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"Gespaltenes Land, geschrumpfte Parteien -wird Deutschland unregierbar?" So lautete das Motto in Maybrit Illners Polit-Talk.

Hitzige Debatte über Senegalesen-Äußerung

"Sie reden Nazis nach dem Mund": Scheuer bei Illner-Talk unter Dauerbeschuss

Berlin -  Mit seiner berühmten Aussage über "ministrierende Senegalesen" empörte Andreas Scheuer ganz Deutschland -  nun trat der CSU-General in Maybrit Illners Polit-Talk auf.

Eine Kanzlerin, die öffentlich ihre Fehler eingesteht, eine rechtspopulistische Partei auf dem Weg zum bundesweiten Erfolg und eine zunehmend zersplitterte Parteienlandschaft: Um diese und ähnliche Themen sollte sich Maybrit Illners Polit-Talk am Freitag drehen, der unter dem passenden Motto "Wird Deutschland unregierbar? Gespaltenes Land, geschrumpfte Parteien" stand.

Zu Beginn der Sendung schien das erstaunlich zu klappen - die Runde hielt sich brav an die Vorgaben und analysierte auf überwiegend sachlicher Ebene die prekäre innenpolitische Lage. Neben dem CSU-General Andreas Scheuer waren an diesem Abend der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann, die Linken-Politikerin Katja Kipping, der Journalist Hans-Ulrich Jörges und der Historiker Heinrich August Winkler geladen.  

Nach wenigen Minuten ließ Illner allerdings erst einmal einen weiteren Gast zu Wort kommen: den Wissenschaftler Oliver Decker, der die sogenannte "Mitte-Studie" vorstellte. Der Experte erklärte, dass jene gesellschaftliche Mitte, die so viele Volksparteien unbedingt zu repräsentieren versuchen, kein (wie oft fälschlicherweise angenommen) Hort der Demokratie sei, sondern äußerst fragil. Die hauchdünne Grenze zum rechten Rand ist mit der Flüchtlingsfrage aktuell endgültig verwischt: Nun melden sich demnach jene Menschen zu Wort, die schon in den vergangenen Jahrzehnten "mit einer bestimmten liberalisierenden Entwicklung nicht einverstanden waren". Der AfD sei es damit sogar gelungen, "das Potenzial zu mobilisieren, das die NPD nicht erreicht hat."

Scheuer gerät unter Beschuss

Ein interessanter Vortrag, der der Runde als Anstoß hätte dienen können, tiefer in die politische Materie einzusteigen. Doch lenkte die Illner-Redaktion die Unterhaltung mit einem kurzen Beitrag in eine ganz andere Richtung - der eingespielte Zusammenschnitt zeigte unter anderem Scheuer, der im Presseclub Regensburg den Satz sagt, der innerhalb kürzester Zeit das ganze Land empörte: "Entschuldigen'S die Sprache: Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist. Weil den wirst Du nie wieder abschieben. Aber für den ist das Asylrecht nicht gemacht, sondern der ist Wirtschaftsflüchtling."

Seine provokante Aussage und vor allem die unangebrachte Wortwahl wurde selbst von ungewohnter Seite wie dem Münchner Kardinal Marx und dem Vorsitzenden der evangelischen Kirche missbilligt - logisch, dass auch die überwiegend linksliberale Runde im TV-Talk nun nicht mit an Scheuer gerichteten Vorwürfen sparte. Dabei machte ausgerechnet Illner den Anfang: "Wie klasse findet Seehofer Sie noch?", fragte sie Scheuer bissig, nachdem dieser zum x-ten Mal versucht hatte zu erklären, dass diese Aussage von Anfang an als "bewusst gekennzeichnete Spitze" gedacht war.

"Wie ein Koalitionsangebot an die AfD"

Er erläuterte, dass sich die CSU ausschließlich um die wirklich Schutzbedürftigen kümmern wolle - was Illner so deutete: "Das klingt, als sei Integration für die CSU vor allem ein Abschiebehindernis." Daraufhin verstrickte sich Scheuer in seinen Rechtfertigungsversuchen, probierte sogar die Integrationsversuche der CSU ins Spiel zu bringen. Nun konnte sich auch die Linken-Vorsitzende Kipping nicht mehr zurückhalten und ließ ihrer Wut freien Lauf: "Die ehrenamtlichen Helfer haben einen echten Beitrag zur Integration geleistet", unterbrach sie wirsch. "Ihr Satz dagegen klang wie ein Koalitionsangebot an die AfD." 

"Sie reden Nazis nach dem Mund"

Der SPD-Geschäftsführer Oppermann und auch der "Stern"-Journalist Hans-Ulrich Jörges pflichteten ihr sofort bei - mit ihrem ständigen Pochen auf einer Obergrenze hätte die CSU "permanenten AfD-Wahlkampf" betrieben. 

Die Chance auf eine sachliche Unterhaltung war nach Aufkommen dieses Themas allerdings unmöglich: Illner entfachte einen neuerlichen Disput zwischen den Streitparteien Scheuer und Kipping, als sie die Linken-Politikerin Wagenknecht mit Scheuer verglich, weil die kürzlich eine Abschiebung krimineller Asylbewerber gefordert hatte. Kipping reagierte empört: "Sahra Wagenknecht nennt Nazis Nazis, Sie reden ihnen nach dem Mund", wandte sie sich direkt an Scheuer. Der reagierte überraschend trotzig: "Das ist eine große Nummer, das lasse ich mir von Ihnen nicht sagen."

Für ein Ende der GroKo

Schließlich gelang es den anderen Rundenmitgliedern dann doch noch, das Thema wieder auf das eigentliche Thema zu lenken: die Parteipolitik. Jörges und Oppermann sprachen dabei über ein Problem: Wenn sich die CDU/CSU weiterhin nicht richtig von der AfD abgrenze, sich ihr mit solchen Aussagen sogar extrem gleiche, blieben viele Wähler einfach beim Original und machten ihr Kreuz gleich bei der rechtspopulistischen Partei.

Eine mögliche Konsequenz aus der Misere sieht Journalist Jörges: "Es darf keine Verlängerung der Großen Koalition geben - sonst wird die AfD noch stärker", sagte er.

Auch Oppermann und Kipping plädierten für ein Ende der GroKo und schlossen eine rot-rot-grüne Koalition nicht aus - für die Linksliberalen zum jetzigen Zeitpunkt womöglich die eleganteste Lösung: Zum einen hätten sie die christlich-konservative Volkspartei endlich aus der Regierung gedrängt,  zum anderen wäre mit der CDU in der Opposition auch die AfD ein für allemal ausgebootet.

Sophie Lobenhofer

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