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Merkur-Redakteur Lorenz von Stackelberg.

Merkur-Kommentar

Völkermord-Resolution verabschiedet: Standfest

Berlin - Der Bundestag hat die Resolution zur Einstufung der historischen Massaker an den Armeniern als Völkermord beschlossen. Ein Kommentar dazu von Merkur-Redakteur Lorenz von Stackelberg.

Man kann durchaus der Ansicht sein, dass die heikle Frage, ob der Begriff „Völkermord“ präzise das erfasst, was die Türken den Armeniern angetan haben, zuallererst eine Frage der Wissenschaft ist und weniger eine der Politik. Wenn man aber so lange vor aller Welt die Lippen gespitzt hat wie die deutschen Parteien, dann muss man auch irgendwann pfeifen – zumal zahlreiche andere Parlamente in dieser Frage schon vorangegangen sind.

Ein neuerliches Zurückzucken vor dem Zorn der Türken wie vor Jahresfrist zum 100. Jahrestag des Massakers wäre jedenfalls die schlechteste aller Lösungen gewesen. Dass Erdogan auf die Bundestagsresolution reagiert wie ein Stier auf das sprichwörtliche rote Tuch, ist keine Überraschung, allein schon aus innenpolitischen Gründen. Denn der Sultan vom Bosporus in der Pose des starken Mannes, der es allen noch zeigen wird, erinnert verzweifelt an einen anderen Autokraten mit Sitz in Moskau. Beide handeln aus einem Zustand der Bedrängnis heraus im Bewusstsein, auf diese Weise ihre Wähler bei Laune halten zu können.

Verständnis zu erwarten für Beteuerungen aus Berlin, die Resolution richte sich nicht gegen die amtierende Regierung, zumal die Deutschen selbst Betroffene sind, wäre unter diesen Umständen verlorene Liebesmüh. Und auch die vielsagende Abwesenheit von Kanzlerin und Außenminister bei der Abstimmung dürfte an der Wucht des bevorstehenden türkischen Staatsschauspiels wenig ändern. Jetzt heißt es eisern stehen, und mag der Flüchtlingspakt auch noch so wackeln. Alles andere würde Deutschland der Lächerlichkeit preisgeben und die Opfer türkischer Willkür zur politischen Manövriermasse degradieren.

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