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Es ist kompliziert: Merkel und Seehofer

Plötzlich verschwindet professionelle Distanz

Paartherapeut analysiert Beziehung von Merkel und Seehofer

München - David Wilchfort ist Arzt und Paartherapeut  Zu seinen Patienten gehören Angela Merkel und Horst Seehofer nicht. Mit schwierigen partnerschaftlichen Beziehungen – wie der zwischen den Koalitionspartnern – kennt er sich dennoch aus.

Herr Wilchfort, wer ist schuld an der Beziehungskrise zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer. Er oder sie?

Das ist die klassische Frage in Paarbeziehungen. Und es ist genau die Frage, die nicht hilfreich ist. Es wird wohl nicht geschehen, dass einer sagt: „Ich bin schuld.“ Es ist also viel wichtiger zu fragen: Wie kann man eine Lösung herbeiführen?

Und zwar? 

Grundsätzlich gilt in Partnerschaften: Es gibt Probleme, die sich auflösen lassen, und es gibt Probleme, die man lösen muss.

Erklären Sie das bitte. 

Es gibt den Begriff des Bias. Er beschreibt sozusagen eine Vermutung, wie mein Gegenüber sich in einer bestimmten Situation verhalten wird. Wenn ich glaube, er wird sich mir gegenüber positiv verhalten, nennt man das einen positiven Bias. Wenn nicht, negativen Bias. Ein Paar vor dem Scheidungsrichter hat meistens einen sehr negativen Bias. Was immer der andere vorschlägt, er wird schon einen Hintergedanken haben. Verliebte haben dagegen einen sehr positiven Bias.

Wie steht es um ein Paar, das sogar darüber streitet, wo es sich versöhnen soll? 

Auch hier geht es um den Bias. Wenn beide davon überzeugt wären, dass der andere aufrichtig daran interessiert ist, dass es zu einem positiven Ergebnis kommt: dann würden sie nicht darüber streiten, wo sie sich treffen. Wenn man aber Böses unterstellt, dann denkt man eher darüber nach, welcher Ort vielleicht welche Symbolik besitzt, und wer dort im Vorteil sein könnte. Und dann will man die optimale Situation für sich selbst herausholen.

Merkel und Seehofer haben also ein Bias-Problem? 

Das weiß ich nicht. Ich kann das nur allgemein beantworten.

Gut, dann ganz allgemein. 

Mit einem positiven Bias, können in Beziehungen Probleme wie die offene Zahnpastatube beigelegt werden. Es bleiben aber natürlich noch die harten Probleme.

David Wilchfort

Eine Flüchtlingskrise zum Beispiel.

Oder ob man Kinder will. Bei diesen harten Problemen kann man jedenfalls an einen Punkt geraten, an dem man eine Entscheidung treffen muss. Und dann muss man vielleicht auch auseinander gehen.

Zurück zum Bias. Was können Auslöser dafür sein, dass ein persönliches Verhältnis so schwierig wird wie das von Merkel und Seehofer?

Es gab doch diese Situation damals beim CSU-Parteitag, als es aussah, als würde Seehofer Merkel die Leviten lesen. Ich könnte mir vorstellen, dass Seehofer das gar nicht bewusst war, sondern dass er einfach nur die Chance nutzen wollte, der anwesenden Kanzlerin öffentlich zu sagen, wie er die Situation sieht. Ohne böse Intention.

Angela Merkel könnte das anders sehen.

Genau. Derjenige, der in dieser Situation sozusagen unten steht, der das Ganze also abbekommt, der erlebt das völlig anders. Derjenige kann sich gar nicht vorstellen, dass der andere nicht merkt, wie beleidigend er gerade ist. Und dadurch entsteht dann der negative Bias. 

Wir sprechen hier aber doch von der Bundeskanzlerin und dem CSU-Chef. Das sind abgebrühte Politik-Profis.

Da haben Sie natürlich Recht. Aber ich mache das seit 40 Jahren. Und es beeindruckt mich immer wieder, wie plötzlich die professionelle Distanz verschwindet, wenn es auf die persönliche Ebene geht. Auf dieser Ebene kann man jeden treffen. Was dazu nötig ist, ist unterschiedlich. Doch wenn jemand den richtigen Knopf drückt, ist es fast unmöglich, das zu ignorieren. Wo dieser Knopf bei Merkel oder Seehofer liegt, weiß ich nicht. Auch nicht, ob er gedrückt wurde. Aber vorstellen kann ich es mir.

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