Salafisten, Islam, Deutschland
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Anhänger des radikal-islamischen Salafisten-Predigers Pierre Vogel nehmen am 07.09.2013 an einer Demonstration in der Innenstadt von Frankfurt am Main (Hessen) teil.

Definition und wichtige Infos

Salafisten in Deutschland: Wer sie sind und was sie wollen

München - Die Salafisten-Szene in Deutschland wächst rasant. Doch wer sind diese Salafisten eigentlich? Wo kommen sie her? Und was wollen sie? Eine Definition:

Was ist Salafismus?/Wer sind Salafisten?

Die sogenannten Salafisten vertreten eine der radikalsten Ausprägungen des Islamismus (*) . In Deutschland stellen die Salafisten aktuell die am stärksten wachsende Form dieser extremen Glaubensrichtung dar. Das Bundesinnenministerium (BMI) definiert Salafisten als "Verfechter eines aus ihrer Sicht ursprünglichen und unverfälschten Islams." Sie lehnen jede theologische Modernisierung ab. In ihren Augen muss der Islam so praktiziert werden, wie im Mittelalter vom Propheten Muhammad (circa 570 bis 632 n. Chr.) und den ersten Muslimen, den sogenannten "al-salaf al-salih" (den "rechtschaffenen Altvorderen"). Mit Letzteren sind die ersten drei Generationen im Islam gemeint. Das arabische Wort "Salaf" steht für: Ahnen, Vorfahren. Salafisten lehnen außerdem westliche Demokratien ab und sehen eine "islamische Ordnung" mit islamischer Rechtsprechung (Scharia) als einzig legitime Staats- und Gesellschaftsform an.

(* Nach der Definition des BMI ist Islamismus im Gegensatz zur Religion Islam eine "religiös verbrämte Form des politischen Extremismus" .)

Was wollen die Salafisten?

Das ultimative Ziel der Salafisten ist die Errichtung eines islamischen "Gottesstaates". In einem solchen würden zum Beispiel wesentliche und in Deutschland garantierte Grundrechte nicht gelten - zum Beispiel das Grundrecht der Religionsfreiheit, auf das sich Salafisten selbst laufend berufen. Stattdessen müssten sich Rechtsordnung und Gesellschaft an einem salafistischen Regelwerk orientieren. Um den islamischen "Gottesstaat" durchzusetzen, sind bestimmte Salafisten (s.u.) auch zur Gewalt bereit.

Die Geschichte der Salafisten

Um den Ursprung des Salafismus zu verstehen, muss man in der Geschichte etwas weiter zurückgehen. Grundsätzlich gibt es zwei Grundformen des Salafismus: Der puritanistische Salafismus und der modernistische Salafismus, der auch als "Mainstream-Salafismus" bezeichnet wird. Eine dritte Spielart ist der Jihadismus.

Moussa Al-Hassan Diaw, der an der Universität Osnabrück seine Doktorarbeit zum Thema "Religiöser Fundamentalismus, politischer Salafismus" verfasst, erklärt die Entstehung dessen, was man heute als Salafismus bezeichnet, so: Auf der arabischen Halbinsel gab es im 18. Jahrhundert viel Aberglauben und entsprechende Gebräuche. Muhammad ibn Abd al-Wahhab (1703–1792) war das ein Dorn im Auge. Er wollte den Islam davon reinigen. So entstand der Puritanismus. Die nach ihm benannten Wahhabiten wurden dadurch bekannt, dass sie den Koran wortwörtlich nahmen und die islamische Rechtsschultradition ablehnten.

Für die politischen Salafisten ist die zweite, modernere Gruppe wichtig. Sie entstand im 19. Jahrhundert. Der sogenannte Reform-Salafismus wurde vor allem von den beiden Gelehrten Dschamal ad-Din al-Afghani (1838–1897) und Mohammad Abduh (1849–1905) geprägt. Aus dieser Tradition entwickelte sich unter anderem die Muslimbruderschaft, eine bis heute richtungsweisende Bewegung. (Die Muslimbrüder stellten übrigens in Ägypten den Präsidenten Mohammed Mursi, der 2013 weggeputscht war, weil Teile der Gesellschaft das Land auf dem Weg in den Islamismus sahen) Von der Ideologie her ist der "Mainstream"-Salafismus eine Mischung aus dem puristischen und dem jihadistischen Salafismus, heißt es in einer Definition des Innenministeriums von Nordrhein-Westfalen.

