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Gleich da hinten liegt Bayern: Der Blick auf das Sehnsuchtsbundesland vom Sonneberger Rathaus. Auf direktem Weg sind es nicht mal zwei Kilometer bis zur Grenze.

Ist ein Bundesland-Wechsel möglich?

Diese Stadt in Thüringen will bayerisch werden

Sonneberg - Weg von Thüringen: So lautet die Devise von Sonneberg. Die Stadt will stattdessen zu Bayern gehören. Wir haben die Stadt besucht und erklären, wie ein Wechsel möglich ist.

Da verläuft sie, diese verdammte Grenze, verborgen im Grünen. Heiko Voigt steht auf dem Rathausturm und zeigt Richtung Südwesten. „Zu Fuß braucht man eine Viertelstunde nach Bayern, mit dem Auto drei Minuten“, sagt er. Voigt, 55, ist stellvertretender Bürgermeister der Stadt Sonneberg in Thüringen – und er will das Bundesland wechseln. Bayern statt Thüringen. Als er diesen Plan beim Neujahrsempfang den Anwesenden mitgeteilt hat, dachten manche an einen Scherz. Aber Voigt und seine Mitstreiter meinen es ernst.

An den Stammtischen Sonnebergs ist das Thema nicht ganz neu, immer mal wieder haben sie sich darüber beim Bier die Köpfe heiß geredet. Aber jetzt kommt politisch Bewegung in die Sache. Die zuständige Landrätin hat dem bayerischen Innenministerium in einem Brief vom Wechselwunsch vieler Bürger berichtet. Noch in diesem Jahr könnte es eine Volksbefragung unter den Wahlberechtigten der rund 24 000 Sonneberger geben – auch wenn im Stadtrat noch gestritten wird. Warum das ganze Drama?

Voigt, ein promovierter Regionalplaner, deutet auf dem Rathausturm jetzt in die andere Richtung, nach Norden, auf die Wälder und Berge hinter Sonneberg. „Zwischen der Landeshauptstadt Erfurt und uns liegt der Thüringer Wald“, sagt Voigt. „Wir können einander nicht sehen – und viele Landespolitiker in Erfurt denken dann auch gar nicht, dass es uns gibt.“

Sonneberg wehrt sich gegen Gebietsreform

Sonneberg ist auf den ersten Blick eine Kleinstadt, wie man sie in Deutschland vielerorts findet. Eiscafé in der Fußgängerzone, Werbeplakate für eine große Party, irgendwo zwischen dörflich-familiär und städtisch-anonym. Vor 100 Jahren haben sie hier zwanzig Prozent aller weltweit gehandelten Spielwaren hergestellt. Mit dem „Sonneberger Täufling“ haben sie auch den Urtyp der Babypuppe erfunden. Und das Wappen – zurück zum Thema – ziert schon lange ein Löwe, der seinen beiden Artgenossen auf dem bayerischen Wappen zum Verwechseln ähnlich sieht.

Wäre lieber Bayer als Thüringer: der stellvertretende Bürgermeister von Sonneberg, Heiko Voigt.

Der Ärger vieler Sonneberger hängt hauptsächlich mit einer geplanten Gebietsreform zusammen. Die rot-rot-grüne Landesregierung in Thüringen will Landkreise, Gemeinden und Kommunen neu sortieren. Lange waren das mehr oder weniger theoretische Diskussionen, aber langsam rückt das Datum näher: Ab 2018 wären die Sonneberger dann Teil eines Großlandkreises, den Bürgermeister Voigt apokalyptisch „Monsterlandkreis“ nennt. Sonneberg würde wohl den Kreissitz verlieren – und vielleicht vom Luftlinie gut 40 Kilometer entfernten Suhl oder einer noch ferneren Stadt aus regiert. „Dann werden Entscheidungen für unsere Region im wahrsten Sinne außerhalb der Region getroffen“, befürchtet Voigt. Zu DDR-Zeiten kamen die Anweisungen schon einmal aus Suhl, bei manchen Älteren in Sonneberg dürfte auch das für Bauchschmerzen sorgen.

Bürger fühlen sich fränkisch

Die Verwaltungsreform ist freilich nur ein Kapitel dieses ungewöhnlichen Flirts mit dem Freistaat Bayern. Sonneberg gehört zwar zu Thüringen, aber viele Menschen fühlen sich dem wenige Minuten entfernten Franken landsmannschaftlich mehr verbunden. Durch die Straßen des hübschen Städtchens weht der fränkische Dialekt. Viele Menschen in Südthüringen gehen zum Biertrinken Jahr für Jahr zur Kerwa – anders als die Bewohner von Erfurt oder Jena, wo es diese Art Volksfest nicht gibt. Als einziger Ost-Kreis hat Sonneberg einen Aldi-Süd. Wer mit dem Bayern-Ticket Zug fährt, kommt damit bis nach Sonneberg. Und die geografische Nähe zu Bayern treibt auch kuriose Blüten: „In Thüringen dürfen Schüler mit 15 Jahren Moped fahren, in Bayern nicht“, sagt Voigt. „Eigentlich müssten sie an der Grenze absteigen und schieben.“

Dazu kommen die vielen wirtschaftlichen Verbindungen nach Franken – und damit nach Bayern. Voigt zählt auf, seine Antwort dauert 7 Minuten und 28 Sekunden. Die Kurzfassung: Sonneberg gehört seit einigen Jahren zur „Metropolregion Nürnberg“, als einzige nicht-bayerische Stadt. Viele Sonneberger arbeiten auf der anderen Seite der Landesgrenze, in Coburg, Kronach oder Lichtenfels. Auch andersrum pendeln viele Menschen zum Arbeiten nach Sonneberg. Gemeinsam mit der fränkischen Nachbarstadt Neustadt bei Coburg betreibt man den Nahverkehr, die kommunalen Krankenhäuser sind länderübergreifend unter einem Dach. Durch den geplanten Großlandkreis, sagt Voigt, seien solche Errungenschaften gefährdet.

