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Boris Nemzow.

Putin-Gegner erschossen

Nemzow-Mord: Fluchtauto  der Täter gefunden?

Moskau - Weltweites Entsetzen, Schock für die liberale Opposition in Russland: Boris Nemzow wird Opfer eines Mordanschlags. Der Putin-Kritiker wird in unmittelbarer Nähe des Kremls erschossen. Wer sind die Täter?

Auftragsmord in Sichtweite des Kremls: Ein Attentäter hat den russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow in Moskau in unmittelbarer Nähe des Kremls auf offener Straße hinterrücks erschossen. Das teilte die oberste russische Ermittlungsbehörde mit. Sowohl die Polizei als auch der Kreml gingen von einem Auftragsmord aus. Der 55 Jahre alte Nemzow war ein profilierter Gegner von Kremlchef Wladimir Putin. Der frühere Vizeregierungschef galt als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der russischen Opposition.

Putin: "Politische Provokation"

Präsident Putin verurteilte den „brutalen Mord“ ebenso wie US-Präsident Barack Obama. Putin sprach von einer politischen „Provokation“. Die Bluttat habe alle Anzeichen eines Auftragsmordes, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow.

„Es wird alles getan, damit die Organisatoren und Täter dieses hässlichen und zynischen Mordes ihrer verdienten Strafe zugeführt werden“, versprach Putin in einem Beileidstelegramm am Samstag an die Mutter von Nemzow. In dem vom Kreml veröffentlichten Schreiben lobte Putin Nemzow als aufrichtigen Politiker, der seine Position verteidigt habe.

„Boris Nemzow hat seine Spur in der Geschichte Russlands hinterlassen, in der Politik und im gesellschaftlichen Leben. Ihm fiel es zu, auf bedeutenden Posten in einer schwierigen Übergangszeit für unser Land zu arbeiten. Er hat immer direkt und ehrlich seine Position vertreten und seinen Standpunkt verteidigt“, hieß es in dem Schreiben.

Die Situation in Russland ist angesichts des Ukraine-Konflikts gespannt. Nemzow gehörte zu den prominenten Wortführern der Opposition, die an diesem Sonntag in Moskau Tausende unzufriedene Russen zu einem Marsch von Regierungsgegnern auf die Straße bringen wollte. Die Organisatoren sprachen sich dafür aus, die Kundgebung abzusagen. Nemzow hatte Putin eine Aggression gegen die Ukraine vorgeworfen.

Nach Kremlangaben beauftragte der Präsident die leitenden Mitarbeiter der obersten Ermittlungsbehörde, des Innenministeriums und des Inlandsgeheimdienstes FSB, die Ermittlungen persönlich in die Hand zu nehmen. In einer vom Weißen Haus verbreiteten Erklärung forderte Obama die russische Führung zu einer „schnellen, unvoreingenommenen und transparenten“ Aufklärung des Verbrechens auf. Auch in vielen europäischen Staaten wurde eine rasche Aufklärung gefordert.

Videoüberwachung am Tatort

Nemzow war am Freitag um 23.40 Uhr Ortszeit (21.40 MEZ) von hinten mit einer Pistole erschossen worden. Der Täter habe aus einem Auto heraus sieben oder acht Schüsse auf Nemzow abgefeuert, sagte Innenministeriumssprecherin Jelena Alexejewa. Vier Kugeln trafen Nemzow in den Rücken. Anschließend flüchtete der Schütze in einem weißen Auto. Am Tatort gibt es Videoüberwachung, die möglicherweise weitere Hinweise auf die Täter geben könnte, hieß es.

Der Täter habe aus einem Fahrzeug mit einer Pistole vom Typ Makarow geschossen und dabei Patronen unterschiedlicher Hersteller verwendet, sagte der Sprecher der russischen Ermittlungsbehörde Wladimir Markin. Es würden nun die Aufnahmen der Videoüberwachung gesichtet sowie die Telefonverbindungen im Umfeld des Tatorts rekonstruiert.

Verschiedene Spuren

Verfolgt werde auch eine islamistisch-extremistische Spur, sagte Markin. Demnach soll Nemzow Drohungen erhalten haben, weil er sich nach dem Terroranschlag auf das Pariser Satiremagazin „Charlie Hebdo“ mit den Journalisten solidarisch gezeigt hatte.

Die Ermittler gehen zudem einer möglichen ukrainischen Spur nach. Nemzow galt als glühender Unterstützer der prowestlichen Führung in Kiew. Demnach halten es die Fahnder für möglich, dass außer Kontrolle geratene Kräfte in der Ukraine, die Russland schaden wollten, für den Auftragsmord verantwortlich seien. Markin sagte, dass nicht zuletzt die geschäftlichen Kontakte des früheren Vize-Regierungschefs und Energieministers untersucht würden.

