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Theresa May.

Neue Premierministerin im Porträt

Theresa May: So tickt Englands neue Eiserne Lady

London - Sie wird die Nummer 13 in der Liste der Regierungschefs unter der Queen – und nach Margaret Thatcher die zweite Frau: Die neue britische Premierministerin heißt Theresa May. Wer ist die Frau mit dem Hang zu extravaganten Schuhen?

Der blaue Umzugswagen hält am Dienstag vor dem Hintereingang der 10 Downing Street, London. Ein Polizist mit Maschinengewehr bewacht die Umzugshelfer, die 330 leere Kartons ins Haus tragen. Der bisherige Bewohner David Cameron wird darin sein Hab und Gut verstauen und noch am Mittwoch ausziehen. Das ist also der „fliegende Wechsel“, den der britische Noch-Premierminister angekündigt hat. Heute wird er zurücktreten, am Abend soll seine Nachfolgerin Theresa May den berühmten Regierungssitz mit der schwarzen Klinker-Fassade beziehen.

Theresa May, 59, verheiratet, wird die zweite Frau sein, die in dem Haus wohnt – nach Margaret Thatcher, der „Eisernen Lady“, die die Briten einst mit harter bis knüppelharter Hand durch unruhige Zeiten führte. Unruhige Zeiten. Die erleben sie auf der Insel gerade wieder, seit der Volksabstimmung für den Ausstieg aus der EU. Wie wird die neue Premierministerin das Land regieren?

Machtwechsel in London

Ein großes Porträt über die Konservative im „Guardian“ beginnt mit einem Satz, der ihre Stärke und ihre Schwäche zugleich ausdrückt: „Ihr fehlt vielleicht die große politische Vision, aber in einer Zeit der nationalen Krise ist ihre ruhige Beständigkeit und ihr Verständnis von moralischer Pflicht genau das, was nötig ist.“

Theresa May sagt Sätze wie: „Meine Philosophie ist: handeln, nicht reden.“ Oder: „Politik ist kein Spiel. Die Entscheidungen, die wir treffen, beeinflussen das Leben der Menschen – und das müssen wir uns immer vor Augen halten.“ Uneitel, zupackend, zuverlässig – das ist das Bild, das sie von sich vermittelt. Immerhin: Sie ist seit 2010 Innenministerin, so lange war seit über 100 Jahren keiner mehr in diesem Amt.

Sie hat sich also schon einen gewissen Respekt erarbeitet – wenn auch nicht immer Sympathien. „Theresa’s a bloody difficult woman“ – eine verdammt schwierige Frau, sagt Ken Clarke, das Tory-Urgestein. Die Kamera lief, was Clarke nicht wusste. Die Aufregung war groß. Aber Theresa May, die als eine der wenigen Tory-Frauen in Spitzenämtern gelernt hat, wie mit älteren Herren umzugehen ist, empfindet das als Kompliment: „Ich kann eine verdammt schwierige Frau sein“, konterte sie – genau solche Frauen brauche die britische Politik jetzt.

In der Innenpolitik gilt sie als fleißig und zielstrebig. Im Parlament vertritt sie seit 1997 Maidenhead, eine kleine Stadt 40 Kilometer außerhalb Londons, in der viele Pendler leben und auch die „Spice Girls“ einmal ein Jahr gewohnt haben, bevor ihre Karriere so richtig los ging. Fotos auf ihrer Homepage zeigen Theresa May, die Geografie studiert und für die Bank of England gearbeitet hat, bei der Eröffnung des neuen Einkaufszentrums, in der Grundschul-Kantine, beim Spatenstich für eine neue Kirche. Dinge, die Abgeordnete eben tun.

Als Theresa May einmal von der BBC nach ihren Hobbys gefragt wurde, antwortete sie: Kochen (sie hat über 100 Kochbücher) und ab und zu Wandern. Nicht gerade Kernkompetenzen eines politischen Superweibs. Doch ihre Parteikollegen erinnern sich noch mit Schaudern an ihren Auftritt 2002, als sie eine sozialere Politik anmahnte: „You know what some people call us – the Nasty Party!“ Ihr wisst, wie uns manche nennen – die fiese Partei! Bei manchem Konservativen trieb sie damit den Blutdruck kräftig nach oben.

Gerade Mays selbstbewusste Bodenständigkeit scheint anzukommen bei den Briten. Und ein Autor im „Daily Telegraph“ kommentiert das „Verdammt-schwierig“-Zitat so: „Wir hatten schon einmal eine solche, die das Land geführt hat – wir brauchen jetzt wieder eine.“ Da ist er wieder – der Vergleich mit der legendären Maggie Thatcher.

