebene umzusetzen. So kann Europa nicht funktionieren.

Die Machtfülle des Bundespräsidenten ist laut Verfassung groß – wie kann es sein, dass die Österreicher das erst jetzt bemerken und vorher keine Regierung auf die Idee kam, diese seit 1929 geltende Präsidenten-Macht à la Weimarer Republik einzuschränken?

Schneyder: Das ist zutiefst Österreichisch. In Wien gibt es den Satz: „Wir wern kaan Richter net brauchen!“ Das heißt: Wir lassen es nicht darauf ankommen. Jetzt erkennt man plötzlich, es könnte einer darauf ankommen lassen und überprüft dieses Bundespräsidenten-Gesetz.

Aber wird dann die FPÖ nicht sagen: Jetzt, da nicht nur ÖVP und SPÖ das Amt haben, wollt ihr dessen Macht einschränken! Spielt das den Freiheitlichen nicht in die Hände?

Schneyder: Ich glaube nicht. Wenn der Herr Hofer nicht der Wunder-Wutzi ist, als der er sich angepriesen hat, wird das den Leuten Wurst sein.

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