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Die Köpfe der Kampagne: Premier Cameron (In), Labour Chef Corbyn (o.li./In), Ukip-Chef Farage (u.l./Out), Tory-Rebell Johnson (o.re./Out) und Schottlands First Lady Sturgeon (In).

Das passiert im Fall der Fälle

Brexit: Klarer Sieg – oder Cameron wird getoastet

München/London - Wie steht es drei Wochen vor dem Referendum zwischen EU-Gegnern und EU-Befürwortern in Großbritannien? Was passiert, wenn der „Brexit“ wirklich kommt? Die BayernLB hat die Lage analysiert und präsentiert Szenarien für den Fall der Fälle.

Update vom 28. Juni 2016 : Der Brexit ist durch, die Folgen noch unabsehbar. Um das weitere Vorgehen zu besprechen, treffen sich am Dienstag die 27 EU-Mitgliedsstaaten in Brüssel. Alle Entwicklungen zum Treffen lesen Sie in unserem EU-Gipfel-News-Blog nach.

Meldung

Noch 19 Tage bis zur historischen Entscheidung über Großbritanniens Verbleib in der EU – und David Cameron, Premierminister ihrer Majestät und Anführer des Pro-Europa-Lagers, muss schweigen. Eine britische Bestimmung, die hierzulande nahezu unbekannt ist, verdammt ihn dazu: die Purdah-Regel. Sie besagt sinngemäß, dass Regierungsmitglieder sich rund einen Monat vor einer Wahl oder einem Referendum öffentlich nicht mehr zugunsten einer Seite engagieren dürfen. Eine Art Maulkorb für Cameron also, während sein Hauptgegner und Leitwolf der „Brexit“-Kampagne, Boris Johnson, frei agieren kann.

Und diesen Vorteil könnte Londons Ex-Bürgermeister, der zuletzt nicht einmal vor Vergleichen der EU mit Hitlers Herrschaftsanspruch zurückschreckte, weidlich ausnutzen. Der seit April zu registrierende Aufwind für das Pro-Europa-Lager in Umfragen könnte also wieder abflauen. Noch rechnen Experten der Bayerischen Landesbank mit einem knappen Votum für den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU. Doch auch sie halten einen Brexit für möglich und sagen für diesen Fall gravierende Folgen nicht nur für Großbritannien voraus, wie bei einer Podiumsveranstaltung in München deutlich wird. BayernLB-Chef Johannes-Jörg Riegler befürchtet, dass der Markt die Risiken eines Brexit unterschätzt. Sein Haus sieht in diesem Fall erhebliche Rezessionsgefahren in Großbritannien, aber auch in zahlreichen anderen Staaten auf dem Kontinent – vor allem auch in Deutschland.

Verband deutscher Maschinenbauer warnt vor Brexit

Passend dazu warnt der Verband deutscher Maschinenbauer eindringlich vor einem herben Rückschlag im Fall des Brexit: Immerhin ist jede fünfte auf der Insel importierte Maschine „made in Germany“, 7,2 Milliarden Euro verbuchten deutsche Hersteller 2015 mit ihren Exporten nach England – das waren 5,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit einem Brexit würde dieser florierende Handel deutlich erschwert, fürchtet man.

Christoph Weaver, General Manager der Londoner Dependance der BayernLB, ist sich sicher: David Cameron reicht kein knapper Sieg der EU-Befürworter, er braucht ein klares Ergebnis, will er seine in dieser Frage tief gespaltene Tory-Partei wieder einen und im Amt bleiben. Wie zur Bestätigung dieser Einschätzung kündigte die Tory-Abgeordnete Nadine Dorries im britischen Fernsehen diese Woche für den Fall eines nur hauchdünnen Cameron-Sieges dessen Sturz an: „Er wäre innerhalb weniger Tage getoastet.“ Den Frontverlauf zwischen den „In“- und „Out“-Kämpfern zieht Banker Weaver quer durchs (uneinige) Königreich: London – mit seinem neuen Bürgermeister Sadiq Khan – sei mehrheitlich für einen EU-Verbleib. Das konservative Mittelengland dagegen sei EU-kritischer und setze mehr auf die Rolle des britischen Commenwealth. Die Schotten wiederum fühlten sich heute schon Brüssel näher als London. Daran wird wohl auch US-Präsidentschaftskandidat und Brexit-Befürworter Donald Trump wenig ändern, der am Tag vor der Abstimmung nach Schottland reisen will.

