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Journalisten-Legende und Nahost-Experte Peter Scholl-Latour (89).

Interview mit Nahost-Kenner

Scholl Latour erklärt die explosive Weltlage

München – Iranische Bombe, Syrien-Krieg und Machtkampf in Ägypten: Im Interview mit dem Münchner Merkur analysiert Nahost-Experte Peter Scholl-Latour die Lage in der arabisch-islamischen Welt.

In der arabisch-islamischen Welt hat es im auslaufenden Jahr dramatische Veränderungen gegeben, die Anlass zu Hoffnung, aber auch zu Besorgnis geben. Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. Peter Scholl-Latour, einem der profundesten Kenner der gesamten Region:

Der Iran will der Atombombe abschwören. Glauben Sie daran?

Zunächst einmal hat der Iran nie gesagt, dass er die Atombombe haben will. Es soll sogar eine Fatwa, einen geistlichen Erlass, gegen die Atombombe geben. Ich glaube, dass die Iraner durch die Entwicklung der Ereignisse dazu gedrängt worden sind, nach der Bombe zu streben. Die Frage ist nun, ob sich der neue Präsident Ruhani, der ein vernünftiger Mann ist, gegen die Hardliner sowohl im hohen Klerus als auch bei den Revolutionswächtern mit seiner Politik durchsetzen kann.

Scholl-Latour: Iran könnte im Irak eingreifen

Kommen Militärschläge?

Ruhani wird auch im Westen sehr positiv beurteilt. Israels Präsident Netanjahu allerdings sucht die Konfrontation mit Teheran. Sind Militärschläge weiterhin zu befürchten?

Da die Amerikaner offenbar keine Lust mehr haben, sich im nahen und mittleren Osten militärisch zu engagieren, ist kaum mit einem israelischen Alleingang zu rechnen. Er wäre für Israel auch sehr verhängnisvoll. So einfach wie einst bei der Zerschlagung der irakischen Atompläne durch Israels Luftwaffe zu Saddam Husseins Zeiten wird es im Iran nicht laufen. Der Iran wäre ein wesentlich schlagkräftigerer Gegner.

Was droht, wenn es dennoch zu einem Iran-Krieg dazu kommen sollte?

Der Iran würde für den Westen fatale Gegenmaßnahmen starten. Etwa die Versenkung von Öltankern im Persischen Golf und der Straße von Hormus. Die Iraner könnten mit ihren inzwischen perfektionierten Raketen auch die saudischen Ölfelder erreichen.

2014 das Jahr der islamischen Bomben?

Auch die Saudis denken inzwischen an Atomwaffen. Wird 2014 das Jahr der islamischen Bomben?

Wir haben ja schon eine islamische Bombe in Pakistan, und die ist beängstigend genug. Niemand weiß, was in den kommenden Monaten und Jahren in Pakistan passieren wird. Das Land steht am Rande des Chaos. Im Grunde ist die pakistanische Bombe viel gefährlicher als es eine iranische je wäre. Und wenn die Saudis nun mit dem vielen Geld, über das sie verfügen, anfangen, nach Atomwaffen zu greifen, dann werden sie dies auch schaffen. Dann kommen wir zu einer Proliferation, die vermutlich ohnehin nicht aufzuhalten ist.

Der Krieg in Syrien tobt mit unverminderter Härte, findet im Westen aber immer weniger Aufmerksamkeit. Gibt es eine Chance, dass er bald endet?

Assad führt einen außerordentlich harten Krieg gegen seine Gegner im eigenen Land.Der Unterschied zu anderen Kriegsgebieten ist, dass die Revolution nicht im Land begonnen hat, sondern von außen hineingetragen wurde. Inzwischen ist so ziemlich allen klargeworden, dass die sogenannte Freie Syrische Armee, die vom Westen aufgerüstet wurde und auf die man große Hoffnungen gesetzt hat, durch extremistische und salafistische Bewegungen an den Rand gedrängt wird. Gruppen, die sich offen zu El Kaida bekennen, geben inzwischen den Ton an.

Ein Ende der Kämpfe ist also nicht abzusehen?

Nein. Wobei die Amerikaner allmählich erkennen, dass Assad noch das kleinere Übel von allen ist. Selbst wenn Moskau und Washington sich in irgendeiner Form einigen, eine Spaltung des Landes droht weiterhin.

