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f dem Rückweg ins Kanzleramt: Angela Merkel bricht ihren Urlaub ab.

Nach den Bluttaten in Bayern

Kanzlerin bricht Urlaub ab: Merkels Angst vor dem Knall

München/Berlin - Die Kanzlerin kehrt zurück nach Berlin. Angela Merkel ahnt, dass ihr nach den Terror-Taten ein politisch heikler Sommer droht. Sie sei massiv besorgt, berichten Vertraute.

München/Berlin – Den Urlaub der Kanzlerin sollte man sich wenig entspannt vorstellen. Ein Ferienhaus im Dorf Hohenwalde, abgedunkelte Scheiben, Tag und Nacht bewacht: Wo mal ein Jägerzaun stand, sind jetzt blickdichte Absperrungen. Die Spaziergänge, die Angela Merkel früher machen konnte, sind nun von Sicherheitsleuten begleitet, jeder Meter, der Sprung in den nahen See ist verboten. Ihr bleibt nur mal eine Stunde zum Lesen, ein paar längere Zeitungsartikel, dann folgen schon wieder Telefonate, SMS. Manchmal sei sie schon froh, so wurde neulich berichtet, einfach mal nur aus dem Fenster zu sehen. 

Der Urlaub in der Uckermark ist nun beendet, Rückfahrt ins 100 Kilometer entfernte Berlin. Es wären eh keine erholsamen Ferien geworden. Die politische Lage ist für Merkel brandgefährlich. Die Bluttaten in Würzburg und Ansbach, verübt von Flüchtlingen, werden in Teilen der Bevölkerung der Grenzpolitik der Kanzlerin zugerechnet. Das ist durch Fakten noch nicht gedeckt – so reiste der Ansbacher Täter, ein 27-jähriger Syrer, vor zwei Jahren schon ein. Das genügt aber, um den zuletzt langsam gesunkenen Zorn auf die Bundespolitik anzufachen. 

Angst vor einem großen Anschlag - und den politischen Konsequenzen

Merkel mache sich darüber seit Wochen massivste Sorgen, berichten Unionspolitiker, die mit ihr im Juli gesprochen haben. Sie, die sonst so rational kontrolliert auftrete, habe regelrecht Angst vor einem großen Anschlag und analysiere die politischen Konsequenzen vorab schon genau. Ein solch blutiges Szenario könnte der AfD in Scharen Wähler zutreiben und die Unionsparteien in ihrer Kernkompetenz Innere Sicherheit treffen, mehr noch als die Silvesternacht. Das wäre „Köln zum Quadrat“, zitiert der „Tagesspiegel“ einen aus Merkels Regierung. 

Man darf davon ausgehen, dass Merkel in der Uckermark minütlich informiert wurde. Nach dem Axt-Attentat von Würzburg eilte ihr Kanzleramtsminister Peter Altmaier, einer der Architekten der „Willkommenskultur“-Politik, vor die Kameras. Tenor: keine erhöhte Terrorgefahr, die meisten Attentäter seien in Europa aufgewachsen. Nach dem Selbstmordanschlag von Ansbach reicht das nicht mehr. Merkel selbst wird sich am Donnerstag in Berlin außerplanmäßig der Hauptstadtpresse stellen. Der Auftritt, eigentlich erst in einem Monat geplant, ist eine sehr ausführliche Fragerunde der Journalisten im Gebäude der Bundespressekonferenz. Am Sonntag kommt sie zudem nach München, tritt am frühen Abend bei der Gedenkveranstaltung im Landtag auf. Das ist zwar keiner der Tatorte, kein Besuch bei Opfern, aber zumindest eine Geste. 

Viel steht auf dem Spiel - nicht nur die Umfragewerte

Die Kanzlerin „gibt die Schockstarre auf“, schreibt die „Welt“. Für Merkel steht viel auf dem Spiel, mehr als nur Umfragewerte. Intern setzt sie sich fast flehentlich für die Einheit der Unionsparteien ein. Aus der CSU kommen Signale, die das in Frage stellen. Nur „um des Friedens Willen“ wolle er keine Politik mittragen, die er für falsch halte, polterte Parteichef Horst Seehofer bei seiner Kabinettsklausur in Quirin. Seine Parteizeitung „Bayernkurier“ klagte an, Merkel habe das Land „Sicherheitsrisiken ausgeliefert“. 

Die CSU fordert ein drastisches Hochfahren der Sicherheitsmaßnahmen und einen schärferen Umgang mit Asylbewerbern. In der Partei wird auch über eine Sondersitzung des Bundestags im August orakelt. Hätte sich München als islamistischer Anschlag entpuppt, wäre dieser Ruf schnell laut geworden. Merkel muss nun um die Deutungshoheit kämpfen. Sie selbst räumte unlängst ein, ohne dass es ein großes Echo gab: „Zum Teil wurden die Flüchtlingsbewegungen genutzt, um Terroristen einzuschleusen.“

Internationale Bestürzung: So trauert die Welt mit München

Ihre Schuld? Europaweit greifen Rechtsextreme die Kanzlerin an. Der Niederländer Geert Wilders verbreitete eine Fotomontage Merkels mit blutbefleckten Händen. Es gibt auch Stimmen, die in ihrer Politik von Herbst 2015 lindernde Effekte erkennen: Die Offene-Grenzen-Politik schütze Deutschland langfristig vor Terrorismus, titelt die britische Internet-Zeitung „Independent“. Merkel habe Empathie mit hunderttausenden muslimischen Flüchtlingen gezeigt und damit der Welt signalisiert, dass Deutschland nicht im Krieg mit dem Islam stehe.

Update vom 23. August 2016: Alle Informationen sowie aktuelle Umfragewerte rund um die Landtagswahl am 04. September 2016 in Mecklenburg-Vorpommern finden Sie hier.

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