Eine Heimat, die keine mehr ist

Flucht aus der Türkei? Viele Türken leben in Angst

München/Izmir – Die Gesellschaft in der Türkei ist nach dem Putschversuch tief gespalten. Viele Menschen haben Angst um ihr Leben. Sie fürchten sich vor Erdogan. Manche sehen nur noch einen Ausweg: die Flucht. Wir haben mit Türken gesprochen, die auf gepackten Koffern sitzen.

Elif, 44, Mutter von Zwillingen, sieht sich im Internet jeden Tag die Jobanzeigen in Deutschland an. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihrem Mann und den zweisprachig erzogenen Kindern in Izmir an der Ägäisküste. Doch jetzt wollen sie gemeinsam die Türkei verlassen. Die weltoffene Frau – Elif hat in Deutschland und England Betriebswirtschaft studiert – teilt die Ansichten des islamisch-konservativen und autokratischen Präsidenten Recep Erdogan nicht. Jetzt hat sie Angst um die Zukunft ihrer Familie.

In Wahrheit heißt sie nicht Elif. Aber ihr Name soll nicht in der Zeitung stehen. Zu groß ist seit dem missglückten Militärputsch ihre Angst, bei Erdogan und seinen Gefolgsleuten in Missgunst zu fallen. Schnell könnten Türken mit Ausreiseplänen als „pro Gülen“ und damit „contra Erdogan“ gelten. Der Präsident macht seinen Kontrahenten Fethullah Gülen für den Putsch verantwortlich. Tausende Türken, darunter Staatsanwälte und Lehrer, wurden seither entlassen. Viele andere sehen ihre Existenz bedroht. Der Türkei droht eine massive Ausreisewelle. Ziel für viele: Deutschland.

Für Elif sind die achtjährigen Zwillinge der Hauptgrund, die Heimat zu verlassen. „Ich will, dass meine Kinder in einem stabilen Land aufwachsen“, erzählt sie am Telefon. Ihre Muttersprache ist Deutsch. Vor zehn Jahren zog Elif von Deutschland in die Türkei, der Liebe wegen. Ihr Mann arbeitet dort als Zahnarzt.

Elif meidet öffentliche Plätze - "wo sie ihre türkischen Flaggen schwingen"

Nach Deutschland möchte Elif zurück. Dorthin, wo sie aufgewachsen ist. Am liebsten nach München. Sie bereitet ihre Ausreise akribisch vor. Erst wenn ein konkreter Plan samt Wohnung und Arbeitsplatz steht, wird sie das Land verlassen. „Vier bis sechs Monate wird das schon dauern“, sagt sie. Bis dahin hält sie die Füße still und schweigt. „Denn wir wissen nicht, wie es hier weitergeht.“ Die zweifache Mutter bezeichnet sich selbst als Erdogan-misstrauisch. Seine Religiosität stößt bei ihr auf Unverständnis. „Ich sage meine politische Meinung nicht mehr öffentlich“, erklärt sie. Besonders vor Fremden nicht. Zugestoßen ist ihr und ihrer Familie bisher nichts. Trotzdem meidet sie öffentliche Plätze. „Dorthin, wo sie ihre türkischen Flaggen schwingen, gehe ich nicht.“

Ihr genügt, was sie von Freunden und Nachbarn erzählt bekommt. Kriminelle haben sich Zutritt zur Wohnung eines Nachbarn verschafft. Sie hatten sich als Spezialbeamte ausgegeben. Das ist in einem kleinen Ort am Meer passiert, wo Elif mit ihren Kindern oft das Wochenende in einem Ferienhaus verbringt. So etwas hatte es zuvor in der abgelegenen Ortschaft noch nie gegeben. Was die Männer wollten und ob es Zufall war, dass sie gerade jetzt gekommen sind? Elif weiß es nicht. Aber sie fühlt sich nicht mehr sicher.

Die politische Situation ist derzeit das einzige Gesprächsthema in ihrer Familie. „Einige gehen von einem Bürgerkrieg aus.“ Das ist ihr zu pessimistisch. Sie selbst geht abends noch weg, trifft sich mit Freunden. Nicht alle leben noch so wie sie. „Ich kenne auch Leute, die gehen nicht mehr aus dem Haus. Die warten lieber ab, was noch passiert.“

Wie es weitergeht, kann derzeit niemand sagen. Elif beschreibt den schlimmsten Fall, der eintreten könnte – „dass wir in Zuständen wie im Iran leben müssen“. Die weltgewandte Frau will nicht gezwungen sein, mit einem Kopftuch herumlaufen zu müssen. „Ich war nie religiös, ich will dieses Leben nicht.“

Aber einfach ausreisen – geht das? Die 44-Jährige glaubt, dass sie nichts zu befürchten hat. Sie hat einen türkischen und einen deutschen Pass. Auch ihr Mann sollte nach derzeitigem Stand keine Probleme bekommen.