Der Jihadismus ist eine militante Ausrichtung des Islams. Die darin vertretenen radikalen religiösen Konzepte ermöglichen Anhängern, "unislamische" Herrscher und muslimische Mitbürger zu Zielscheiben von Gewalt zu erklären. Der puristische Salafismus lehnt Gewalt hingegen ab.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Salafismus ein sehr breites Spektrum umfasst und in unterschiedlichen Schattierungen vorkommt. Von der Ideologie her ähneln sich zum Beispiel Salafisten und Anhänger des Isalmischen Staates (IS oder auch ISIS). Nach Aussage von Diaw wechseln seine Gruppierungen ständig, was es schwer macht, den Salafismus zu überblicken. Die Übergänge zwischen "politischem Salafismus" und "jihadistischem Salafismus" sind nach Angaben des Verfassungsschutzes fließend. Das hätten Auswertungen von Radikalisierungsverläufen gezeigt.

Salafisten in Deutschland: Die aktuelle Entwicklung

Sowohl in Deutschland als auch international gilt Salafismus als derzeit als dynamischste islamistische Bewegung. Stand Oktober 2014 gibt es in Deutschland 6300 Salafisten. Bis zum Jahresende - so die Prognose - könnten es schon 7000 sein. Zum Vergleich: Im Mai 2012 ging man noch von rund 2500 Salafisten in Deutschland aus - und davon galten nur 200 als Hauptakteure. Der Verfassungsschutz beobachtet diese Entwicklung mit Besorgnis. Denn bislang sind mindestens 450 vorwiegend junge Menschen nachweislich in den "Heiligen Krieg" nach Syrien und in den Irak gezogen. Die Dunkelziffer sei jedoch sehr groß, heißt es seitens des Verfassungsschutzes. Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, die sich auf Sicherheitskreise beruft, könnte die tatsächliche Zahl der ausgereisten Islamisten bei 1800 liegen.

Der Bundesverfassungsschutz zieht folgendes Fazit zu Salafisten in Deutschland: "Die Mehrzahl der Salafisten in Deutschland sind keine Terroristen, sondern politische Salafisten. Andererseits sind fast alle in Deutschland bisher identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen salafistisch geprägt beziehungsweise haben sich im salafistischen Milieu entwickelt."

Besonderheiten der Salafisten

Viele Salafisten tragen lange Bärte und weite Gewänder. Sie vertreten diskriminierende Positionen gegen Frauen und bestehen auf deren Vollverschleierung. Insgesamt wirken sie damit nicht nur sehr extrem, sondern auch sehr altmodisch. Gleichzeitig nutzen Salafisten moderne Kanäle wie etwa Youtube, Twitter oder das Internet im Allgemeinen, um ihr Gedankengut zu verbreiten und ihren Glauben zu propagieren.

Salafisten stellen den Verfassungsschutz auch über ihre strukturelle Organisation vor neue Herausforderungen. Denn die Hierarchien sind schwer einsehbar und die Bildung der Salafisten-Netzwerke ist so dynamisch, dass sie für Außenstehende schwer nachvollziehbar ist. Weil es zudem keine Vereinsform oder etwas ähnliches gibt, sind die Salafisten sehr schwer greifbar.

Wer wird Salafist und warum?

Salafisten üben vor allem auf junge Menschen eine große Anziehungskraft aus. Ein Grund dafür ist, dass sie wie oben beschrieben sehr moderne Kommunikationswege nutzen und sich im Internet auch immer professioneller präsentieren. Salafisten nutzen aktuell zum Beispiel auch sogenannte Benefizveranstaltungen für Syrien zur Verbreitung ihrer Propaganda.

Ein weiterer Grund für die Attraktivität ist ein klares Schwarz-Weiß-Werteschema. Das strikte und wortwörtliche Befolgen der religiösen Regeln lässt keine Missverständnisse zu und bietet Orientierung. Vereinfacht gesagt: Es gibt richtig und es gibt falsch - dazwischen gibt es nichts.

Gerade junge Menschen, die gescheitert und orientierungslos sind, fallen oftmals auf die Anwerbeversuche der Salafisten herein. Oft handelt es sich um Männer mit Migrationshintergrund, die Misserfolge in der Schule oder in der sozialen Gruppe erlebt haben. Alarmierend sei laut Verfassungsschutz, dass es als "Jugendkultur" angesehen werde, nach Syrien oder in den Irak in den Dschihad zu ziehen. So gelte es als cool, dorthin zu gehen, Twitter-Nachrichten aus Aleppo zu empfangen oder "Freunde zu haben bei Facebook, die dort tätig sind".

Beispiele für gefährliche/terroristische Salafisten-Gruppen

Aus der größten Terrorvereinigung Algeriens, der "Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf" ging die Terrororganisation "Al-Kaida im islamischen Maghreb" hervor. In der Bundesrepublik stand die terroristische Sauerland-Gruppe unter salafistischem Einfluss. Fast alle Islamisten in Deutschland, die den Dschihad (Heiligen Krieg) befürworten, sind laut Verfassungsschutz mit dem Salafismus in Berührung gekommen.

mit dpa

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