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Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne).

"Wir sind keine Heiligen"

Kretschmann hebt die klassische Ehe hervor und sorgt für Empörung

Berlin - Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat seine Partei zu Selbstkritik aufgerufen. Und löst mit einer Äußerung Empörung aus. Dann ruderte er zurück.

Update 6. Oktober, 17 Uhr: 

„Ich bedauere, dass eine Passage in meinem Namensbeitrag für die „Zeit“ offenbar für einige Menschen missverständlich war“, erklärte Kretschmann am Donnerstag bei Facebook. „Deshalb möchte ich den Sachverhalt klarstellen. Meine Haltung war und ist eindeutig: Ich möchte die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen. Homosexuelle Paare sollen genauso wie heterosexuelle Paare heiraten können.“

Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand sprach in der „Heilbronner Stimme“ und dem „Mannheimer Morgen“ (Freitag) von „unglücklichen und missverständlichen Formulierungen“. Die Grünen hätten einen Familienbegriff, „der genauso vielfältig ist wie unsere Gesellschaft“.

"Klassische Ehe bleibt die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen"

„Wir sind keine Heiligen und werden es auch dann nicht, wenn man uns dazu machen will“, schrieb er in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung Die Zeit (Donnerstag). „Anstatt Vorgaben für das gute Leben und die individuelle Lebensgestaltung zu machen, sollten wir uns auf den Kampf für eine gute Ordnung der Dinge konzentrieren.“

Kretschmann (Grüne) räumte ein, dass seine Partei indirekt zum Aufstieg der AfD beigetragen habe. Grüne Ideen wie die Gleichstellung von Mann und Frau, der Atomausstieg und alternative Familienmodelle seien in der Mitte der Gesellschaft angekommen. "Doch es gibt auch diejenigen, die diese Modernisierungen nicht wollen." Bei ihnen entstehe aus Überforderung das Gefühl des Kontrollverlusts und die Sehnsucht nach der alten Ordnung. Deshalb müsse deutlich gemacht werden, "dass die neuen Freiheiten in der Lebensgestaltung ein Angebot und keine Vorgabe sind".

Empörung bei Politiker-Kollegen

Kretschmann fügte hinzu: "Individualismus darf nicht zum Egoismus werden, sonst wird gesellschaftlicher Zusammenhalt unmöglich. So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so." Mit dieser Formulierung hat sich der Grünen-Politiker wohl nicht nur Freunde gemacht. 

So greift beispielsweise die Grüne Jugend den Satz des Parteikollegen auf und schreibt dazu: "Dieses Zitat würde man dem ersten Gefühl nach eher einer Erika Steinbach zuordnen. Tatsächlich kommt es jedoch von Winfried Kretschmann." Die Grüne Jugend, Teil der Grünen Bündnis 90, kann diese Äußerung von Kretschmann nicht gut heißen. "Kretschmann spricht sich immer wieder dagegen aus, moralisierende Vorgaben für die individuelle Lebensgestaltung zu machen, hier erklärt er jedoch die heterosexuelle Ehe zur gesellschaftlichen Norm und zur berechtigterweise bevorzugten Lebensform. Damit widerspricht er sich nicht nur selbst, sondern stellt sich auch gegen emanzipatorische Kämpfe und befeuert den gesellschaftlichen Rollback."

Trotz Parteizugehörigkeit widerspricht die Grüne Jugend dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten und macht deutlich: "Wir streiten weiterhin für eine freie Wahl des Beziehungsmodells. Welcher Lebensentwurf Menschen glücklich macht, entscheiden diese selbst, nicht Winfried Kretschmann - und das ist auch gut so."

Nachhilfe in Sachen Lebensformen

Auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen in Schleswig-Holstein, Rasmus Andresen, ist mit Kretschmanns Äußerung unzufrieden und erklärt, wie gut es sei, dass Kretschmann kaum Einfluss auf das Bundesprogramm der Grünen habe.

Kritik kommt auch vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Sven Kindler.

Grünen-Mitglied Erik Marquardt würdigt die Selbstironie Kretschmanns in dessen Gastbeitrag in der Zeit. Zugleich hat er für Winfried Kretschmann noch einen Tipp in Sachen Lebensformen.

dpa/mt

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