Eine Stadt in der Wüste: Zwei Buben im Flüchtlingslager Zaatari an der syrisch-jordanischen Grenze, wo knapp 80 000 Flüchtlinge leben.

Kein Traum von Europa

Millionen Syrer harren im Nahen Osten aus

Amman/Beirut – Der Krieg in Syrien tobt seit fünf Jahren. Noch immer fliehen täglich Menschen, viele wollen nach Europa. Doch noch viel mehr Syrer harren in den Nachbarländern aus. Ein Besuch bei Menschen, die nur eines wollen: zurück in ihr Zuhause.

Waleed hat seinen Gästen Kaffee mit Kardamom serviert, in dem kleinen Container, der seit drei Jahren sein Zuhause ist. Der bärtige Mann sitzt auf dem Boden. Mit seiner Frau und drei Kindern wohnt der 47-Jährige hier in Zaatari, einem riesigen Flüchtlingslager in Jordanien an der Grenze zu Syrien. Vor drei Jahren sind sie aus Daraa hergekommen – das ist die syrische Stadt, in der die Aufstände 2011 begannen. Früher hat Waleed für die Regierung gearbeitet, war Wachmann in einer Schule. „Ein glückliches, ganz normales Leben“, sagt er. Dann kam der Krieg. „Und jetzt leben wir hier im Staub.“ Nur sechs Kilometer trennen ihn von seiner Heimat, und doch sie ist unerreichbar.

Will er nach Europa, wie so viele andere? Waleed winkt ab. „Meine Kultur, meine Sprache – das alles ist doch hier“, sagt er. Für ihn steht fest: „Wir gehen nach Hause, oder wir bleiben hier.“ Seine Mutter musste er schon in Jordanien begraben, seinen Bruder auch. Europa interessiert Waleed nicht.

Die Zahl der syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern (Stand März 2016).

Wie er harren Millionen Flüchtlinge in Syriens Nachbarländern aus. Seit die Proteste gegen die Regierung 2011 einen Bürgerkrieg entzündeten, sind fast fünf Millionen Menschen geflohen. In Deutschland wurden 2015 knapp 430 000 Syrer registriert. Doch die meisten, etwa 2,7 Millionen, sind in der Türkei. Knapp 640 000 syrische Flüchtlinge leben in Jordanien, und mehr als eine Million im kleinen Libanon. Als Zaungäste des Krieges sehen die Flüchtlinge hilflos mit an, wie ihre Heimat zerstört wird. Und doch wollen viele nur eines: zurück nach Syrien.

Während auf der anderen Seite der Grenze der Krieg tobt, steht auf der Champs-Élysées ein herrenloser Esel herum. Das ist hier nichts besonderes, und auch sonst hat die staubige Einkaufsmeile in Zaatari mit der gleichnamigen Pariser Prachtstraße nichts gemeinsam. Champs-Élysées, so haben die knapp 80 000 Flüchtlinge in Zaatari die Straße getauft. Hier gibt es in Baracken Obst, Gemüse, Grillhendl, Spielzeug und sogar Brautkleider zu kaufen. Normalität im Alltag der Kriegsopfer, für die sonst nichts mehr normal ist.

Bevor Zaatari im Sommer 2012 entstand, „war dort nur Wüste“, sagt Volker Schimmel. Er arbeitet für das Flüchtlingsnetzwerk UNHCR, das auch das Camp organisiert. 2012, das war in der Region die Hochzeit der Flüchtlingskrise. In jenem Winter kamen täglich 3000 bis 5000 Flüchtlinge nach Jordanien. Jetzt sind die Zahlen niedriger: Mehr als 500 Menschen am Tag waren es seit Jahren nicht mehr. „Das heißt aber nicht, dass die Situation hier gut ist“, sagt Schimmel.

Die Solidarität der Jordanier mit den Syrern ist zwar groß. Sie schenken ihnen Matratzen oder Satellitenempfänger. Und theoretisch erhalten die Syrer freien Zugang zum Bildungssystem, was aber oft daran scheitert, dass in den Klassen keine Plätze mehr frei sind. Die Gesundheitsversorgung war für Geflohene zunächst kostenfrei und wird auch heute noch stark subventioniert. Und die Regierung gibt zumindest einigen Syrern eine befristete Arbeitserlaubnis.