Bundesland-Wechsel: Ist das möglich?

Aber geht das überhaupt? Das Bundesland wechseln? Der Weg dorthin ist in Deutschland jedenfalls steinig. Zunächst müssen sich die Politiker auf kommunaler Ebene darauf verständigen. Dann muss der Wille der Bevölkerung erfragt werden. Schließlich müssen sich die Regierungen von Bayern und Thüringen auf einen Staatsvertrag einigen. Ach ja, beide Landesparlamente, Bundestag und vielleicht auch Bundesrat müssen noch zustimmen. Vergleichbare Fälle in den vergangenen Jahren? Keine.

Auf thüringischer Seite nimmt man die Pläne der Sonneberger nicht ernst. Innenminister Holger Poppenhäger (SPD) hat alsbald wissen lassen, dass aus seiner Sicht auch nichts gegen einen Wechsel des fränkischen Coburgs nach Thüringen spreche. Die häufigen Missverständnisse zwischen Altbayern und Franken seien ja bekannt. Ministerpräsident Bodo Ramelow teilte dagegen mit, dass er sich eine Teilung Thüringens vorstellen könne. Vor und hinter dem Thüringer Wald. Das Problem: Es war eine Faschingsrede. Und welches Interesse sollte die Landesregierung daran haben, die wirtschaftlich starke Region Sonneberg mit einer der bundesweit höchsten Beschäftigungsquoten an den reichen Nachbarn zu verlieren?

Coburg und Bayern ist geschmeichelt

Auf bayerischer Seite gibt man sich geschmeichelt, der Landrat von Coburg hat seine prinzipielle Zustimmung längst signalisiert. Der Innenminister nutzt die Steilvorlage – große Überraschung – zum Sticheln gegen die von der Linkspartei angeführte Regierung im Nachbarland. In einer Pressemitteilung teilt Joachim Hermann mit: „Es sollte den politisch Verantwortlichen in Thüringen zu denken geben, wenn dort Landkreise nach Bayern wollen. In Bayern gibt es jedenfalls keine Kommune, die zu Thüringen wechseln will. In Bayern wohnen heißt lebenswert wohnen, und ich empfinde das als großes Lob unserer Nachbarn, wenn sie das auch so sehen.“

Fragt man die Menschen auf den Straßen Sonnebergs, ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Ein paar wenige haben von dem Thema – erstaunlicherweise – überhaupt noch nichts mitgekriegt. Der Rest teilt sich grob in zwei Drittel Befürworter und ein Drittel Gegner der Übertrittspläne. Eine ältere Dame sagt lachend: „Wir sind doch längst Franken.“ Repräsentativ ist diese Umfrage natürlich nicht – aber sie deckt sich mit dem Eindruck von Vize-Bürgermeister und Stadtbaudirektor Voigt. „Die meisten Menschen hier haben die Konsequenzen der Gebietsreform noch nicht ganz erkannt. Aber meiner Einschätzung nach gibt es eine positive Grundstimmung zum Wechsel.“

Ohnehin beschäftigt die Stadt in diesem Frühsommer ein anderes, trauriges Thema. Die langjährige Bürgermeisterin Sibylle Abel ist im Mai auf tragische Weise verstorben. Voigt wirkt mitgenommen, Abel und er haben zwanzig Jahre zusammengearbeitet. Die Verflechtung mit Franken und der wirtschaftliche Aufschwung seien auch das Werk der Kollegin. Voigt will sich im August als parteiloser und von der CDU unterstützter Kandidat zum Bürgermeister wählen lassen. Dann kämpft er als Rathauschef weiter gegen die Gebietsreform.

Weiß- statt Bratwurst?

Als der geborene Sonneberger seine Pläne zum Rübermachen nach Bayern Anfang des Jahres öffentlich gemacht hatte, fragte die Boulevardpresse gänzlich entzückt: „Wird in Sonneberg bald Weiß- statt Bratwurst gegessen?“ Kopfschütteln bei Voigt. Auch in Oberfranken essen sie Bratwurst, die auf Kiefernholz gebratene Coburger Variante hat sogar eigene Fan-Seiten bei Facebook. Es geht nicht um weiß-blaue Bierseligkeit, das ist ihm wichtig, sondern um die „Fortsetzung einer sehr erfolgreichen Entwicklung in der seit über 25 Jahren wiedervereinigten Wirtschaftsregion“.

Fährt man mit dem Regionalzug hinüber ins fränkische Lichtenfels, passiert man die Landesgrenze zwischen Bayern und Thüringen. „Eine Grenze hat Tyrannenmacht“, lässt Friedrich Schiller den Abgesandten Stauffacher im Drama „Wilhelm Tell“ sprechen. Ganz so staatstragend geht es in Sonneberg natürlich nicht zu. Heiko Voigt, optimistisch lächelnd, hofft dennoch auf ein ähnliches Ende seiner Geschichte. Den Rütlischwur mit dem großen Nachbarn. Wenn er in zehn Jahren durch die Stadt schlendert, sagt er, gehört Sonneberg vermutlich endgültig zu Bayern.

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