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Ob die Befürworter der Abspaltung Schottlands von Großbritannien sich durchsetzen werden, wird man erst am frühen Freitagmorgen wissen.

Schotten-Referendum

So geht’s bei "Yes" oder "No" weiter

Edinburgh - Schottland stimmt ab. Gehören 307 Jahre englisch-schottische Union bald der Geschichte an? Umfragen sahen beide Lager bis zum Schluss Kopf an Kopf. Heute stellt sich die Frage: Wie geht es nach dem Unabhängigkeits-Referendum weiter?

Mit einer historischen Abstimmung haben Millionen Schotten über die Unabhängigkeit des Landes von Großbritannien entschieden. Von den Shetland-Inseln bis zur Hauptstadt Edinburgh beantworteten am Donnerstag bis zu 4,3 Millionen Schotten in 32 Wahlbezirken die Frage, ob Schottland nach mehr als 300 Jahren die Union mit England auflösen soll.

Wegen der erheblichen Auswirkungen einer Unabhängigkeit Schottlands etwa auf den britischen Finanzmarkt, Europäische Union und Nato war die Aufmerksamkeit auch im Ausland enorm. „Ich hoffe, dass Großbritannien vereint bleibt“, schrieb US-Präsident Barack Obama auf Twitter. Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte sich zu internen britischen Angelegenheiten nicht äußern. In der Europäischen Union wird die Tendenz zur Kleinstaaterei in Europa kritisch gesehen - vor allem in Ländern wie Spanien, Italien und Belgien, wo es ebenfalls regionale Unabhängigkeitsbestrebungen gibt.

Beide Lager mobilisierten zum Ende des Wahlkampfes noch einmal alle Kräfte. „Wacht auf am Freitag und seid euch gewiss: Wir waren es, wir haben es möglich gemacht“, schrieb Schottlands Ministerpräsident und Kopf der Unabhängigkeitsbewegung, Alex Salmond, in einem offenen Brief an seine Bürger. Großbritanniens Premierminister David Cameron hatte die Schotten förmlich angefleht: „Bitte, bitte, bleibt bei uns!“

Erste Ergebnisse am frühen Freitagmorgen erwartet

Die Wahlleitung in Edinburgh erwartete eine in der Geschichte Schottlands noch nie dagewesene Wahlbeteiligung von mehr als 90 Prozent. Die Frage der Unabhängigkeit hatte das schottische Volk in den vergangenen Wochen wie kaum eine andere politische Entscheidung zuvor elektrisiert. Schon am Vormittag hatten sich lange Schlangen vor den 5579 Wahllokalen in 2608 Einrichtungen gebildet. Erstmals durften Schüler im Alter von mindestens 16 Jahren mitwählen. Die Wahllokale sollten um 23.00 Uhr (MESZ) schließen.

Mit ersten Ergebnissen aus den 32 Stimmbezirken wird am frühen Freitagmorgen gerechnet, ein Endergebnis soll gegen 8.00 Uhr (MESZ) verkündet werden. Die Meinungsforscher haben bis zum Schluss ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhergesagt. Allerdings ergaben die letzten Erhebungen einen leichten Vorsprung für das „Nein“-Lager, das die Union mit Großbritannien fortsetzen will.

So geht es bei "Yes" weiter

Wenn die Schotten mehrheitlich mit „Yes“ stimmen, wird das Land die britische Union verlassen. Zwischen Edinburgh und London gäbe es viel zu klären. Die Verhandlungen sollen dann einen Tag nach dem Referendum beginnen. Die nächsten Schritte:

Unabhängigkeit:  Schottland würde am 24. März 2016 unabhängig. Edinburgh und London hätten also 18 Monate Zeit, um die Bedingungen der Trennung auszuhandeln. Die Punkte auf der Agenda sind kaum zu überschauen: Währung, Atomwaffen, Grenzkontrollen, Handelsabkommen, Renten- und Gesundheitssystem sind nur einige Punkte.

Märkte:  Die Briten müssten Märkte und Unternehmen beruhigen, um den Kurs des britischen Pfunds zu stabilisieren. Es werden für Freitagmorgen Aussagen von Finanzminister George Osborne, Notenbankchef Mark Carney und Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond erwartet.

Rücktritte: Premierminister David Cameron und Oppositionsführer Ed Miliband stünden vor der Frage, wie es für sie weitergeht – der Verlust eines Teils des Landes würde auch ihnen zugeschrieben. Cameron hat angekündigt, er werde nicht freiwillig zurücktreten.

Aufbau eines Staates: Schottland muss unter anderem eine Armee, ein Steuersystem sowie ein Netz von Botschaften im Ausland aufbauen, seinen Einwohnern Pässe ausstellen, internationale Handelsabkommen schließen und seine Mitgliedschaft in Institutionen wie der EU und der Nato klären.

Britische Wahlen: Für den 7. Mai 2015 sind Parlamentswahlen in Großbritannien geplant. Die Schotten sind noch wahlberechtigt. Ob der Termin im Fall eines „Ja“ bleibt, ist unklar – Schottland schickt 59 Abgeordnete nach London, davon gehören derzeit 40 zu Labour.

Schottische Wahlen: Schottland wählt am 5. Mai 2016 ein neues Parlament – so oder so.

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Tag der Entscheidung für die Schotten

So geht es bei "No" weiter

Sollten die Schotten heute mehrheitlich mit „No“ abstimmen, bleibt ihr Land Teil Großbritanniens. Trotzdem geht es nicht weiter wie bisher, denn London hat Edinburgh mehr Eigenständigkeit versprochen.

Die nächsten Schritte:

Machttransfer: Die großen Parteien im britischen Parlament – Konservative, Labour und Liberaldemokraten – haben zugesagt, sofort mit der Planung für den als „Devolution“ bezeichneten Machttransfer zu beginnen, also bereits am Freitag.

Vorschläge diskutieren: Ende Oktober 2014 will London ein erstes Papier mit Vorschlägen fertig haben, das dann diskutiert wird. Was es enthalten wird, ist nicht ganz klar – vermutlich soll Edinburgh mehr Freiheit beim Erheben von Einkommensteuern und in anderen Bereichen der Steuerpolitik bekommen.

Neue Kompetenzen:  Ende November 2014 soll ein Informationsbericht des Unterhauses die neuen Kompetenzen für Edinburgh im Detail darlegen. Am 25. Januar 2015 soll der Gesetzentwurf fertig sein; das Unterhaus stimmt darüber ab.

Britische Wahlen: Am 7. Mai 2015 sind Parlamentswahlen in Großbritannien. Mit dem Zusammentreten des neuen Parlaments sollen auch die neuen „Devolution“-Gesetze in Kraft treten.

Schottische Wahlen:  Am 5. Mai 2016 wählt Schottland ein neues Regionalparlament.

Referendum über die EU-Mitgliedschaft:  Sollte Premierminister David Cameron wiedergewählt werden, hat er für 2017 ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU in Aussicht gestellt. Wenn die Briten (mit den Schotten) mehrheitlich für den Austritt stimmen, könnte das der Nationalbewegung in Schottland neuen Schwung geben: Die Schotten sind EU-freundlich. Im Falle eines Austritts würden die Schotten nicht mehr mit abstimmen – dann fehlten britischen EU-Befürwortern viele Stimmen.

ar/dpa

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