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MM-Interview mit dem CSU-Vorsitzenden Erwin Huber

Immer noch Landespolitiker

Erwin Huber wird 70: Ein Leben unter Hochspannung

München – Langer Aufstieg, steiler Sturz – und dann Arbeitswut statt Wehleidigkeit: In Bayerns Politik gehört Erwin Huber zu den Außergewöhnlichen. Einige haben sich an ihm abgearbeitet, auch in der CSU. Am Dienstag wird er 70.

Vor ein paar Jahren war Erwin Huber mal wieder auf einem jener Termine, für die sich andere zu schade sind. Ein Feld in Ostbayern, Einweihung eines Trafohäuschens. „Ein Umspannwerk“, erklärte ein Bürgermeister in der Festansprache, „ist eine Anlage, die leise und unbeachtet vor sich hin brummt.“ Wie wichtig sie sei, merke man erst, wenn sie ausfalle.

2012 war das, beobachtet von der „SZ“. Leise und wenig beachtet vor sich hinbrummen. Große Spannungen in kleinere verwandeln, aber auch Blitze erzeugen können, die bei anderen die Sicherung durchbrennen lassen: Passt die Metapher vom Umspannwerk nicht wunderbar auf den späten Erwin Huber? Am Dienstag wird er 70 Jahre alt, hinter sich ein Leben in Hochspannung mit gewaltigen Erfolgen und krachenden Niederlagen. Vor sich eine Geburtstagsfeier mit Hymnen und Huldigungen im heimischen Reisbach und gut zwei weitere Jahre im Landtag.

So ist Politik - Huber sieht das nüchtern

Tatsächlich ist der einfache Abgeordnete Huber in seinem 39. Parlamentarier-Jahr noch immer einer der interessantesten Landespolitiker. Er arbeitete sich in einer Ochsentour hoch, vom Sohn einer alleinerziehenden Landarbeiterin zum Spitzenpolitiker, „vom Ministrant zum Minister“, wie er gern sagt. Im September 2007 wählte ihn ein Parteitag mit 58 Prozent zum CSU-Vorsitzenden, Gegenkandidat Horst Seehofer. Es war Hubers Zenit.

Exakt ein Jahr später, die Nacht der Landtagswahl: Hubers Absturz. Als die CSU auf 43,4 Prozent sackte, ein historisches Debakel, Verlust der Alleinregierung, war sein politisches Schicksal besiegelt: Rücktritt als Minister, vom Parteivorsitz, Übergabe mit für die Fotografen gespieltem Lächeln an Horst Seehofer.

So ist Politik, Huber sieht das nüchtern. Einer seiner schönsten Sätze: „Der Sündenbock ist kein Herdentier.“ Was dann folgte, war aber außergewöhnlich für die Politik. Huber zog sich in Reihe 3 des Landtags zurück, übernahm kein Austragsstüberl, keine Aufsichtsratsmandate, keine Pension, obwohl die längst gesichert wäre, sondern rackerte als Abgeordneter weiter. „Ich begreif’s als Dienst“, sagte er unserer Zeitung über sein Politikverständnis: „Wenn’s halt nicht im Kardinalsrang geht, mach’ ma als Weihbischof weiter.“

Immer noch Spannungsverhältnis zu Horst Seehofer

Langjährige Weggefährten bis zum Sturz: Edmund Stoiber und Erwin Huber.

Man sieht Huber seither nicht im Dienstwagen mit Personenschutz und Aktenträgern, sondern im Nieselregen an der Tramhaltestelle; nicht nur klaglos, sondern erfüllt. Die Aufgabe auf niedrigerer Ebene übernimmt er mit einem Ausmaß an Demut, das Parteifreunde rätseln lässt. „Nein, ich hätte ihm nicht dazu geraten“, sagte Günther Beckstein, sein politischer Tandempartner 2007/08.

Nur: Mit Unterwürfigkeit oder Altersmilde verwechseln sollte man die Demut nicht. Das merkten die neuen Großen der Partei im Oktober 2013. Da planten Seehofer, Markus Söder und Ilse Aigner, Huber den Vorsitz des Wirtschaftsausschusses im Landtag zu nehmen und einem Jüngeren zu geben. Huber kämpfte und siegte in einer denkwürdigen FraktionsAbstimmung mit 49:47, so knapp, dass mehrfach ausgezählt wurde. Der Respekt der Abgeordneten vor ihm war größer als der vor den Nachfolgern. Es blieb der letzte externe Abschaltversuch des Umspannwerks Huber.

Feier in Reisbach - zeitgleich mit Kabinettsklausur

Was auch bleibt: das Spannungsverhältnis zu Seehofer, drei Jahre jünger. Es ist bisweilen rätselhaft. Der neue Regent wirft dem alten halblaut Undank vor, gerade mit Blick aufs Landesbank-Debakel. Huber hielt Seehofer „einsame Ansagen“ vor, verlangte „zivilere Umgangsformen“. Er nimmt sich heraus, den Parteichef öffentlich zu kritisieren, Tapferkeit vor dem Freund, eine in der Heckenschützen-CSU seltene Tugend. Gleichzeitig nimmt Seehofer den Ex-Finanzminister noch oft mit nach Berlin, wenn es dort tief in Details der Wirtschafts- und Finanzpolitik geht und schwierigste Fragen zu verhandeln sind.

Zur Feier am Dienstagabend in Reisbach kann Seehofer nicht kommen, zeitgleich ist Kabinettsklausur. Das ist gut so, weil es die Frage erübrigt, ob Seehofer eingeladen wäre. Huber ist auch das zuzutrauen. Im „Spiegel“ sagte er 2015 launig: „Mein Zahnarzt sagt, ich sei indolent, das heißt schmerzunempfindlich.“

Kein Schmerz? Man kann das glauben, oder auch nicht. Eines ist vom Umspannwerk Huber aber noch mindestens zwei Jahre verlässlich zu erwarten: Stromstöße für die Landespolitik.

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