Aber wer mit Menschen auf den Straßen von Amman, eine gute Autostunde von Zaatari entfernt, spricht, merkt schnell: Niemand hier will, dass die Flüchtlinge länger in Jordanien bleiben als unbedingt nötig. Von Integration ganz zu schweigen. Schon heute sind Schulplätze auch für Einheimische knapp, und das rationierte Wasser muss jetzt für mehr Menschen reichen als früher. Nicht nur die Jordanier haben kein Interesse an Integration: „Auch viele Syrer wollen einfach nur zurück“, sagt Schimmel. „Die Frage ist nur: Wohin?“

Täglich kommen Schreckensnachrichten aus Syrien. Das von Russland unterstützte Regime, Rebellenbrigaden und die Terrormiliz Islamischer Staat bekämpfen einander erbittert. Nach Schätzungen wurde fast eine halbe Million Menschen getötet. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht, das Land ist zerstört.

Eine von denen, die zurück wollen, um ihre Heimat wieder aufzubauen, ist Um Mohammed. Die 47-Jährige lebt mit ihrem Mann und fünf ihrer zehn Kinder in einer kleinen Wohnung am Rand von Amman. Als ihr Mann in Daraa von einer Kugel in den Arm getroffen wurde, die durchs Wohnungsfenster einschlug, beschlossen sie, Syrien zu verlassen. Nach Jordanien war es nicht weit. „Wir dachten, wir kommen nach ein paar Tagen zurück, wenn die Situation besser ist. Wir haben nicht mal Klamotten mitgenommen“, erzählt Um Mohammed. Drei Jahre liegt dieser Tag zurück.

Nach acht Monaten im Camp Zaatari fanden sie über Bekannte die Wohnung. Sie ist karg, aber gemütlich eingerichtet, der Boden mit Teppichen und Matratzen bedeckt. Die 210 Dollar Miete bezahlt die Familie von den etwa 300 Dollar, die sie von UNHCR und von Unicef erhält. Der Vater bemüht sich um Gelegenheitsjobs, der 15-jährige Sohn arbeitet im Coffeeshop, anstatt zur Schule zu gehen. Dazu kommen rund 28 US-Dollar im Monat, die jeder syrische Flüchtling in Jordanien vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) bekommt. Mit einer elektronischen Karte können die Menschen damit ausschließlich Lebensmittel in speziellen Geschäften einkaufen. Ihre Identität weisen sie nach, indem sie ihre Augen scannen lassen. Keine Iris gleicht der anderen.

Auch wenn Um Mohammed und ihre Familie es hier schwer haben: Nach Europa zieht es sie nicht. Für die, die den Weg auf sich nehmen, hat sie wenig Verständnis. „Die Leute gefährden ihr Leben und das Leben ihrer Familie. Obwohl sie doch hier schon in Sicherheit sind.“ Auch dass eines ihrer älteren Kinder alleine nach Europa geht, schließt sie aus. „Wir kommen zusammen, und wir gehen zusammen.“

Im kleinen Libanon ist die Abwehrhaltung gegenüber Syrern noch ausgeprägter als in Jordanien. Auf 4,5 Millionen Libanesen kommt dort mehr als eine Million Flüchtlinge. Auf Deutschland umgerechnet, würde das die Aufnahme von 20 Millionen Menschen bedeuten. Dennoch bezeichnet der Staat die vielen Flüchtlingscamps als informelle Siedlungen. Offiziell gibt es sie also gar nicht. Im Land herrscht ein „sehr labiles Ambiente“, sagt Dominik Heinrich. Der Österreicher ist im Libanon der Landesdirektor des WFP. Klar, die Libanesen verdienen an der Flüchtlingskrise viel Geld. Alleine die WFP-Geschäfte haben mehr als 630 Millionen Dollar in die Wirtschaft gespült. Neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. Dazu die Mieten, der Strom, alles, wofür die Flüchtlinge bezahlen. „Aber die Situation setzt das Land auch unter großen Stress“, sagt Heinrich. Viele Libanesen sind selbst arm. Es gibt Neid: „Wieso alles für die Flüchtlinge?“ Auch deshalb unterstützt das WFP 27 000 bedürftige Libanesen.

