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Kroatiens Ministerpräsident Tihomir Oreskovic.

Merkur-Interview

Kroatiens Premierminister: Wir können Syrer nicht aufhalten

München - Kroatiens Premierminister Tihomir Oreskovic erklärt im Interview mit dem Münchner Merkur: Wir nehmen syrische Flüchtlinge auf. Aber wir können sie nicht aufhalten.

64.000 Kroaten leben in Bayern, mehr als die Hälfte davon in München – Tendenz seit dem EU-Beitritt stark steigend. Dennoch hat es sieben Jahre gedauert, bis wieder ein kroatischer Regierungschef zu Besuch nach München kam. Dabei ist die Zusammenarbeit in Zeiten von Flüchtlingskrise und Terror wichtiger denn je. Wir sprachen mit Tihomir Oreskovic, der in Kanada aufwuchs und später in Amsterdam lebte. Jetzt will der 50-jährige parteilose Unternehmer als kroatischer Regierungschef sein Heimatland voranbringen.

Herr Premierminister, in Deutschland wird kontrovers über die Flüchtlingskrise diskutiert – auch zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel, die stark auf eine europäische Lösung dringt. Auf welcher Seite stehen Sie?

Als ich diese Woche mit Horst Seehofer gesprochen habe, schien er sehr zufrieden, dass es gelungen ist, die Balkanroute zu schließen. Auch das ist übrigens eine gute europäische Lösung, weil wir gemeinsam mit Österreich, Slowenien, Serbien und Mazedonien eine humane Lösung erreicht haben. Dass zwischen den europäischen Ländern, aber auch innerhalb Deutschlands heftig diskutiert wird, stört mich nicht. Im Gegenteil: Ich finde dieses Ringen mit Argumenten gesund, wenn man eine so wichtige Entscheidung treffen muss.

Sind Sie optimistisch?

Der Lösungsvorschlag mit der Türkei liegt auf dem Tisch. Jetzt müssen wir ihn konkret mit Leben erfüllen.

Tihomir Oreskovic: Abwarten, ob Syrer bei uns bleiben wollen

Er sieht vor, dass auch Kroatien Syrer aufnimmt. Machen Sie das?

Ja. Kroatien ist Teil der Lösung. Wir sind bereit, 1000 bis 1500 Syrer bei uns unterzubringen. Aber man darf nie vergessen, dass Kroatien bislang ein Transitland war. Es bleibt also abzuwarten, ob diese Menschen überhaupt bei uns bleiben wollen. Wenn sie weiterziehen möchten, können wir sie nicht aufhalten.

Kroatien ist ein junges EU-Land. Nach Grexit- und Flüchtlingsdebatte wachsen die Zweifel an der Union, Großbritannien stimmt sogar über den Brexit ab. Machen Sie sich Sorgen um die Europäische Union?

Ich mache mir keine Sorgen. Europa ist nämlich wie eine große Familie, und wie in jeder großen Familie gibt es auch hier unterschiedliche Meinungen, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Aber selbst in den schwierigsten Situationen bei Grexit oder Flüchtlingskrise haben wir zu einer gemeinsamen Lösung gefunden. Ich bin da einfach Optimist. Die Vielzahl der Meinungen hilft bei der Lösungsfindung.

Meinungsfreiheit ist ein schönes Stichwort. In einigen europäischen Ländern wie Ungarn oder Polen, aber auch in der benachbarten Türkei wird darüber gerade intensiv diskutiert. Auch in Ihrem Land gibt es kritische Stimmen, beispielsweise vom Journalistenverband. Er sorgt sich um die Meinungsfreiheit.

Vergangene Woche habe ich mit einem Vertreter der österreichischen Styria-Gruppe gesprochen, die die größte Zeitung in Kroatien besitzt. Ich habe ihn gefragt, ob er Probleme mit unserer Pressefreiheit sieht. Er hat gesagt, dass die Journalisten sich frei fühlen. Als Premierminister kann ich das nur bestätigen: Ich spüre täglich am eigenen Leib, wie frei die Journalisten mit Politikern umgehen.

Sie sind erst seit drei Monaten im Amt. Was würden Sie als Ihre wichtigste Aufgabe bezeichnen?

Der Schwerpunkt muss auf der Wirtschaft liegen. Über diverse EU-Fonds können wir Mittel in Höhe von 10,7 Milliarden Euro verteilen – am besten in Investitionen für Infrastruktur und regionale Entwicklung. Nach 20 Jahren in der Wirtschaft verfüge ich über Kontakte und Erfahrung, um Investoren ins Land zu locken. Während meines Besuchs in München habe ich mich zum Beispiel mit bayerischen Unternehmern zum Abendessen getroffen.

Investoren beklagen öfters eine überbordende Bürokratie in Ihrem Land.

In diesem Bereich ist viel zu tun. Vor allem in der öffentlichen Verwaltung muss die Bürokratie abgebaut werden, damit es Investoren leichter haben.

Welche Rolle spielt der Tourismus? Schon jetzt machen rund zwei Millionen Deutsche im Jahr Urlaub in Kroatien. Viele der traditionellen Ziele im Süden verlieren wegen Terrorangst und Flüchtlingen an Attraktivität. Profitieren Sie davon?

Der Anteil des Tourismus am Bruttoinlandsprodukt liegt bei 20 Prozent. Die Einnahmen steigen Jahr für Jahr – 2015 um sieben Prozent. Es geht auch, aber nicht nur um Sicherheit. Wir haben zuletzt 500 Millionen Euro investiert und verfügen jetzt über Weltklassehotels. Dazu profitieren wir von neuen Trends: „Game of Thrones“ und der jüngste Starwars-Film wurden bei uns gedreht – das war großartige Werbung. Seitdem kann man sagen: Die Macht ist mit uns.

Interview: Mike Schier und Alexander Weber

Alexander Weber

Alexander Weber

E-Mail:Alexander.Weber@merkur.de

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