Thatcher war auch berühmt für ihre Handtaschen – sie wurden zum Symbol für den gnadenlosen Umgang mit ihren Ministern. Doch während Thatcher mit ihrer altbackenen Fönwelle beileibe keine Stilikone war, hat May schon jetzt einen ganz anderen Ruf. Mit Entzücken stürzt sich die britische Boulevardpresse auf ihre Schuhe: Sie trägt Stiefel mit Leoparden-Muster oder bunte Pumps mit Glitzersteinen. Die „Sun“ druckte am Dienstag auf der Titelseite ein besonders auffälliges Paar mit der Zeile „Heel, boys!“ Die Übersetzung ist zweideutig: Wörtlich heißt es „Absätze, Jungs!“ Gemeint ist aber eher: „Bei Fuß, Jungs!“ Bei der Kabinettssitzung am Dienstag, der letzten von Cameron, schritt die gut gelaunte May in Leo-Print-Ballerinas aus der 10 Downing Street.

Wie viel Theresa May mit Margaret Thatcher tatsächlich gemeinsam hat, wird sich zeigen. Beide stammen jedenfalls aus eher einfachen Verhältnissen – Thatchers Vater war Kolonialwarenhändler und Kleinstadt-Bürgermeister, May ist eine Pfarrerstochter. Pfarrerstochter? Bei diesem biografischen Detail klingelte es bei den britischen Kolumnisten: Sie vergleichen ihre künftige Premierministerin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel – auch sie eine Pastorentochter. Tatsächlich gibt es weitere Parallelen: beide kinderlos, die Ehemänner in zweiter Reihe, der Pagenkopf, dicke Perlenketten, die Kostüme klassisch, manchmal in knalligen Farben. Aber sonst? Merkel ist eine Meisterin im diplomatischen Abwarten, May soll in Verhandlungen stur (wenn auch nicht völlig unbelehrbar) sein. Gesellschaftspolitisch gilt die Britin als liberal, sie setzte sich schon vor Jahren für die gleichgeschlechtliche Ehe ein. Aber in der Flüchtlingspolitik fährt sie einen harten Kurs: Merkels umstrittene Entscheidung im vorigen Sommer, Flüchtlinge ins Land zu lassen, kritisierte May scharf. Überhaupt schlägt sie einen rauen Ton gegenüber Zuwanderern an – auch solchen aus der EU.

Vor der Volksabstimmung kämpfte May für den Verbleib der Briten in der EU. Jetzt hat sie sich als die Frau positioniert, die den Brexit durchziehen wird, komme was wolle. Das ist auch eine Strategie, um die derzeit gespaltenen Tories wieder zu vereinen. Am Montag macht sie noch einmal deutlich, dass es mit ihr kein Zurück vom Votum der Briten geben wird: „Brexit means Brexit.“ Brexit heißt Brexit. Und so will sie auch vermeiden, dass der EU-Ausstieg für Jahre das vorherrschende Thema ist.

Sie kündigt an, gegen soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen, sie umwirbt die kleinen Leute, die Arbeiterschicht. Bei ihrer Wahlkampfrede am Montagabend, als noch nicht klar ist, dass ihre Konkurrentin Andrea Leadsom den Weg so kampflos freimacht, steht auf dem Banner hinter ihr: „Ein Land für jeden, nicht nur für die wenigen Privilegierten.“ May greift Konzerne wie Amazon an, fordert sie auf, Steuern zu zahlen. Kampfansagen an die da droben.

Ihr Vorgänger David Cameron, Sohn eines Börsenmaklers, scheint es unterdessen kaum erwarten zu können, endlich Ex-Premierminister zu sein. Nachdem er am Montag angekündigt hatte, dass ihn May beerben wird, summte er fröhlich vor sich hin: „Do do, do do.“ Dass das Mikro an seinem Anzugrevers noch lief, merkte Cameron nicht. Und noch zwei Worte murmelte er: „right“ und „good“.

Ganz hat es Cameron, der sich mit dem Brexit sein eigenes politisches Grab geschaufelt hat, noch nicht überstanden. Heute Mittag, letzter großer Auftritt im Unterhaus, Fragestunde. Sechs Jahre war Cameron im Amt, die Frage ist: Gibt es noch eine große Abrechnung? Für die Stunden danach gibt es eine feste Prozedur: Der britische Premierministers verlässt die Downing Street gemeinsam mit seiner Familie und geht dann zu Queen Elizabeth II. Dort wird er offiziell seinen Rücktritt einreichen. Anschließend dürfte Theresa May von der Queen empfangen werden. Und dann? Die Camerons haben eine hübsche 4-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Notting Hill, allerdings ist die zur Zeit vermietet. Also erst einmal Wohnungssuche.

Kater Larry, „Chief Mouser to the Cabinet Office“, also offiziell beauftragter Ratten- und Mäusejäger im Regierungssitz, darf übrigens bleiben. Seit 2011 ist Larry im Amt. Das Tier, teilt ein Regierungssprecher mit, „ist die Katze eines Beamten, nicht der Camerons“. Wenigstens für ihn bleibt alles beim Alten.

Carina Zimniok und Peer Meinert

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