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Merkel und Seehofer.

CDU und CSU in der Krise?

Merkel und Seehofer: Tief in der Beziehungskrise

München - Sie kriegen es nicht hin. Immer wenn sich Horst Seehofer und Angela Merkel einen Schritt aufeinander zuzubewegen scheinen, folgt der nächste Krach. Offiziell geht es immer noch um Inhalte. Wahrscheinlicher ist: Das Verhältnis ist zu zerrüttet, um sich zu normalisieren.

Sie sind Profis. Also geben sie sich professionell. Es wird gescherzt, am Dienstagabend im Kanzleramt. So berichten es Teilnehmer. „Krisentreffen“, hat die Presse geschrieben. Haha. Als ob es eine Krise gäbe! Ganz köstlich. Dann sprechen Angela Merkel und Horst Seehofer konzentriert stolze 25 Minuten lang über wichtige Probleme. Zum Beispiel darüber, wo die Klausur von CDU und CSU Ende des Monats stattfinden soll. In Berlin, findet Merkel. Irgendwo in der Mitte, meint Seehofer. Am Ende kommt ihm die Kanzlerin bis Potsdam entgegen. 27 Kilometer Luftlinie. Eine kleine Machtdemonstration ist das, die am nächsten Morgen, schwups, den Weg in die Öffentlichkeit findet.

Merkel, Seehofer und Schäuble sind übrig

Angela Merkel gegen Horst Seehofer. Es ist ein Ringen auf höchstem Niveau. Champions League, würde Seehofer vielleicht sagen. Er mag solche Vergleiche. Merkel hat sie alle hinter sich gelassen: Friedrich Merz, Roland Koch, Christian Wulff und wie sie alle hießen. „Leichen pflastern ihren Weg“, hat ein CDU-Ministerpräsident einmal gesagt – nicht wissend, dass er später selbst dazugehören würde. Und wer redet heute noch von den mächtigen Ärztefunktionären und Krankenkassenchefs, mit denen Seehofer sich in seinem politischen Leben gestritten hat? Den Ulla Schmidts, Peter Ramsauers oder Erwin Hubers? Nur Merkel brachte ihn 2004 an den Rand einer Niederlage, bei der Kopfpauschale. Aber sie sind beide noch da. Und Wolfgang Schäuble natürlich. Aber zu dem später.

Seehofer lässt keine Gelegenheit aus

Merkel gegen Seehofer. Es ist etwas kaputtgegangen an jenem Abend im vergangenen September, an dem sich Angela Merkel dazu entschied, die Flüchtlingszüge aus Ungarn ins Land zu lassen. Seitdem lässt Seehofer keine Gelegenheit aus, der Kanzlerin eine auszuwischen. Immer wieder verlangt er einen Kurswechsel. Selbst jetzt noch, da fast gar keine Flüchtlinge mehr kommen. Inzwischen geht es eben ums konservative Profil der Union. Dabei weiß Seehofer ja selbst, dass er diesen Kampf eigentlich nicht gewinnen kann. „In aller Regel erklären Bundeskanzler keine Kursänderung“, hat er neulich gesagt. „Wenn, dann findet das irgendwie statt.“ Aber die Kanzlerin will irgendwie nicht.

Sie telefonieren fast täglich

Szenen einer Politehe: Horst Seehofer und Angela Merkel. Es ist etwas zerstört worden. Kann es auch repariert werden?

Es ist ja nicht so, dass die beiden nicht miteinander reden würden. Fast täglich telefonieren sie. Die Vereinbarung, sich während der Flüchtlingskrise 14-tägig zu treffen, hielt die Kanzlerin trotz ihres aberwitzigen Terminkalenders ein. Ende November kam sie zum Parteitag. Im Januar setzte sie sich gleich zwei Mal in den Hubschrauber, um bis nach Wildbad Kreuth zu fliegen. Erst zur Landesgruppe, dann zur Landtagsfraktion. Die mächtigste Frau der Welt ließ sich von 26 Rednern aus der bayerischen Provinz die Leviten lesen – und schrieb eifrig mit. Fünf DinA-4-Blätter zählten Umsitzende erstaunt.