Brexit: Referendums-Debatte immer stärker von Emotionen geprägt

Den aktuellen Verlauf der Referendums-Debatte sehen Weaver und sein BayernLB-Kollege Alexander Kalb immer stärker von Emotionen geprägt. Fakten spielten bei den EU-Aussteigewilligen zunehmend eine untergeordnete Rolle, simple populistische Botschaften würden ausgesandt. So hätten EU-Gegner am Rande der Autobahn bei London ein vielsagendes Schild aufgestellt: „Beware of the Germans. They are coming again“ („Vorsicht vor den Deutschen. Sie kommen schon wieder“).

Im Vordergrund der Wahlschlacht auf der Insel steht die Migrations- und Asylfrage. Und das, obwohl Großbritannien dem Schengen-Raum gar nicht angehört. Mögliche Veränderungen bei diesem Thema – etwa eine Visa-Liberalisierung für Türken oder etwaige islamistische Terroranschläge bei der Fußball-EM in Frankreich – könnten nach Analyse der Bayern-Banker bis zur Abstimmung das Brexit-Lager wieder stärken.

Brexit: Das Worst-Case-Szenario: Die Briten steigen aus

Doch was passiert eigentlich in diesem Fall der Fälle? Für das offizielle Brüssel ist dieses Szenario tabu, für die BayernLB nicht. Als kurzfristige wirtschaftliche Folgen eines Brexit erwarten die Analysten eine deutliche Rezession in Großbritannien mit einem Rückgang des BIP um zwei Prozent (statt eines zweiprozentigen Wachstums im Falle des Verbleibs), mit starken Ansteckungseffekten durch den Rückgang des Handels für den Euroraum insgesamt. Gleichzeitig erwartet man einen allgemeinen Unsicherheitsschock mit erheblicher Zurückhaltung bei Investitionen – nicht nur auf der Insel, sondern auch auf dem Kontinent. Besonders schwierig würde die Situation der Bank of England. Sie müsste nach Analyse der BayernLB eine unorthodoxe Doppelstrategie fahren: Einerseits Zinsen erhöhen, um den erwarteten Absturz des britischen Pfunds zu dämpfen. Und andererseits Maßnahmen ergreifen, um die Liquidität sicherzustellen.

Nicht viel besser erginge es der EU. Ohne Britannien würde die Zukunft des Gemeinschaftsprojekts und seiner Währung infrage stehen und die Risikoprämien auf Staatsanleihen nach oben treiben. Vom Ausmaß her erwarten die Banker einen Anstieg der Risikoprämien vergleichbar mit dem Höhepunkt der Schuldenkrise 2011/2012 – mit allen negativen Auswirkungen auf die überschuldeten Staaten vor allem im Südgürtel der EU.

Das sind die Verlierer des Brexit

Ein Verlierer des Brexit wäre auch der Immobilienmarkt, vor allem in London. Auf Haus- und Wohnungseigentümer kämen ungemütliche Zeiten zu: Die erwarteten Zinserhöhungen der Bank of England würden auch die Hypothekenzinsen anheizen – bei gleichzeitigem Konjunktureinbruch vor allem für den Mittelstand eine existenziell bedrohliche Entwicklung.

Einig sind sich die Experten in ihrer grundsätzlichen Erwartung: Muss Premier Cameron tatsächlich den Austritt seines Landes aus der EU nach Artikel 50 des Vertrags von Lissabon erklären, folgen Jahre der Unsicherheit. In zwei Jahren, wie derzeit prognostiziert, sind nach Erfahrungen der Banker solch weitreichende Freihandels-Verträge nicht erfolgreich zu verhandeln. Mindestens sechs Jahre seien dafür nötig – mit allen unbeantworteten Fragen über die Mitwirkungsrechte Londons bei EU-Beschlüssen während dieser Übergangsphase.

Und Europa? Ein Austritt der Briten könnte als Blaupause für andere Mitglieder dienen, die EU zu verlassen. Oder als Fanal an die Links-Regierungen der Südstaaten, dem ohne Briten geschwächten Norden die Austeritätspolitik vor die Füße zu werfen.

Brexit: Folgen, Ergebnisse, Gründe, Erklärung

Was genau ist der Brexit eigentlich - das können Sie hier nachlesen. Wir haben uns außerdem Gedanken über die Folgen für Deutschland gemacht, die der Austritts Großbritanniens aus der EU haben könnte. Alles, was Sie zum Brexit wissen müssen, können Sie zudem hier nachlesen.

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