+
Journalisten-Legende Peter Scholl-Latour hat zu seinem 90. Geburtstag dem Münchner Merkur ein großes Interview gegeben.

Interview zum 90. Geburtstag

Peter Scholl-Latour: Das plant Putin auf der Krim

München - Im Interview zu seinem 90. Geburtstag spricht Journalisten-Legende Peter Scholl-Latour mit dem Münchner Merkur über die Krise in der Ukraine, Putin, den Islam und sein Leben.

Die Welt ist sein Zuhause und zugleich sein journalistisches Spielfeld. Seine Berichte und Analysen aus Afrika, Asien und dem Orient haben Prof. Dr. Peter Scholl-Latour berühmt und als Gesprächspartner gefragt gemacht. An diesem Sonntag feiert „der“ deutsche Auslands-Korrespondent und Altmeister seinen 90. Geburtstag.

Lesen Sie auch diese Merkur-Interviews mit Peter Scholl-Latour:

Scholl Latour erklärt die explosive Weltlage

Scholl-Latour: "Militär hat Macht nie aufgegeben"

"Assad droht Gaddafis Schicksal"

Scholl-Latour über Irak: "Es wird gefährlich"

Herr Professor, wie geht es Ihnen?

Sehr gut. Ausgezeichnet. Ich kann wirklich nicht klagen.

Peter-Scholl-Latour zur Ukraine-Krise

Derzeit beunruhigt der Ukraine- und Krim-Konflikt die Welt. Droht ein neuer Krieg in Europa?

Wer soll diesen Krieg denn führen? Etwa die EU? Und mit welcher Armee denn? Nein, das ist absurd. Diese Gefahr besteht nicht.

Und was ist mit einem Krieg zwischen Russland und der Ukraine?

Auch unwahrscheinlich.

Was halten Sie von der Empörung und auch der Wut, mit der westliche Politiker auf die Ereignisse in der Ukraine reagieren?

Völlig überzogen, unrealistisch und von Voreingenommenheit gegenüber Russland geprägt. Vergessen wir nicht: Weder die derzeitige Kiewer Regierung noch der Präsident sind legitimiert. Auch ich halte wenig von dem gestürzten Präsidenten Janukowitsch. Der rechtmäßige Präsident der Ukraine ist er dennoch. Und was die Amerikaner anbelangt: sie sollten nicht zu laut tönen. Sie haben schon dreimal rote Linien gezogen und nicht eingehalten.

Die Krim ist faktisch russisch besetzt, in der Ukraine werden einheimische Soldaten von russischen Militärs in den Kasernen festgehalten. Hat Putin bereits vollendete Tatsachen geschaffen?

In gewissem Sinne ja. Aber auch hier gilt es zu bedenken, dass die Schenkung der Halbinsel Krim durch den damaligen Kremlchef Nikita Chruschtschow im Jahr 1954 an die Ukraine ebenfalls den Normen des Völkerrechts nicht entsprochen hat.

Geht es Putin tatsächlich um die russischen Bürger in der Ukraine, oder was will er wirklich?

Es geht nicht um die Bürger, es geht um die strategische Position am Schwarzen Meer. Es ist ein großer Fehler, alles nur aus dem juristischen Blickwinkel zu betrachten.

Welche Einflussmöglichkeiten hat der Westen? Gehören Sanktionen dazu?

Sanktionen würden uns in Europa viel härter treffen als die Russen. Das war auch im Iran und in anderen Ländern so. Nur die weit entfernten Amerikaner wären fein raus.

Was ist von russischer Seite zu befürchten wenn Sanktionen erfolgen?

Russland würde Sanktionen überleben. Das Land hat mit China einen mächtigen Partner im Osten und mit dem Iran einen einflussreichen Partner in der islamischen Welt.

Rückblick: Scholl-Latour über seine Karriere

Kommen wir zu Ihrer Person und Ihrer Karriere. Wie sehr sind Sie mit dem Erreichten zufrieden?

Ich habe mir nie ein großes Ziel gesetzt. Und ich bin auch nie der Verkünder einer Botschaft gewesen. Auch bekehren wollte ich nie. Ich habe lediglich versucht, dazustellen, was war und ist. Das ist allerdings oft vom Mainstream, von vorherrschenden Meinungen abgewichen.

Was war der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Schwer zu sagen, denn es gab in meinem Leben sehr verschiedene Phasen. Es gab die vietnamesisch-indonesische. Danach war ich sechs Jahre in Afrika und Frankreich-Korrespondent zu Zeiten Charles de Gaulles. Die schönsten Erinnerungen habe ich an Südostasien, aber da will ich heute nicht mehr hin. Diese Ecke der Welt ist so von Touristen überschwemmt, dass ich nur enttäuscht sein könnte.