Zeugen befragt

Nemzow soll wenige Minuten zuvor mit einer Bekannten aus der Ukraine über den Roten Platz spaziert sein. Die Frau, Medien zufolge eine 23 Jahre alte Ukrainerin, überlebte das Attentat. Sie wurde als Zeugin befragt, ebenso weitere Personen. Nemzow galt als glühender Unterstützer der proeuropäischen ukrainischen Führung in Kiew. Dort äußerte sich Präsident Petro Poroschenko schockiert über den Mord. In Kiew legten Bürger noch in der Nacht Blumen vor das Gebäude der russischen Botschaft. Auch in Moskau lagen am Tatort Blumen und Kerzen.

Nemzow hatte nach Informationen des früheren georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili an einem Bericht über die russische Verstrickung in den Krieg in der Ostukraine gearbeitet. Er habe die russische Öffentlichkeit darüber informieren wollen, sagte Saakaschwili dem US-Sender CNN. Die Ermordung Nemzows sei für ihn keine Überraschung. „Ich bin nur überrascht, dass er nicht schon früher getötet wurde.“ In einem eindringlichen Appell hatte Nemzow den Einsatz von russischen Soldaten in der Ostukraine - ohne Erkennungszeichen an den Uniformen - als „illegal“ kritisiert.

Fluchtauto der Täter gefunden?

Fernsehberichten zufolge fanden die Ermittler möglicherweise das Fluchtauto der Täter. Der TV-Sender Rossija 24 zeigte das weiße Fahrzeug mit einem Nummernschild der Teilrepublik Inguschetien, die im islamisch geprägten Konfliktgebiet Nordkaukasus liegt.

Botschafter mehrerer EU-Staaten, unter ihnen der Deutsche Rüdiger Freiherr von Fritsch, haben den Tatort in Moskau besucht. „Dieser hinterhältige und kaltblütige Mord schadet Russland“, sagte von Fritsch am Samstag der Deutschen Presse-Agentur.

Trauer um Boris Nemzow

Entsetzen über Mord an Putin-Kritiker Nemzow

Trauermarsch für Nemzow im Zentrum Moskaus

Die russische Hauptstadt hat für diesen Sonntag überraschend eine Trauerkundgebung für 50.000 Menschen im Zentrum von Moskau genehmigt. Darauf hätten sich Oppositionsvertreter am Samstag bei Verhandlungen mit der Stadt geeinigt, teilten die Behörden mit. Die Initiative ging demnach von dem Oppositionsführer und früheren Regierungschef Michail Kasjanow aus. Er hatte zuvor mitgeteilt, dass die Opposition nach den Mord an Nemzow auf den für Sonntag geplanten Frühlingsmarsch gegen die Politik von Kremlchef Wladimir Putin verzichten werde.

Zuletzt hatte es Streit um den Ort der Oppositionskundgebung gegeben. Die Regierungsgegner hatten sich daran gestört, dass sie nicht - wie regierungstreue Gruppierungen - im Stadtzentrum demonstrieren durften. Die Opposition hatte allerdings dann doch einer Verlegung der Kundgebung an den Rand Moskaus zugestimmt, um nicht ein Verbot der Stadt zu riskieren.

Merkel und Hollande verurteilen Ermordung

Bundespräsident Joachim Gauck  hat schockiert auf die Ermordung des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow reagiert. Gauck bekundete am Samstag seinen tiefen Respekt vor dem früheren stellvertretenden Ministerpräsidenten Russlands. Dieser habe sich couragiert für Freiheit, Demokratie und Frieden eingesetzt und dabei auch Kritik an der Moskauer Regierung nicht gescheut. „Für die gesellschaftliche Debatte in Russland ist sein Tod ein unermesslicher Verlust. Gerade jetzt wird seine Stimme fehlen“, ließ der Bundespräsident über seine Sprecherin erklären. Er erwarte von allen Verantwortlichen in Russland, dass sie sich für eine vollständige Aufklärung des Mordes einsetzten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich bestürzt über den Mord am russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow geäußert. Regierungssprecher Steffen Seibert teilte am Samstag in Berlin mit, die Kanzlerin fordere Russlands Präsidenten Wladimir Putin auf, „zu gewährleisten, dass der Mord aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden“.

Merkel sei „bestürzt über die hinterhältige Ermordung“ des 55-Jährigen, der als einer der schärfsten Kritiker von Kremlchef Putin galt. „Sie würdigt den Mut des ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten, der seine Kritik an der Regierungspolitik immer wieder auch öffentlich geäußert hat“, erklärte Seibert.

