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Frommer Wunsch oder realistische Hoffnung? Trauernde bringen in London nach dem Mord an Jo Cox ihre Sehnsucht nach einer Politik ohne Hass zum Ausdruck. 

Debatte über Respekt

Mord an Jo Cox: „Hass hat keine Überzeugung“

München - Nach dem Mord an der britischen Politikerin Jo Cox kommt eine lange überfällige Diskussion in Gang. Welcher Ton soll in Zukunft den politischen Streit prägen?

Update vom 20. Juni 2016: Am Donnerstag stimmt Großbritannien über den Verbleib in der EU ab. Alle aktuellen Infos finden Sie in unserem News-Blog zum Brexit.

Die eindrucksvollsten Worte nach dem Mord an der britischen Labour-Abgeordneten Jo Cox findet ihr Ehemann. Brendan Cox, nun Witwer und alleinerziehender Vater zweier Kinder, sagt wenige Stunden nach der Tat am vergangenen Donnerstag: „Sie hätte sich jetzt vor allem zwei Dinge gewünscht. Erstens, dass unsere geliebten Kinder viel Liebe erfahren. Und zweitens, dass wir uns alle zusammentun, um gegen den Hass zu kämpfen, der sie getötet hat. Hass hat keine Überzeugung, Ethnie oder Religion. Er ist giftig.“

Noch ist nicht bekannt, was den offenkundig rechtsextremen Mörder der 41-jährigen Politikerin letztlich zu seiner Tat getrieben hat. Vielleicht war es Cox’ Einsatz für einen Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union. Vielleicht war es ihr Drängen auf eine humane Flüchtlingspolitik. Vielleicht waren es auch Stimmen in seinem Kopf, viele Medien spekulieren über eine psychische Erkrankung des Mannes. Was dabei mitunter verloren geht: Es ist in jedem Fall krank, einem Menschen für dessen politische Überzeugungen in den Kopf zu schießen.

Unabhängig davon, welches Motiv Richter im Mordfall Cox letztlich festhalten werden – die bestialische Tat ist das nächste Warnsignal in einer zunehmend enthemmten politischen Kultur. In Deutschland steht derzeit Frank S. vor Gericht, der die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker im vergangenen Oktober mit einem Jagdmesser niedergestochen hat. Die Parallelen zum jüngsten Fall in Großbritannien sind deutlich. Hier wie dort haben die Täter Kontakte zur rechtsextremen Szene gehabt, ihre Tat aber wohl letztlich alleine geplant. Und hier wie dort spielt das Internet eine entscheidende Rolle. Der Attentäter von Köln, ein arbeitsloser Lackierer, soll seine sozialen Kontakte in den Monaten vor der Tat ausschließlich über das Netz gepflegt haben.

Dort entsteht seit einigen Jahren eine hässliche Parallelwelt. In Facebook-Gruppen oder anderen Foren ist längst eine gefährliche Glut entstanden, in der einfache Wahrheiten alles sind. Dazu kommt eine massive Verrohung der Sprache, die mit einem zivilisierten Umgang nichts mehr zu tun hat. „Wenn Hetze den Umgangston bestimmt, dann ist das eine Aufforderung zu Gewalt“, hat Henriette Reker nach dem Mord an Jo Cox gesagt. Nirgendwo wird das so deutlich wie bei der Gewalt gegen Flüchtlinge. Jeden dritten Tag brennt in Deutschland eine Asylunterkunft.

In Großbritannien geht nun der bislang heftig geführte Brexit-Wahlkampf weiter. Die ersten Äußerungen der Protagonisten machen leise Hoffnung auf eine Rückkehr zu einem sachlichen, weniger verletzenden Streit. Eine andere Meldung dämpft den Glauben an die Renaissance einer zivilisierten Streitkultur aber gleich wieder. Laut einem Medienbericht ist in Deutschland die Zahl der Übergriffe gegen Politiker deutlich gestiegen. Beispiel Sachsen: Dort hätten die Behörden 2015 elfmal so viele Straftaten gegen Bürgermeister und Abgeordnete gezählt wie im Jahr zuvor. In allen Fällen sei es um die Asyl- und Flüchtlingspolitik gegangen.

Der Kolumnist Georg Diez fasst auf „Spiegel Online“ zusammen: „Worte haben Wirkungen. Das gilt, wenn irgendwo im Mittleren Osten ein wütender Mann sagt: Tötet alle Ungläubigen – und in Orlando ein wütender Mann tanzende Homosexuelle ermordet. Und das gilt auch, wenn eine Gesellschaft es zulässt, dass Hass auf Minderheiten scheinbar okay ist – und die Menschen, die sich für diese Minderheiten einsetzen, wie Jo Cox, zum Ziel dieses Hasses werden.“

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