Nach dem Blutbad in Ankara gehen am Samstagabend tausende Demonstranten gegen die Regierung in Istanbul auf die Straße.
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Nach dem Blutbad in Ankara gehen am Samstagabend tausende Demonstranten gegen die Regierung in Istanbul auf die Straße.

Blutiger Anschlag: 86 Tote in Ankara

Tausende demonstrieren gegen türkische Regierung

Ankara - Der verheerende Anschlag auf eine Friedensdemonstration in Ankara mit 86 Toten hat international für Entsetzen gesorgt. Die oppositionelle HDP spricht von einem „Angriff des Staates auf das Volk“.

Vor der Parlamentswahl in der Türkei sind beim schwersten Terroranschlag in der jüngeren Geschichte des Landes mindestens 86 Menschen getötet worden. Bei dem Doppelanschlag auf eine regierungskritische Friedensdemonstration in der Hauptstadt Ankara wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 186 Menschen verletzt. Die pro-kurdische Oppositionspartei HDP war nach eigener Einschätzung Ziel des Anschlags vom Samstag und machte der politischen Führung des Landes schwere Vorwürfe. Zu der Bluttat kam es drei Wochen vor Neuwahlen für das Parlament.

„Das ist kein Angriff auf die Einheit unseres Landes oder dergleichen, sondern ein Angriff des Staates auf das Volk“, sagte der Ko-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas. „Ihr seid Mörder. An Euren Händen klebt Blut.“ Demirtas kritisierte, die AKP-Regierung habe weder den Anschlag auf pro-kurdische Aktivisten im Juli im südtürkischen Suruc noch den auf eine HDP-Wahlveranstaltung im Juni in der Kurdenmetropole Diyarbakir aufgeklärt.

Türkische Regierung: IS, PKK oder linksextremistische Terrorgruppen möglicher Urheber

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan erklärte: „Ich verurteile diesen abscheulichen Angriff zutiefst, dessen Ziel die Einheit, Solidarität und der Frieden unseres Landes gewesen ist.“ Erdogan versprach eine Aufklärung des Anschlags, zu dem sich zunächst niemand bekannte. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte: „Es gibt sehr starke Hinweise darauf, dass dieser Anschlag von zwei Selbstmordattentätern verübt worden ist.“

Als mögliche Urheber der Tat nannte Davutoglu die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und zwei linksextremistische Terrorgruppen. Anschläge der PKK auf eine pro-kurdische Demonstration wie die in Ankara erscheinen allerdings extrem unwahrscheinlich. Die Gewalt zwischen der PKK und der Regierung eskaliert seit Juli.

Proteste in Istanbul

Nach dem Anschlag in Ankara demonstrierten am Samstagabend in der Millionenmetropole Istanbul Tausende Menschen gegen die Regierung. Sie skandierten „Dieb - Mörder - Erdogan“, wie ein dpa-Reporter berichtete. In Sprechchören wurde die verbotene kurdische Arbeiterpartei zu Vergeltungsaktionen aufgefordert. „Rache - PKK“, riefen Teilnehmer. Internetnutzer berichteten, der Zugang zu sozialen Medien wie Twitter sei erschwert oder ganz unmöglich.

Laut Innenministerium ereigneten sich die beiden Explosionen um 10.04 Uhr (Ortszeit/09.04 MESZ) vor dem Hauptbahnhof in Ankara. Die HDP und andere regierungskritische Gruppen hatten Demonstrationsteilnehmer dazu aufgerufen, sich ab 10.00 Uhr am Bahnhof zu versammeln.

Auf Bildern waren Leichen zu sehen, die mit Flaggen und Bannern unter anderem der HDP bedeckt waren. Ein Video zeigt, wie junge Demonstranten tanzen, als hinter ihnen eine der Bomben detoniert. Die HDP teilte mit, Polizisten seien erst nach 15 Minuten am Anschlagsort eingetroffen und hätten dann Tränengas gegen Menschen eingesetzt, die Verletzten helfen wollten.

Ausländische Politiker verurteilen den Anschlag

In ersten Reaktionen aus dem Ausland wurde der Anschlag auch als Angriff auf Demokratie und Meinungsfreiheit in der Türkei verurteilt: Sollte sich bestätigen, dass es sich wie vermutet um die Taten von Terroristen handele, „dann handelt es sich um besonders feige Akte, die unmittelbar gegen Bürgerrechte, Demokratie und Frieden gerichtet sind“, schrieb Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Davutoglu. Bundespräsident Joachim Gauck sprach von einem „Anschlag auf die Menschlichkeit, die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“.

Die US-Regierung bekräftigte ihre Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus. „Derartige entsetzliche Gewalttaten werden uns ganz gewiss nicht abschrecken, sondern uns nur in unserer Entschlossenheit bestärken“, erklärte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, Ned Price. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg betonte: „Alle Bündnispartner stehen Seite an Seite im Kampf gegen die Geißel des Terrorismus.“

Kurden in Deutschland gehen auf die Straße

Die Täter wollten offensichtlich vor den Wahlen ein Klima der Angst schüren, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). „Dieser brutale Terroranschlag auf friedliche Demonstranten ist zugleich auch ein Angriff auf den demokratischen Prozess in der Türkei.“ Auch der russische Präsident Wladimir Putin sprach Erdogan sein Beileid aus. Die Türkei hat Russland wegen der Luftangriffe in Syrien scharf kritisiert.

In mehreren deutschen Städten gingen nach dem Terroranschlag in der Türkei am Samstag spontan Hunderte Menschen auf die Straße. Zu prokurdischen Demonstrationen kam es unter anderem in Berlin, Hamburg, Frankfurt/Main und Stuttgart. Die Polizei sprach von einem friedlichen Verlauf der Proteste. 

Das Auswärtige Amt rät derzeit, das Zentrum der türkischen Hauptstadt Ankara zu meiden. „Landesweit ist mit einer Zunahme der politischen Spannungen zu rechnen“, hieß es am Samstagabend bei den Reisehinweisen zur Türkei. „Weitere Anschläge oder gewaltsame Auseinandersetzungen sind nicht ausgeschlossen. Es wird daher nochmals dringend darauf hingewiesen, dass sich Reisende von Demonstrationen, Wahlkampfveranstaltungen und größeren Menschenansammlungen, insbesondere in größeren Städten, fernhalten sollten.“

Dieses Video auf Twitter dokumentiert die Explosion:

afp, dpa

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