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Merkur-Autor Lorenz von Stackelberg.

Rückzieher des Bundespräsidenten

Kommentar zu Gaucks Verzicht: Bedauerlich, aber sympathisch

München - Laut Medienberichten steht Joachim Gauck nicht mehr für eine zweite Amtszeit als Bundesprädident zur Verfügung. Man wird sich an ihn positiv erinnern, findet Lorenz von Stackelberg.

Update vom 6. Juni 2016: Bundespräsident Joachim Gauck wird am Montag um 12.00 Uhr eine Erklärung abgeben, ob er sich eine zweite Amtszeit als Bundespräsident vorstellen kann - oder ob er verzichtet. Wir berichten im Live-Ticker von der Gauck-Erklärung.

Wenn es stimmt, dass Joachim Gauck nicht für eine zweite Amtszeit als Bundespräsident zur Verfügung steht, dann ist das bedauerlich, aber auch sympathisch – in einer Welt, die übervoll ist von Realitätsverweigerern, die nicht loslassen können, weil sie sich unersetzlich finden. Für gänzlich uneitel dürfte sich der frühere Pastor wohl selbst nicht halten; seine anerkannte Wortgewandtheit wäre ohne Freude am Umgang mit Sprache und Publikum aber kaum möglich. Mut und Charisma besitzt Gauck jedenfalls. Und er brachte aus der Ex-DDR ein präsidentielles Thema mit ins Schloss Bellevue, die Freiheit und ihre Bedrohungen, das er unbeirrt und mit Verve verfolgte, zum Missfallen mancher ausländischer Repräsentanten wie etwa dem türkischen Staatschef Erdogan.

Wenn Joachim Gauck jetzt offenbar unter Verweis auf sein fortgeschrittenes Alter auf dem Zenit des Ansehens dem höchsten Staatsamt den Rücken kehren will, dann gehört zur ganzen Wahrheit allerdings auch die Tatsache, dass der Bundespräsident seiner politischen Lebensbotschaft offensichtlich nicht mehr allzuviel hinzuzufügen hat. 

Er verlieh dem Amt wieder Glanz

Die alles überrollende Flüchtlingskrise zeigte ihn lange Zeit seltsam einsilbig, zur kraftvollen Lotsenrolle hat er bis heute nicht gefunden. Dennoch gehört Gauck neben Richard von Weizsäcker sicher zu den wenigen Bundespräsidenten, deren man sich noch nach Jahrzehnten positiv erinnern wird – als jenen Mann, der dem verbeulten und verschrammten Amt, das seine unglücklichen Vorgänger Horst Köhler und Christian Wulff hinterließen, wieder Glanz verliehen hat.

Die Bundestagsparteien allerdings, allen voran die CDU mit der Kanzlerin, müssen sich jetzt mitten im Wahlkampf auch noch mit einer hochsensiblen Nachfolgefrage herumschlagen, was dem von Angela Merkel anfangs nur widerwillig akzeptierten damaligen Kandidaten eine späte Genugtuung verschaffen dürfte. Pikant am Rande: Ginge es strikt nach Qualifikation und Persönlichkeit, hieße der „geborene“ Nachfolger Wolfgang Schäuble.

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