Konservative Mehrheit im "nationalen Rauschzustand"

Aber das kann sich ändern. Vural Ünlü, 44, ist Medienmanager und Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Bayern. Der Münchner sagt: „Im Visier stehen derzeit hauptsächlich Gülenisten.“ Trotzdem besteht die Sorge, auch bei Vural Ünlü: „Welche Personen könnten als nächste auf der staatlichen Reinigungsliste stehen?“ Von Verwandten und Bekannten in der Türkei weiß er: „Auch Unschuldige fürchten, ihren Job oder die Freiheit zu verlieren.“

Von Deutschland aus erlebt er das Geschehen in der Türkei. „Die konservative Mehrheit befindet sich nach dem missglückten Putsch in einem nationalen Rauschzustand, der Tag und Nacht auf den Straßen zelebriert und von der Regierung angefeuert wird.“ Auf der anderen Seite stehen Menschen, die wie Elif denken. Diejenigen, die nicht die Politik und den konservativen Lebensentwurf von Staatspräsident Erdogan teilen. „Dieser Teil der Bevölkerung sitzt beklommen zuhause und sorgt sich um die Zukunft“, sagt Ünlü. „Insbesondere viele Türkei-Rückkehrer sind enttäuscht und planen die Ausreise.“

Yusuf – der in Wirklichkeit auch anders heißt – denkt ebenfalls darüber nach, sein Heimatland hinter sich zu lassen. Er ist Journalist, 45, und lebt in Istanbul. Seine Ausreisepläne sind noch nicht so konkret, die Koffer noch nicht gepackt. Für Yusuf bleibt es der letzte Ausweg. Doch tagtäglich sorgt er sich um die Zukunft seiner beiden Kinder, die Sicherheit seiner Familie und um seine Existenz. Jeden Morgen, wenn Yusuf aufsteht, kümmert er sich um seine Frau und seine Kinder. Er versucht, ein Stück Normalität in der Familie zu erhalten. „Ich möchte diese Zeit mit meiner Familie nutzen, um ihnen Sicherheit zu vermitteln, die bei mir von Tag zu Tag schwindet“, erzählt er. Immer wieder gibt es neue Meldungen über Verhaftungen von Journalisten, von Arbeitskollegen von Yusuf.

Ausreise? Kann keine Option sein

Ein Journalist mit liberalen, westlichen Ansichten, das macht es ihm schwierig, in der Erdogan-Türkei frei zu leben, seine Meinung kundzutun. „Ich muss anders schreiben und aufpassen, was ich in der Öffentlichkeit von mir gebe“, sagt er. „Ja, manchmal muss ich auch lügen, um in Sicherheit zu leben.“ An einen Tag ist er wütend über das, was in der Türkei passiert. Am anderen sprachlos. „Das ist eigentlich mein Land. Mein Land, in dem ich geboren bin, mein Land, das ich liebe“, erzählt er. „Ich liebe die Türkei in meiner Erinnerung, ich kann mich allerdings nicht mit der Erdogan-Türkei identifizieren.“

Ausreise? Er denkt darüber nach. „Das kann keine Option sein“, sagt er. Muss es aber vielleicht. „Wenn es nicht anders geht, werden wir Wege finden, die alte, geliebte Heimat zu verlassen.“ Yusuf fürchtet, dass bald alle Andersdenkenden die Türkei verlassen. „Dann ist der Weg frei für eine Erdogan-Türkei, die gefährlich und unberechenbar ist und vor allem nichts mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu tun hat.“ Er nennt das, was er fürchtet, eine Glaubensdiktatur.

Jeden Tag überschlagen sich die Meldungen von Verhaftungen in der Türkei. Nicht nur Journalisten leben gefährlich. Der CSU-Politiker Ozan Iyibas, der im Gemeinderat in Neufahrn sitzt und 2014 für das Europaparlament kandidiert hat, kennt viele in der Türkei. Ein Teil seiner Familie lebt dort und einige Freunde. „Die Angst geht um“, sagt er. „Die Leute haben Existenzängste.“

Ozan Iyibas Eltern sind 1975 als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Er wuchs mit seinen Geschwistern in Neufahrn auf. Die Familie hat alevitische Wurzeln. „Sie haben Angst, dass nun alles Erdenkliche eingeschränkt wird.“ Schon jetzt, durch den Ausnahmezustand, können viele Türken nicht mehr frei leben. Er fürchtet, dass viele Menschen, die anders denken als der Präsident, sich bald über die Fluchtwege auf den Weg nach Deutschland machen. Für diejenigen, die hier Verwandtschaft haben, gibt es eine andere Möglichkeit. Ozan Iyibas sagt: „Für drei Monate kann man jemanden aus seiner Familie zu sich holen und dafür einen Antrag bei den Behörden einreichen.“

Noch befindet sich die Familie des Freisingers in der Türkei. „Es ist nicht so, dass sie sich zuhause verbarrikadieren“, sagt Iyibas. Aber sie überlegen sich, was sie machen und sagen: „Sie vertrauen ihren engsten Freunden nicht mehr.“ Sie wurden fremd in der eigenen Heimat – und das über Nacht.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Künast stellt Strafanzeige wegen Falschnachricht

Hamburg (dpa) - Die Grünen-Politikerin Renate Künast geht laut einem "Spiegel"-Bericht mit Strafanzeige und Strafantrag gegen gefälschte Nachrichten bei Facebook vor.
Künast stellt Strafanzeige wegen Falschnachricht

Wieder schlimmer Todeskampf bei Hinrichtung in den USA

Montgomery/Alabama - Bei einer Hinrichtung in den USA hat offenbar erneut ein Todeskandidat minutenlange Qualen erlitten. Das dürfte die Debatte über die Methoden neu …
Wieder schlimmer Todeskampf bei Hinrichtung in den USA

Friedensnobelpreis an Kolumbiens Präsidenten Santos verliehen

Oslo - Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos hat am Samstag in Oslo den Friedensnobelpreis 2016 entgegengenommen.
Friedensnobelpreis an Kolumbiens Präsidenten Santos verliehen

Künast stellt Anzeige wegen „Fake-News“ zu Flüchtling auf Facebook

Berlin - Renate Künast von den Grünen geht per Strafanzeige und Strafantrag gegen eine Falschnachricht auf Facebook vor. Hart geht die Politikerin auch mit Facebook …
Künast stellt Anzeige wegen „Fake-News“ zu Flüchtling auf Facebook

Kommentare