+
Gemeindetags-Chef Uwe Brandl.

Thema Flüchtlinge

Gemeindetags-Chef warnt: „Die Helfer sind erschöpft“

Sonthofen - Am Dienstag treffen sich Bayerns Bürgermeister, um ein brisantes Thema zu besprechen: Integration. Der Münchner Merkur sprach zuvor mit dem Präsidenten des Gemeindetags, Uwe Brandl (CSU).

Bayerns Bürgermeister kommen am morgigen Dienstag in Sonthofen zur Landesversammlung des Gemeindetags zusammen. Es geht zwei Tage lang um ein Thema, das sie seit vielen Monaten beschäftigt: Integration. Uwe Brandl (CSU), der Präsident des Gemeindetags und Bürgermeister von Abensberg, sieht neue Herausforderungen auf sich und seine Kollegen zukommen.

Wie haben sich die Herausforderungen für die Kommunen seit dem großen Flüchtlingszustrom vor einem Jahr verändert?

Uwe Brandl: Damals waren wir vor allem damit beschäftigt, Unterkünfte für die vielen Menschen zu schaffen – und zwar nach Möglichkeit jenseits von Turnhallen. Jetzt hat sich die Situation zwar ein wenig beruhigt, doch kein Mensch weiß, ob es nur eine Pause ist. Ich glaube, wir werden uns auf eine zweite Welle einstellen müssen. Aktuell stehen wir nun vor der Herausforderung, dass wir die Menschen integrieren müssen. Das BAMF bearbeitet die Asylanträge mittlerweile in etwa anderthalb Monaten. Wir sind dadurch doppelt und dreifach gefordert.

Wieso?

Wir müssen vom ersten Tag an mit der Integration beginnen. Innerhalb von sechs Wochen lernt niemand Deutsch. Es ist sowieso nicht nachvollziehbar, dass die staatlichen Sprachkurse erst nach der Anerkennung beginnen. Wir Kommunen bieten deshalb über die Volkshochschulen schon vorher Sprach- und Alphabetisierungskurse an und danach Integrationskurse. Anders haben die Menschen schließlich keine Chance, hier Fuß zu fassen.

Sechs Wochen bis zur Anerkennung reichen dafür aber wohl kaum.

Das stimmt. In Abensberg haben wir aktuell 198 Flüchtlinge und 104 Fehlbeleger – also Flüchtlinge, die bereits anerkannt sind, aber nicht aus den Unterkünften ausziehen können, weil sie keine Wohnung finden. Bis zur Anerkennung ist der Staat zuständig, dann die Kommunen. In Bayern stellt sich der Staat glücklicherweise seiner Mitverantwortung, indem er nun die Erstaufnahmen für die Folgeunterbringung öffnet. Das verschafft uns etwas Luft, um Wohnraum zu schaffen – die aktuell größte Herausforderung. Was den sozialen Wohnungsbau angeht, hinken wir den Erfordernissen hinterher.

Fürchten Sie, dass sich dann die Stimmung verändert?

Die Stimmung verändert sich bereits. Das Thema Flüchtlinge beschäftigt uns seit zwei Jahren intensiv. Die Helfer sind erschöpft, viele sogar an ihrer Grenze angekommen. Sie bekommen einzelne Schicksale nicht mehr aus dem Kopf. Es ist enorm anstrengend, mit traumatisierten Menschen zu arbeiten. Und mit Menschen aus fremden Kulturkreisen, in denen vieles, das für uns normal ist, nicht selbstverständlich ist. Die Erschöpfung ist deutlich zu spüren. Anfangs hatte ich 130 Helfer, inzwischen sind noch 25 übrig. Die anderen sind ausgestiegen, weil sie nicht mehr können.

Wie große Sorgen macht Ihnen das als Bürgermeister?

Das macht mir große Sorgen. Und etwas anderes fast noch mehr: Ich beobachte, dass unsere intensiven Bemühungen um die Flüchtlinge bei vielen Bürgern zu Frust führen. Sie haben das Gefühl, dass man sich um sie weniger kümmert. Ich mache mir Sorgen, dass die Akzeptanz gegenüber Flüchtlingen irgendwann bröckelt.

Welche Rolle spielen die bereits anerkannten Flüchtlinge in Ihrer Stadt?

Unsere Helferkreise haben es geschafft, einen Großteil der Flüchtlinge so gut zu integrieren, dass sie nun selbst bei der Flüchtlingsbetreuung helfen. Das macht mir Mut. Sie helfen uns zum Beispiel, Sprachbarrieren zu überwinden, indem sie übersetzen. Ich hoffe, dass sich dadurch die Helfer irgendwann noch mehr zurücknehmen können.

Interview: Katrin Woitsch

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Papst fordert politische Führung in Europa: „Wir sind im Krieg“

Rom - Europa sucht derzeit eine neue Vision und einen Weg in die Zukunft. Die Worte des Papstes passen da gerade richtig ins Bild. Franziskus hat aber nicht nur eine …
Papst fordert politische Führung in Europa: „Wir sind im Krieg“

Schwimmen im Burkini: Muslimische Schülerin scheitert mit Klage

Karlsruhe - Eine muslimische Schülerin hatte sich durch elf Instanzen geklagt, weil sie im Schwimmunterricht kein Burkini tragen wollte und daher eine schlechte Note …
Schwimmen im Burkini: Muslimische Schülerin scheitert mit Klage

Merkel stellt sich gegen Parteitagsbeschluss zum Doppelpass

Essen - Seit Dienstag findet der CDU-Parteitag in Essen statt. Kanzlerin Angela Merkel hat sich erneut zur Bundesvorsitzenden wählen lassen. Ein Beschluss zum Doppelpass …
Merkel stellt sich gegen Parteitagsbeschluss zum Doppelpass

Unicef: Lage der Kinder in Syrien „unaussprechliche Tragödie“

Berlin - Der Bürgerkrieg in Syrien geht in seinen sechsten Winter. Und die Gewalt hält an. Viele Kinder sind in höchster Not - und wollen trotzdem lernen.
Unicef: Lage der Kinder in Syrien „unaussprechliche Tragödie“

Kommentare