Wiedergeburt der Macht der Taliban?

Aus Afghanistan werden auch die deutschen Truppen Ende 2014 abziehen. Ist das die Wiedergeburt der Macht der Taliban?

Sie werden zweifellos eine große Rolle spielen. Auf die Nationalarmee setze ich keine großen Hoffnungen. Auf die Polizei ohnehin nicht. Ein Drittel der Soldaten ist permanent damit beschäftigt, zuhause die Ernte einzubringen. Armee-intern gibt es große Spannungen zwischen den Völkerschaften. Ein Paschtune etwa wird niemals einem tadschikischen Offizier gehorchen. Eine Spaltung des Landes in Nord und Süd wird sich kaum verhindern lassen.

Sind irakische Verhältnisse zu befürchten?

Ja, mindestens so schlimm.

Was droht in Ägypten?

In Ägypten tobt ein Kampf zwischen Militär und Muslimbrüdern. Ein Ende ist nicht in Sicht. Was droht im Reich am Nil?

Die Armee geht gegen die Muslimbrüder mit Methoden vor, die viel härter sind als zu Zeiten Mubaraks. Wie stark der Widerstand der Muslimbrüder ist, ist schwer einzuschätzen. Das flache Land mit dem Nil als einziger Lebensader taugt schlecht zum Partisanenkrieg. Allerdings: Ägypten grenzt an die libysche Cyrenaika und dort herrschen Kräfte, die ebenfalls den Extremisten nahestehen.

Wie groß ist der Rückhalt der Bruderschaft in der Bevölkerung?

Groß. Präsident Mursi ist mit Stimmenmehrheit und völlig legal gewählt worden. Es hat ein Putsch stattgefunden. Wenn man eine Militärherrschaft einem islamischen Regime vorzieht, dann kann man den Militärputsch natürlich als Gewinn bezeichnen.

Wie fundamentalistisch geprägt ist das Militär?

Es ist bezeichnend, dass Saudi-Arabien, das reaktionärer als der Iran ist, nicht mit den in ihren Augen viel zu gemäßigten Muslimbrüdern paktiert, sondern eng mit der Armee zusammenarbeiten.

Driftet Türkei weiter in Fundamentalismus ab?

Die Türkei driftet immer weiter in Richtung Islamismus und Fundamentalismus. Wird das so weitergehen?

Offenbar ja. Die vielen Restriktionen sprechen eine deutliche Sprache. Man darf dabei aber nicht übersehen, dass Premier Erdogan trotz aller Proteste bei weiten Teilen der Bevölkerung nach wie vor große Beliebtheit genießt.

Welche Lehren sollte Europa daraus ziehen?

Die Europäer müssen völlig verrückt sein, wenn sie fortfahren, dem Land die EU-Mitgliedschaft anzutragen. In der Türkei hat sich die EU-Begeisterung längst gelegt. Eine Erweiterung der EU um nahezu 100 Millionen Muslime und einen völlig anderen Kulturkreis würde bedeuten, dass man aufhören kann, von Europa zu reden.

Wohin will die Türkei unter Erdogan?

Wir werden eine türkische Hegemonialpolitik erleben, die versucht, an osmanische Traditionen anzuknüpfen. Diese Politik dürfte sich auch auf Russland auswirken, das eine starke islamische Bevölkerung innerhalb seiner eigenen Grenzen hat.

Was bringt 2014?

Wenn Sie auf das Jahr 2014 blicken: Was erwarten und was befürchten Sie?

Nun, recht viel schlimmer als es im Moment ist, kann es wohl kaum noch werden.

Völlig übersehen wird oft Jordanien, das ohne den Schutzschild der USA und Saudi Arabiens und teilweise auch Israels gar nicht mehr existieren würde. Am härtesten aber dürfte 2014 der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um die Vorherrschaft am Persischen Golf werden. Wobei es nicht allein um Politik und Wirtschaft geht. Hier handelt es sich um einen profunden und tödlichen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten.

Anlässlich seines 90. Geburtstages gab Peter Scholl-Latour dem Münchner Merkur noch ein großes Interview.

Interview: Werner Menner

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