+
Der Verdächtige Salah Abdeslam.

Bei Anhörung

Paris-Verdächtiger will nach Frankreich ausgeliefert werden

Brüssel - In der vergangenen Woche ist Salah Abdeslam, der in Verdacht steht, an den Attentaten in Paris beteiligt gewesen zu sein, in Belgien verhaftet worden. Nun fordert er seine Auslieferung an Frankreich.

Nach den blutigen Anschlägen in Brüssel fahndet die Polizei nach mindestens einem weiteren Terrorverdächtigen. Der Selbstmordattentäter in der Brüsseler Metro soll in Begleitung eines zweiten Mannes gewesen sein. Somit könnte das Terror-Kommando aus fünf Tätern bestanden haben, von denen sich drei in die Luft gesprengt hatten. Der Paris-Terrorverdächtige Salah Abdeslam will entgegen früherer Äußerungen nun so schnell wie möglich von Belgien nach Frankreich ausgeliefert werden. Die USA verlangten von den Europäern größere Anstrengungen im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die sich zu den Anschlägen bekannt hatte.

Die Polizei in Brüssel fahndete unter Hochdruck weiter. In der Nähe des Europaviertels liefen am Donnerstagvormittag zwei Einsätze. Laut Medienberichten war der Täter in der Brüsseler Metro, Khalid El Bakraoui, nicht alleine unterwegs. Auf Bildern einer Überwachungskamera sei ein zweiter Mann mit einer großen Tasche zu sehen. Unklar sei, ob der Verdächtige bei der Explosion getötet wurde oder ob er auf der Flucht ist. Zudem fahndet die Polizei weiter nach einem Komplizen der drei Selbstmordattentäter, der vom Flughafen Brüssel geflüchtet sein soll.

In der belgischen Hauptstadt waren am Dienstag bei Explosionen am Flughafen und in einer U-Bahn-Station Maelbeek mindestens 31 Menschen getötet und rund 300 verletzt worden. Eine Frau aus Aachen wird laut Polizei weiter vermisst. Ihr Ehemann sei mit schweren Verletzungen in ein belgisches Krankenhaus gebracht worden. Laut Auswärtigem Amt sind deutsche Todesopfer nicht ausgeschlossen.

Die Selbstmordattentäter sind inzwischen identifiziert. Alle drei sind in Belgien geboren und hatten Verbindungen zu den islamistischen Drahtziehern der Anschläge von Paris. Es handelt sich um die Brüder Ibrahim (29) und Khalid (27) El Bakraoui und Medienberichten zufolge um den 24-jährigen Najim Laachraoui. Er war wegen der Anschläge von Paris erst vor kurzem zur Fahndung ausgeschrieben worden.

Die Brüsseler Terrorzelle steckte nach belgischen Medienberichten auch hinter einem Spionageangriff gegen einen Atomforscher. Die Brürder El Bakraoui wurden laut der Tageszeitung „La Dernière Heure“ als diejenigen Männer identifiziert, die eine heimlich vor dem Wohnhaus des Wissenschaftlers angebrachte Überwachungskamera abmontierten. Anti-Terror-Fahnder hatten die Aufnahmen dieser Kamera im November bei Ermittlungen zu den Terroranschlägen in Paris entdeckt. Eine Theorie lautet, dass die Islamisten von ihm radioaktives Material für eine sogenannte schmutzigen Bombe erpressen wollten.

Der Terrorverdächtige Abdeslam will nun doch nach Frankreich ausgeliefert werden. Abdeslam wolle sich in Frankreich erklären, sagte der Anwalt des 26-Jährigen am Donnerstag in Brüssel laut Nachrichtenagentur Belga. Bislang hatte sich Abdeslam gegen die von Frankreich beantragte Auslieferung gewehrt. Abdeslam war am Freitag in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek festgenommen worden und sitzt unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen in Untersuchungshaft in Brügge. Er war den bisherigen Ermittlungen zufolge an den Pariser Anschlägen mit 130 Toten beteiligt und stand in Kontakt zur Brüsseler Terrorzelle.

Angesichts der Terroranschläge forderte US-Verteidigungsminister Ashton Carter von Europa zum forcierten Kampf gegen den IS auf. Es sei nicht damit getan, die Terrormiliz im Irak und Syrien zu besiegen, sagte Carter dem US-Nachrichtensender CNN. Die Anschläge in Brüssel bewiesen, dass der IS Sympathisanten habe, die Belgier oder Franzosen seien und dort lebten. Unterstützt von US-Luftangriffen begannen irakische Truppen mit der lang erwarteten Großoffensive auf die IS-Hochburg Mossul.

Die Türkei warnte Belgien nach Angaben von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bereits im Juli 2015 vor einem der Attentäter. Trotzdem sei er von den belgischen Behörden freigelassen worden. Belgiens Justizminister Koen Geens wies den Vorwurf der Fahrlässigkeit zurück. EU-Kommissar Günther Oettinger kritisierte in der „Bild“-Zeitung (Donnerstag) „Mängel bei den belgischen Sicherheitsbehörden“: „Es gibt allein in Brüssel mehrere verschiedene Polizeibehörden, die nicht ausreichend kooperieren. Das kann nicht so bleiben.“

Die für Innere Sicherheit zuständigen EU-Minister wollten am Nachmittag zu einem Sondertreffen in Brüssel zusammenkommen. Für Deutschland reist Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) an. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wies darauf hin, konkrete Vorschläge für mehr Sicherheit in Europa lägen seit Monaten auf dem Tisch.

Belgische Polizisten kontrollierten weiter verstärkt Bahnhöfe, Flughäfen und Grenzen. Auch am Frankfurter Flughafen bleiben die Sicherheitsmaßnahmen zu Ostern erhöht. Die Lufthansa hat alle Flüge von und nach Brüssel bis einschließlich Ostermontag gestrichen. Mit besonderer Wachsamkeit begleitet die Bundespolizei das Fußball-Länderspiel Deutschland-England am Samstag in Berlin.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bundespräsidentenwahl in Österreich: Hochrechnungen und Ergebnis im Live-Ticker

Wien - Norbert Hofer oder Alexander Van der Bellen: Wer gewinnt die Bundespräsidentenwahl 2016 in Österreich? Zum Live-Ticker mit Hochrechnungen und Ergebnis.
Bundespräsidentenwahl in Österreich: Hochrechnungen und Ergebnis im Live-Ticker

Norbert Hofer: Gewinnt der FPÖ-Kandidat die Wahl 2016 in Österreich?

München - Norbert Hofer kann heute in der Stichwahl Bundespräsident von Österreich werden. Gewinnt er die Wahl im zweiten Anlauf? Ein Porträt des FDP-Kandidaten.
Norbert Hofer: Gewinnt der FPÖ-Kandidat die Wahl 2016 in Österreich?

Bause sieht keine Mehrheit für Rot-Grün im Bund

München - Grüne und Union sind aus Sicht von Bayerns Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause besser für eine mögliche Koalition im Bund gewappnet als bei der vergangenen …
Bause sieht keine Mehrheit für Rot-Grün im Bund

Santiago de Cuba nimmt Abschied von Fidel Castro

Nach einer Reise von rund 1000 Kilometern über die ganze Karibikinsel ist die Urne des Ex-Präsidenten angekommen. Am Sonntag soll die Beisetzung in Santiago de Cuba …
Santiago de Cuba nimmt Abschied von Fidel Castro

Kommentare