Scholl-Latour: Khomeini hat mich beeindruckt

Welche Persönlichkeiten haben Sie am nachhaltigsten beeindruckt?

Mit den Mächtigen auf Tuchfühlung: Peter Scholl-Latour (rechts) und Afghanistans Präsident Hamid Karsai im März 2007 nach der Verleihung des Steiger Awards in Bochum.

An erster Stelle der frühere französische Staatspräsident Charles de Gaulle. Aber auch – und das wird vielleicht einige schockieren – der iranische Ayatollah Ruhollah Khomeini. Er war keine mittelalterliche Gestalt, sondern eine biblische, eine große und charismatische Persönlichkeit. Und das musste er auch sein, denn er hat den Orient verändert.

Sie haben Khomeini 1979 auf seiner Rückreise aus dem Exil von Paris nach Teheran begleitet. Sind Sie auch später mit ihm in Verbindung geblieben.

Ja. Ich war zu iranischen Nationalfeiertagen eingeladen und habe sogar einen Film über mein Verhältnis zu Khomeini gemacht.

Gibt es Entscheidungen, die Sie gerne ungeschehen machen würden?

Ach wissen Sie, es ist ja so vieles dem Zufall überlassen. Ich bin zufällig in den Journalismus gestolpert, und da es gut lief, bin ich dabeigeblieben. Was ich immer wollte, war, viel zu reisen und die Welt zu sehen. Und das habe ich durch den Journalismus in einer Art und Weise erreicht, die nur wenigen vergönnt ist.

Kritik im Zusammenhang mit Islam

An Kritikern hat es nie gemangelt – vor allem im Zusammenhang mit dem Islam. Sogar „geistige Volksverhetzung“ wurde Ihnen einmal vorgeworfen. Schmerzt Sie das?

Ich bekam den Friedenspreis der größten islamischen Gemeinde Deutschlands und ich genieße in diesen Kreisen große Popularität. Da kümmert es mich wenig, was ein paar frustrierte Orientalisten meinen. Abgesehen davon: Ich habe mit meinen Einschätzungen ja recht behalten.

Der „Spiegel“ nannte Sie einmal den „letzten Welterklärer“. Ehrt Sie das?

So etwas hört man natürlich nicht ungern. Ich habe oft die Rolle eines Rufers in der Wüste gespielt. Ich war für Präsident De Gaulle, als die Deutschen gegen ihn waren. Ich habe die US-Niederlage in Vietnam vorausgesagt, als man in Deutschland noch fest von einem Sieg überzeugt war. Und ich habe die Politik des Westens gegenüber dem Iran als völlig idiotisch betrachtet.

Die Welt hat sich verändert. Wurde sie besser?

Sicher nicht. Wir hatten in Deutschland das große Glück der Wiedervereinigung. Doch davon abgesehen war die Welt zu Zeiten des Kalten Krieges sicherer. Damals standen sich zwei Supermächte gegenüber, die sich im Notfall abstimmten. Heute stehen wir vor einer unkontrollierbaren multipolaren Gesellschaft.

Arabisch-islamischer Raum beunruhigt Scholl-Latour

Was oder welche Entwicklung beunruhigt Sie?

Was im arabisch-islamischen Raum passiert, entzieht sich jedem Zugriff, auch dem amerikanischen. Das beunruhigt sehr, zumal sich Deutschland mit Blick auf Libyen, Syrien und anderen arabischen Ländern in unmittelbarer Nachbarschaft von Bedrohungen befindet. Zudem greift der islamistische Terrorismus auf den Balkan über, was auch die Russen sehr beunruhigt.

Sie kritisieren immer wieder die internationalen Einmischungen der Europäer. Müssen sie das nicht?

Lassen wir das Moralische mal beiseite. Ich bin es leid, dauernd diese Reden von Menschenrechten und Demokratie zu hören, die ja nur dann gültig sind, wenn die betroffenen Länder wirtschaftlich oder strategisch in das westliche Konzept passen.

Sie haben alle Länder der Erde besucht oder zumindest einmal betreten. Gibt es noch Ecken, die Ihnen fremd sind?

Wirklich fremd nicht, denn ich habe jede Reise mit einem sehr intensiven Studium des jeweiligen Landes verbunden. Ich habe immer meine Hausaufgaben gemacht.