Auch Frankreichs Präsident François Hollande hat die Ermordung des russischen Oppositionellen Boris Nemzow scharf verurteilt. Es handele sich um einen "abscheulichen Mord" an einem "mutigen und unermüdlichen Verteidiger der Demokratie", erklärte Hollande am Samstag in Paris. Zugleich würdigte er Nemzows "hartnäckigen" Kampf gegen die Korruption.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, Nemzows Tod mache ihn „traurig und wütend“. Steinmeier würdigte Nemzows politische Unerschrockenheit. Er habe sich „gegen Korruption und Willkür“ gestellt - sein Tod sei „ein schwerer Rückschlag für alle, die sich mutig für ein offenes Russland einsetzen.

Gorbatschow warnt vor Destabilisierung in Russland

Der Friedensnobelpreisträger und frühere Kremlchef Michail Gorbatschow  hat nach dem Mord an dem Regierungsgegner Boris Nemzow vor einer Destabilisierung der Lage in Russland gewarnt. „Das ist ein Versuch, die Situation zu verschlimmern, vielleicht sogar die Lage im Land zu destabilisieren, die Konfrontation zu verschärfen“, sagte Gorbatschow Medien zufolge am Samstag in Moskau.

Gorbatschow zeigte sich bestürzt: Es gehe jeden im Land etwas an, wenn gegen Andersdenkende so vorgegangen werde. „Die Verbrecher müssen gefunden werden, aber auf solche Delikte lassen sich Täter ein, die gewöhnlich schwer ausfindig zu machen sind“, sagte Gorbatschow.

Der 83-Jährige warnte davor, die Bluttat im Westen zum Schüren antirussischer Tendenzen zu missbrauchen. Die Hintermänner hätten offenkundig darauf gesetzt, den Druck auf Russland zu erhöhen. „Natürlich versuchen gewisse Kräfte, das Verbrechen für ihre Ziele zu nutzen, sie denken doch alle darüber nach, wie sie Putin loswerden können“, sagte Gorbatschow.

Russische Regierungskritiker leben gefährlich

Eine Reihe von Kritikern der russischen Regierung ist gewaltsam ums Leben gekommen oder starb unter dubiosen Umständen. Einige prominente Fälle:

  • BORIS BERESOWSKI: Der russische Oligarch und einstige Multimillionär wird im März 2013 tot in seinem Haus in Ascot bei London aufgefunden. Er galt als Intimfeind von Kremlchef Wladimir Putin und unterstützte die russische Opposition finanziell. Eine Obduktion ergibt, dass Beresowski durch Strangulieren starb. Im März 2014 erklärt ein Richter, dass nicht zweifelsfrei festgestellt werden könne, ob er sich das Leben nahm oder umgebracht wurde.
  • SERGEJ MAGNITSKI: Der schwer kranke Anwalt stirbt im November 2009 qualvoll in seiner Gefängniszelle, ohne dass Ärzte ihm helfen. Er war wegen angeblicher Steuervergehen in Untersuchungshaft gekommen, nachdem er massive Korruptionsvorwürfe gegen Behörden erhoben hatte. Menschenrechtler sowie Hinterbliebene werfen den Behörden vor, ihn gefoltert zu haben. Für seinen Tod wird niemand zur Rechenschaft gezogen. Der Fall sorgt international für Empörung. 2013 spricht ein Gericht Magnitski posthum wegen Steuerbetrugs schuldig.
  • NATALJA ESTEMIROWA: Die Menschenrechtsaktivistin wird im Juli 2009 in der russischen Konfliktregion Nordkaukasus erschossen aufgefunden. Die Mitarbeiterin der Organisation Memorial galt als Kämpferin für die Menschenrechte im Nordkaukasus. Mit kritischen Berichten über das Verschwinden von Zivilisten in Tschetschenien hatte sie sich wiederholt den Zorn der moskautreuen Machthaber zugezogen.
  • ALEXANDER LITWINENKO: Der russische Ex-Geheimagent stirbt im November 2006 in einem Londoner Krankenhaus. Er war kurz vorher vermutlich beim Teetrinken in einem Hotel mit dem hochgiftigen, radioaktiven Polonium 210 vergiftet worden. Im Sterben macht er Putin für seinen Tod verantwortlich. Der Kreml weist die Vorwürfe zurück. Litwinenko hatte sich mit dem Kreml überworfen, war nach Großbritannien ausgewandert und hatte später auch für den britischen Geheimdienst MI6 gearbeitet.
  • ANNA POLITKOWSKAJA: Die Journalistin und Regierungskritikerin wird im Oktober 2006 in Moskau erschossen. Sie hatte für die kremlkritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ vor allem aus der Teilrepublik Tschetschenien über Menschenrechtsverletzungen durch russische und tschetschenische Sicherheitskräfte berichtet. Der Mord löst international Bestürzung aus. 2014 verurteilt ein Moskauer Gericht fünf aus Tschetschenien stammende Männer zu langjährigen Strafen. Die Drahtzieher des Verbrechens sind bis heute nicht bekannt.

dpa/AFP

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