+
Nigel Farage ist der "Mr. Brexit".

"Ohne eine einzige Kugel"

Rechtspopulist Farage sieht sich als Brexit-Sieger - und provoziert

London - Seit 17 Jahren sitzt Nigel Farage im EU-Parlament - und kämpft seither gegen die Staatengemeinschaft. Mit dem Brexit kann der rechtspopulistische Politiker seinen größten Triumph feiern.

Der Rechtspopulist und Chef der Unabhängigkeitspartei Ukip hatte den EU-Ausstieg zu seinem Lebensziel erkoren. Nun ist er angekommen. Die Briten haben sich mit knapper Mehrheit gegen den Verbleib in der EU entschieden. „Möge der 23. Juni als unser Unabhängigkeitstag in die Geschichte eingehen“, tönte Farage am Freitag, nachdem das Ergebnis des Referendums feststand. Und sorgte mit einer Geschmacklosgkeit für Empörung, denn, so sagte er, die Briten hätten das geschafft, „ohne kämpfen zu müssen - ohne dass auch nur eine einzige Kugel abgefeuert werden musste“.

Für viele ist Farage der „Mr. Brexit“, ein Austrittskämpfer der ersten Stunde. Zunächst war er bei den Konservativen, doch als London 1992 dem Maastricht-Vertrag beitrat, verließ er die Partei und gründete Ukip. EU und Immigration sind seine Leib- und Magenthemen. Der Sohn eines Börsenmaklers arbeitete zunächst als Rohstoffhändler, später als Investmentbanker. 1999 wurde er ins Europäische Parlament gewählt.

Farages Ziel: Mit dem Brexit in die Geschichte eingehen

Schon 2013 kündigte er in einem Interview im Schweizer "Sonntagsblick" an, als Revolutionär in die Geschichtsbücher eingehen zu wollen. Auf die Frage, warum er die EU bekämpfe, sagte er: "Was hat die EU für Europa getan? Nichts! Eine Gruppe ehrgeiziger, machtversessener Irrer will die Demokratie zerstören." Für die EU sei er ein Albtraum, "eine Plage biblischen Ausmaßes".

Nun ist er am Ziel angekommen. Die EU ist in eine historische Krise geschlittert. Gegner werfen dem 52-Jährigen vor, er spiele mit der Angst. Bei der Parlamentswahl im Mai 2015 gewann die Partei zwar hinzu - wegen des Mehrheitswahlrechts brachte sie aber nur einen Abgeordneten ins Parlament. Farage kündigte seinen Rückzug an, was der Parteivorstand jedoch ablehnte. Und so machte Farage weiter.

Vor dem Referendum war er auch wegen eines Wahlplakats seiner Partei in die Kritik geraten. Auf dem Plakat waren lange Schlangen von Flüchtlingen auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise an der österreichischen Grenze zu sehen. Überschrieben war das Plakat mit „Breaking Point, the EU has failed us all“ - Die Grenze der Belastbarkeit, die EU hat uns alle enttäuscht. Kritiker warfen Farage Rassismus vor. Der britische Finanzminister George Osborne sagte, das Plakat erinnere an „extremistische Literatur aus den 30er-Jahren“. Selbst der Chef der offiziellen Brexit-Kampagne, Michael Gove, sagte am Sonntag, er sei angesichts des Plakats „erschaudert“.

Farage nicht im offiziellen "Vote Leave"-Lager

Nicht zuletzt wegen fremdenfeindlicher Tendenzen in seiner Partei wurde der 52-jährige - der mit einer Deutschen verheiratet ist - nicht ins offizielle "Vote Leave"-Lager aufgenommen, das der ehemalige Bürgermeister von London, Boris Johnson, leitet. Welche Rolle er künftig spielen könnte, ist unklar.

Jedenfalls hat Farage nach dem Votum der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union eine "Brexit-Regierung" gefordert. "Wir brauchen nun eine Brexit-Regierung", sagte er vor dem Parlament. Zudem sagte er ein Zerbrechen der Europäischen Union voraus. „Die EU versagt, die EU stirbt. Wir haben eine scheiternde politische Union zurückgelassen.“ Weitere Austritts-Referenden könnten folgen, möglicherweise in den Niederlanden, in Dänemark, Österreich und Italien. „Wir wollen Freunde und Nachbarn sein“, sagte Farage. „Aber ohne Hymnen, ohne Flaggen und ohne nutzlose Präsidenten, die nicht gewählt sind.“

Premier David Cameron hat bereits seinen Rückzug angekündigt. Sein Nachfolger könnte Boris Johnson werden.

Wir verfolgen das Geschehen rund um den Brexit im Live-Ticker. Welche Folgen der Brexit für Deutschland un Europa hat, können Sie hier nachlesen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

In Italien beginnt die Suche nach einer neuen Regierung

Wie lange wird die Regierungskrise in Italien nach dem Rücktritt Renzis dauern? Der Staatspräsident beginnt die Konsultationen mit den politischen Spitzen des Landes.
In Italien beginnt die Suche nach einer neuen Regierung

NSU-Prozess: Beate Zschäpe hat sich zum Fall Peggy geäußert

München - Beate Zschäpe sagte am Donnerstag im NSU-Prozess zum Fall Peggy aus. Neue Erkenntnisse konnte sie aber nicht liefern. Wir waren vor Ort.
NSU-Prozess: Beate Zschäpe hat sich zum Fall Peggy geäußert

Aktivisten: Schon rund 500 Zivilisten in Aleppo getötet

Aleppo (dpa) - Seit dem Beginn der Offensive syrischer Regierungstruppen auf die Großstadt Aleppo sind Aktivisten zufolge rund 500 Zivilisten ums Leben gekommen.
Aktivisten: Schon rund 500 Zivilisten in Aleppo getötet

Assad weist Forderungen nach Waffenruhe in Aleppo zurück

Hamburg - Die USA hatten am Mittwoch gemeinsam mit fünf anderen Ländern die Konfliktparteien zu einem sofortigen Waffenstillstand aufgerufen, um humanitäre Hilfe zu den …
Assad weist Forderungen nach Waffenruhe in Aleppo zurück

Kommentare