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Georg Anastasiadis, stellvertretender Merkur-Chefredakteur.

Von Georg Anastasiadis

Kommentar zu Merkels Türkei-Reise: Zum Schämen!

München - "Eine Reise für die man sich schämen muss", meint Georg Anastasiadis, stellvertretender Merkur-Chefredakteur, in seinem Kommentar zu Angela Merkels Türkei-Besuch.

Glückliche Flüchtlingskinder im Sonntagsstaat, jubelnde Anhänger von Erdogans AKP und eine Kanzlerin, die sich tief vor dem Regime in Ankara verneigte: Hollywoods Meisterregisseure hätten Merkels Türkei-Reise nicht schöner inszenieren können. Ihr Ausflug ins Flüchtlingslager unweit der syrischen Grenze war ein voller Erfolg – für den Sultan und seine Schergen, die Krieg führen gegen ihr Volk. Für die türkische Zivilgesellschaft und alle, die sich in Europa ein Fünkchen Selbstachtung vor dem osmanischen Despoten bewahren wollen, aber war sie eine Zumutung.

Man muss nicht den Rüpel Böhmermann mögen, um sich für diese Reise zu schämen. Dafür reicht ein Satz aus dem Brief, den der von Erdogan angeklagte Chefredakteur der Zeitung „Cumhuyriet“ an Merkel schrieb, just an dem Tag, da diese dem Regime ihre Aufwartung machte: In der Türkei tobe ein „Kampf auf Leben und Tod“ zwischen Demokraten und Autokraten. Ins Bild passt, dass Ankara zur gleichen Zeit bei der EU gegen ein Konzert der Dresdner Sinfoniker zum Völkermord an den Armeniern intervenierte, mit Erfolg. Immer ungenierter fordert Erdogan als Preis für seine Türsteher-Dienste Europas Verrat an den eigenen Werten. Und es gibt nicht wenige in Brüssel und Berlin, die dazu noch ein feierliches Gesicht aufsetzen.

Merkels Getreue verkaufen das als Realpolitik. Tatsächlich gibt es gute Gründe, mit Ankara im Gespräch zu bleiben. Nur sollte man es mit der Heuchelei und den Ehrerbietungen nicht zu sehr übertreiben. Die Wahrheit ist: Weil die Kanzlerin aus Rechthaberei und aus Sorge um ihren Nimbus als Europas humanitäre Führerin einerseits die eigenen Grenzen nicht schützen lassen will, und weil sie andererseits aber, um im Amt zu bleiben, ihre Willkommenspolitik unter dem Ansturm von Millionen unausgesprochen dennoch beenden musste, liefert sie Europa den Launen des Schleusenwärters Erdogan aus. Der eine, nie offen korrigierte Anfangsfehler zwingt Merkel zu immer wilderen Verrenkungen. Erdogan kennt ihre Notlage – und fordert immer neue Unterwerfungsgesten. Männer wie Seehofer hat Merkel im Griff; der Osmanenherrscher aber, der sich einen feuchten Kehricht um westliche Höflichkeitsformen schert (und um galanten Umgang mit Frauen erst recht!), ist aus anderem Holz. Je brutaler der Sultan sein Gesicht wahrt, desto mehr verliert die Kanzlerin das ihre.

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