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„Durch den Abschuss hat sich die Lage noch einmal verschärft. Wir müssen jetzt alles tun, eine Eskalation zu vermeiden“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Wurden die Piloten gewarnt?

Moskau: Flugzeugabschuss war "geplante Provokation"

Berlin - Am Tag nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkische Luftwaffe hat Moskau Ankara eine "geplante Provokation" vorgeworfen.

Sein Land werde gegen die Türkei "keinen Krieg führen", sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow nach einem Telefonat mit seinem türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu. Es gebe aber "ernsthafte Zweifel" daran, dass der Abschuss "spontan" erfolgt sei, vielmehr handle es sich um eine "geplante Provokation". Moskau werde seine Beziehungen zur Türkei "ernsthaft überprüfen".

Putin: Zweiter Pilot nach Abschuss in Sicherheit - Kritik an Türkei

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei hat Präsident Wladimir Putin die Rettung eines der beiden Piloten bestätigt. Der Soldat befinde sich auf der russischen Basis Hamaimim südlich von Latakia in Syrien, sagte der Kremlchef am Mittwoch der Agentur Interfax zufolge. Libanesische Medien hatten berichtet, die syrische Armee habe den Mann in Sicherheit gebracht.

Putin bestätigte, dass der zweite Pilot bei dem Zwischenfall am Vortag ums Leben gekommen sei. Er kündigte zum Schutz der Basis die Verlegung des Flugabwehrraketensystems S-400 nach Hamaimim an.

Sein Sprecher Dmitri Peskow bekräftigte, dass Russland den Abschuss als Verstoß gegen das Völkerrecht und eine außerordentlich unfreundliche Handlung werte. Ein gemeinsamer Anti-Terror-Kampf mit der Türkei stehe in Zweifel. Verteidigungsminister Sergej Schoigu bekräftigte, dass Moskau alle militärischen Kontakte mit Ankara vorerst einfrieren werde. Er widersprach damit dem russischen Botschafter in Paris. Der Diplomat Alexander Orlow hatte in einem Interview gesagt, zum Terrorkampf sei Russland zur Einrichtung einer gemeinsamen Kommandozentrale unter anderem mit der Türkei bereit.

Türkei veröffentlicht Warnung an Piloten

Nach dem Abschuss des russischen Bombers haben die türkischen Streitkräfte nach einem Medienbericht die Warnung an die Piloten veröffentlicht. Die Nachrichtenagentur DHA stellte am Mittwoch unter Berufung auf die Armee eine entsprechende Sprachaufnahme ins Netz. Auf der Aufnahme ist die mehrmalige Warnung zu hören, nach Süden abzudrehen. Es soll sich dabei um den Funkspruch an die Piloten des am Dienstag abgeschossenen Flugzeugs handeln.

Die Türkei hatte direkt nach dem Abschuss mitgeteilt, die russische Suchoi Su-24 sei mehrfach und über mehrere Minuten hinweg kontaktiert worden. Der überlebende Pilot des abgeschossenen Kampfjets widersprach der türkischen Darstellung und sagte nach Angaben der Agentur Interfax, es habe keinen Kontakt gegeben. "Es gab keine Warnungen, nicht per Funk, nicht visuell, wir hatten überhaupt keinen Kontakt“, sagte Konstantin Murachtin. Er könne zudem "vollständig ausschließen, sogar für eine Sekunde", dass die Maschine nicht in türkischen Luftraum eingedrungen sei.

Nach russischer Darstellung wurde die Maschine am Dienstag über syrischem Gebiet abgeschossen. Berichten zufolge soll sie aber mehrere Sekunden lang im türkischen Luftraum gewesen sein. Einer der beiden Piloten kam bei dem Vorfall ums Leben.

Türkei: Militär wusste nicht, dass Flugzeug russisch war

Das türkische Militär wusste nach eigenen Angaben nicht, dass das an der syrischen Grenze abgeschossene Kampfflugzeug russisch war. "Die Nationalität des Flugzeugs war nicht bekannt und die Einsatzregeln wurden auf automatische Weise angewendet", erklärten die türkischen Streitkräfte am Mittwoch. Sie versicherten zudem, sich nach dem Abschuss am Dienstag bemüht zu haben, die Piloten zu finden und zu retten. Demnach kontaktierten sie auch das russische Militär, um ihre Bereitschaft zu "jeder Form der Kooperation" kundzutun.

Bereits zuvor hatte sich die türkische Regierung um Deeskalation bemüht. Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte, die Türkei habe "nicht die Absicht, diesen Zwischenfall hochzuspielen."

Merkel warnt vor Eskalation des Syrien-Konflikts

"Durch den Abschuss hat sich die Lage noch einmal verschärft. Wir müssen jetzt alles tun, eine Eskalation zu vermeiden“, sagte Merkel am Mittwoch in der Generaldebatte über den Bundeshaushalt im Bundestag. Dazu habe sie am Dienstag mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu telefoniert.

Zugleich appellierte die Kanzlerin an alle beteiligten Länder, an den laufenden Gesprächen über Frieden für das Bürgerkriegsland Syrien weiter konstruktiv mitzuwirken. „Es ist vollkommen klar, dass die wirkliche Lösung nur in einer politischen Lösung liegen kann. Es gibt keinen anderen Weg, der uns einer dauerhaften Lösung näher bringt.“ Bei den bislang zwei Gesprächsrunden habe es „hoffnungsvolle Entwicklungen“ gegeben. Sie hoffe, dass die Gespräche nun „nicht zu weit zurückgeworfen werden“.

US-Außenminister John Kerry rief in einem Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow zur Deeskalation im Streit Russlands mit der Türkei auf.

dpa/Afp

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