Geholfen hat all das nichts. Der Bruch scheint schwer zu kitten, sagen Wohlmeinende. Gar nicht, behaupten die anderen. Wie es in Merkel aussieht, lässt sich schwer beurteilen. Seehofer dagegen gestattet öfter mal Blicke in seine Seele.

Ende Januar zum Beispiel steht der CSU-Chef im Kreuther Schnee. Merkel ist am Vorabend nach langen Debatten entschwebt. Da erzählt Seehofer eine ganz andere Geschichte. Die vom „Grexit“. In der Landesgruppe hätten viele die Nase voll gehabt. Von den Verhandlungen mit den uneinsichtigen Griechen. Vom Zorn der Mitglieder an der Basis. Am Ende hätten sie nur zugestimmt, weil er sich hinter die Kanzlerin stellte. Jetzt gebe sie ihm nichts zurück. Das Vertrauen sei „angeknackst“.

Ein anderes Beispiel. Nur ein paar Tage später. Seehofer liegt krank zuhause, als ihn die Nachricht vom Asylpaket II erreicht. Eigentlich schien alles erledigt, doch plötzlich ist wieder eine Ausweitung des Familiennachzugs im Gespräch. Wieder fühlt sich Seehofer von der CDU-Chefin überrumpelt. Stundenlang hängt er vom Bett aus am Telefon. So etwas merkt man sich.

Die Kanzlerin hat seine Attacken lange schweigend ertragen. Selbst den CSU-Parteitag im vergangenen November, als der Gastgeber sie abkanzelte. Es war wie immer: Merkel wollte keinen fußbreit nachgeben und Seehofer das nicht auf sich sitzen lassen. Er redete und redete, dann stürmte die Kanzlerin hinaus. Schon jetzt hat der Auftritt seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicher – nur gesprochen haben die beiden später nie darüber. Sie sind ja professionell. Krise? Welche Krise?

Die Wochen der Entscheidung

Jetzt beginnen die Wochen der Entscheidung. Ob die beiden noch einmal zusammenkommen? In Potsdam brauchen sie einen Erfolg. Beide. Die Kanzlerin hat zuletzt ihre Strategie geändert: Plötzlich schießt sie zurück. Selbst, wenn sie die Strauß-Doktrin infrage stellt, nach der es rechts der Union keine demokratische Partei geben dürfe. Oder über Stellvertreter. „Ich finde, allmählich muss Schluss sein mit Interviews einer bestimmten Schärfe aus München, die spalten und nicht zusammenführen“, sagt Innenminister Thomas de Maizière. Auch Wolfgang Schäuble, den die CSU lange als Verbündeten in der Flüchtlingskrise betrachtete, bezieht klar Position – wobei das Interview bereits am 13. Mai aufgezeichnet wurde. Es ist Teil einer ZDF-Dokumentation, die am 8. Juni läuft. In der CSU argwöhnen sie trotzdem, Schäuble schiele auf das Amt des Bundespräsidenten. Dafür braucht er Merkel.

Schafft es Seehofer, sich zurückzuhalten?

Seehofer übrigens hat sich Zurückhaltung auferlegt. Was bei ihm nicht viel heißen muss. Für Mittwochabend war schon das nächste Treffen vereinbart. Wieder 30 Minuten. Die harschen Schäuble-Worte lässt er öffentlich unkommentiert. Auch sonst versucht er, einen Gang runterzuschalten. Bis eine solche Strategiewende überall angekommen ist, dauert es immer ein wenig. Markus Söder ist im Landtag gestern jedenfalls noch voll im Angriffsmodus. „Wir haben kein Interesse an Streit, aber wir haben großes Interesse, die Union als Volkspartei zu erhalten. Wir wollen keine Wiener Republik“, sagt der Finanzminister. Wenn die CDU Volkspartei bleiben wolle, müsse sie endlich ihren Kurs ändern.

Von München nach Potsdam sind es 554 Kilometer.

Paartherapeut analysiert Beziehung von Merkel und Seehofer

David Wilchfort ist Arzt und Paartherapeut. Zu seinen Patienten gehören Angela Merkel und Horst Seehofer nicht. Mit schwierigen partnerschaftlichen Beziehungen – wie der zwischen den Koalitionspartnern – kennt er sich dennoch aus.

Til Huber

Til Huber

E-Mail:til.huber@merkur.de

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