Die Geschichte des Libanons schürt die Skepsis gegenüber den Syrern: Nach 1948 flüchteten viele Muslime aus Palästina in den Libanon – Konflikte zwischen christlichen und muslimischen Milizen führten zu einem grausamen Bürgerkrieg. In dem traumatisierten Land, in dem früher einmal die Christen in der Mehrzahl waren, geht die Angst um, muslimische Zuwanderer könnten erneut das sensibel austarierte Kräftegleichgewicht zwischen den religiösen Gruppen gefährden. Und damit den Frieden.

Dazu kommt die Befürchtung, dass die Syrer in den Arbeitsmarkt drängen. Im Niedriglohn-Segment sind sie schon jetzt gefragt, da sie leicht auszunutzen sind. Die 200-Dollar-Gebühr für eine halbjährliche Aufenthaltserlaubnis können sich die meisten nicht leisten. In der Praxis macht sie das quasi rechtlos. Egal, wie man sie behandelt, egal, ob man sie bezahlt: Zur Polizei können die Syrer nicht. Wer ohne Aufenthaltserlaubnis erwischt wird, dem drohen hohe Geldstrafen und mehrere Tage im Gefängnis.

Auch Wasel, 60 Jahre, kann die 200 Dollar nicht zahlen. In Syrien war er Bauer, im Libanon Geld zu verdienen, fällt ihm schwer. Wasel ist zu alt, die Gelegenheitsjobs kriegen die Jüngeren. Auch die Miete kann er kaum zahlen. Mit seiner Familie wohnt er in einem halbfertigen Haus nahe der Hauptstadt Beirut, in dem 16 weitere Familien untergebracht sind. Im ganzen Land gibt es solche Unterkünfte. Garagen oder Rohbauten, in denen Flüchtlinge wohnen. Das Haus, in dem Wasel lebt, wollte die Besitzerin eigentlich für ihre beiden erwachsenen Kinder bauen. Doch dann ging das Geld aus. Nun nimmt sie von Flüchtlingsfamilien 200 Dollar für einen Raum mit unverputzten Wänden und Fenstern ohne Scheiben.

Trotz all dieser Probleme sagt WFP-Landesdirektor Heinrich in Anlehnung an den berühmten Satz von Angela Merkel: „Man schafft es hier auch.“ Und schiebt hinterher: „Noch.“ Dass so viele Syrer trotz allem gar nicht nach Europa wollen, wundert Heinrich nicht: „Die riskante Reise ist die eine Sache, die völlig neue Kultur ist eine andere Herausforderung.“ Auch die UNHCR-Repräsentantin im Libanon, Mireille Girard, glaubt, dass die meisten Syrer im Libanon nur darauf warten, in ihr Land zurückzukehren, wenn der Krieg einmal vorbei ist. „Denn dort wird es Arbeit geben für Jahrzehnte.“

Und Wasel? Würde er nach Europa gehen, wenn er könnte? „Mein Land bedeutet mir sehr viel“, sagt der 60-Jährige. „Ich will nur zurück“, sagt Wasel. Dann laufen ihm Tränen über das Gesicht.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Waffenverkäufe gehen weltweit nur noch leicht zurück

Seit fünf Jahren macht die internationale Rüstungsindustrie weniger Umsatz. Doch es sind vor allem die amerikanischen Firmen, die weniger Waffen verkaufen. In Westeuropa …
Waffenverkäufe gehen weltweit nur noch leicht zurück

Verfassungsreform: Italien hat entschieden

Rom - Italien droht ein Sturz ins Ungewisse: Die Wähler haben der Verfassungsreform von Regierungschef Renzi Prognosen zufolge eine klare Absage erteilt. Dessen Zukunft …
Verfassungsreform: Italien hat entschieden

Ex-Grüner Van der Bellen siegt in Österreich deutlich

Wien - Lange sah es bei der Präsidentenwahl in Österreich nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus - mit Vorteilen für den FPÖ-Kandidaten Hofer. Zuletzt hatte aber …
Ex-Grüner Van der Bellen siegt in Österreich deutlich

Das schreibt die deutschsprachige Presse über die Wahl

Wien/Berlin - Nach der Wahl in Österreich kommentieren Tageszeitungen in Deutschland und Österreich das Ergebnis. Hier lesen Sie eine Auswahl an Pressestimmen.
Das schreibt die deutschsprachige Presse über die Wahl

Kommentare