Ihre Reiselust ist ungebrochen. Was treibt Sie?

Gar nichts treibt mich. Es macht mir einfach Spaß, großen Spaß sogar. Ich würde auch dann nur reisen, wenn ich viel Geld hätte und nicht Journalist wäre.

Kommen wir auf Ihre Person zurück: Ist der 90. Geburtstag für den rastlosen Chronisten und journalistischen Altmeister Peter Scholl-Latour ein Grund zum Kürzertreten?

Warum denn? Das regelt die Natur schon von selbst. Ich habe verschiedene Reisepläne. Warum soll ich meinen Lebensstil ändern, nur weil jetzt die Zahl 90 auftaucht?

Welche Träume wollen Sie sich noch erfüllen?

Ich habe keine Träume.

Sie sind mit weit über 20 Bestsellern auch als Buchautor erfolgreich. Stehen neue Projekte an?

Zwei sogar. Ein Buch wird im Herbst erscheinen, das zweite im kommenden Jahr.

Denken Sie inzwischen auch daran, Ihre Memoiren zu Papier zu bringen?

Ja, das muss ich, denn ich habe mich bereits vor langer Zeit dazu verpflichtet. Sie nehmen inzwischen einen beachtlichen Umfang an. Es werden zwei Bände werden.

Was sagt Ihre Frau zu ihrem Un-Ruhestand?

Die ist etwas besorgt, aber daran musste sie sich gewöhnen. Anfangs hat sie versucht, mich zu bremsen. Damals habe ich ihr gesagt: „wenn ich mich jetzt so verhalten würde, wie Du es von mir erwartest, dann wär ich nicht der, der ich heute bin.“ Auf meiner Reise in den Libanon vor Weihnachten hat sie mich begleitet.

Wie sehr hat sich der Journalismus in den vergangenen Jahren verändert?

Es hat eine technische Revolution stattgefunden. Als ich anfing, tippte ich auf einer Schreibmaschine und ging dann im hintersten Afrika oder Asien zu einem Postamt, schickte den Beitrag ab – und hoffte, dass er auch ankommt. Was er eine Woche später auch tat. Man musste also so schreiben, dass es auch nach Tagen noch aktuell war. Meine Hörfunkzeit war sehr kollegial geprägt, sowohl in den englisch- als auch in den französischsprachigen Gebieten. Man kann sagen, dass der Journalismus früher zwar nicht besser, wohl aber kameradschaftlicher war.

Sie leben in Paris, in Südfrankreich und in Berlin. Wo sind Sie am stärksten verwurzelt?

Das kann ich nicht sagen. Ich habe beide Staatsbürgerschaften, werde in beiden Ländern akzeptiert und fühle mich in beiden Ländern sehr wohl.

Ist Peter Scholl-Latour ein glücklicher und zufriedener Mensch?

Was heißt Glück? Wir genießen eine Form der Zufriedenheit und Ausgewogenheit. Ich habe mich immer gehütet, mich Überschwänglichkeiten hinzugeben. Das war gut so.

Wie und wo werden Sie Ihren Geburtstag verbringen?

In Berlin. Der Ullstein-Verlag, in dem auch mein neuestes Buch erscheinen wird, richtet eine große Geburtstagsfeier aus. Abgesehen davon werde ich mich vor allen Festlichkeiten drücken.

Das Gespräch führte Werner Menner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Oppositionschef Akufo-Addo gewinnt Präsidentenwahl in Ghana

Machtwechsel in Ghana. Das Land mit den besten Demokratiewerten Afrikas steht vor einem friedlichen und unbeschwerten Übergang.
Oppositionschef Akufo-Addo gewinnt Präsidentenwahl in Ghana

Berichte: Rudy Giuliani aus dem Rennen als US-Außenminister

New York (dpa) - New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani ist nach übereinstimmenden Berichten aus dem Rennen um das Amt des US-Außenministers. Das berichteten die …
Berichte: Rudy Giuliani aus dem Rennen als US-Außenminister

Schäuble als Bundestagskandidat nominiert

Kehl - Die CDU hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in seinem Wahlkreis in Baden-Württemberg fast einstimmig als Kandidaten für die Bundestagswahl 2017 nominiert.
Schäuble als Bundestagskandidat nominiert

Das ist Ghanas neuer Präsident

Accra - Zwei Tage nach der Präsidentenwahl im westafrikanischen Ghana hat Amtsinhaber John Dramani Mahama am Freitag seine Niederlage anerkannt und Oppositionsführer …
Das ist Ghanas neuer Präsident

Kommentare