"Ich habe Hunger" steht auf dem Schild eines Bettlers in Münster. Bereits in den vergangenen Jahren hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband vor wachsender Armut gewarnt. Foto: Friso Gentsch/Archiv
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"Ich habe Hunger" steht auf dem Schild eines Bettlers in Münster. Bereits in den vergangenen Jahren hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband vor wachsender Armut gewarnt.

Trotz guter Wirtschaftslage

Warum die Kluft zwischen Arm und Reich wächst

Berlin - Wie sind arm und reich in Deutschland verteilt? Wie groß sind die Abstiegsrisiken? Forscher und Sozialverbände sehen die gesellschaftliche Balance trotz guter Wirtschaftslage in einer Schieflage.

Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland ist trotz guter Konjunktur laut Experten in den vergangenen Jahren gewachsen. "Auch in einer Phase mit Rekordbeschäftigung haben wir keine zurückgehenden Armutsquoten", sagte die Sozialexpertin Dorothee Spannagel der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Betroffen sind laut dem am Dienstag präsentierten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands 12,5 Millionen Menschen. Das größte Armutsrisiko tragen demnach Arbeitslose, Alleinerziehende, Kinderreiche, Schlechtqualifizierte, Ausländer und Rentner. Gegen den Bundestrend stieg die Armutsquote in Nordrhein-Westfalen besonders stark.

In neun Bundesländern nahm die Armutsquote ab - etwa in Bremen um minus 0,5 Punkte auf 24,1 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern um minus 2,3 Punkte auf 21,3 Prozent oder in Berlin um 1,4 Punkte auf 20 Prozent.

Ruhrgebiet bleibt "Problemregion Nummer Eins" 

In Bayern stieg sie dagegen von 11,3 auf 11,5 Prozent, in Nordrhein-Westfalen sogar von 17,1 auf 17,5 Prozent. Das Ruhrgebiet sei dabei die „Problemregion Nummer Eins“, sagte der Geschäftsführer des Verbands, Ulrich Schneider. „Jeder fünfte Einwohner dieses größten Ballungsraums Deutschlands muss mittlerweile zu den Armen gezählt werden.“

Alarmiert zeigte sich Schneider von der Lage der Rentner. Bei ihnen sei die Armut seit 2005 etwa zehn Mal so stark angewachsen wie beim Rest der Bevölkerung. „Es ist eine Armut, die sich zum Großteil ganz knapp oberhalb des Sozialhilfeniveaus bewegt.“

Laut Deutschem Kinderhilfswerk sind sogar 19 Prozent der Kinder und Jugendlichen arm. Präsident Thomas Krüger forderte einen Aktionsplan gegen Kinderarmut. Schneider trat für eine Stärkung der Renten, der Grundsicherung, für mehr Bildung und steuerliche Umverteilung ein.

Flüchtlinge fallen nicht ins Gewicht

Rund 335 000 Menschen sind laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ohne Wohnung - „so viele wie seit über zehn Jahren nicht mehr“, sagte Vize-Geschäftsführerin Werena Rosenke. Wohnungen fehlten für Wohnungslose, einkommensarme Haushalte und Zuwanderer.

Die Flüchtlinge fallen laut Schneider statistisch bei der Armut derzeit gar nicht und auch künftig kaum ins Gewicht. Pro Asyl warnte gleichwohl davor, das gerade im Bundestag beratene Asylpaket II für schnellere Verfahren drohe das Armutsrisiko zu vergrößern. Denn viele Asylbewerber dürften dann abgelehnt werden, aber nicht abgeschoben werden können. Sie würden dann geduldet, doch dieser Status erschwere den Zugang zu Jobs, sagte Geschäftsführer Günter Burkhardt. Der Paritätische Wohlfahrtsverband legte seinen Bericht erstmals gemeinsamen mit zahlreichen weiteren Sozialverbänden vor.

Sozialexpertin Dorothee Spannagel hat die Entwicklung für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung untersucht. "Die Einkommensungleichheit hat seit den 90er Jahren zugenommen, vor allem zwischen 1999 und 2005", sagte sie. "Damals hat sie in Deutschland europaweit so stark zugenommen wie in sonst keinem anderen Land." Zwar sank die Ungleichheit gemessen am Haushaltseinkommen von da an bis 2010 wieder. Dann vergrößerte sich die Kluft aber wieder. Die Daten, auf die sich Spannagel in ihrer jüngsten Studie vom vergangenen Herbst beruft, reichen allerdings nur bis 2012.

Kaum Lohnzuwächse bei niedrigen Einkommen

Hauptursache für die Ungleichheit sei, dass es Lohnzuwächse vor allem bei den höheren Gehältern gegeben habe. Der Niedriglohnbereich sei davon weitgehend abgekoppelt, so Spannagel. Zudem sei die Bedeutung der Kapitaleinkünfte im Vergleich zum Lohneinkommen gewachsen.

Nach Daten des Statistischen Bundesamts verfügen die obersten zehn Prozent der Haushalte über 51,9 Prozent des Nettovermögens - die untere Hälfte nur über 1 Prozent. Diese jüngsten Zahlen zeigen den Stand von 2013. 1998 hatten die reichsten zehn Prozent nur 45,1 Prozent, die unteren 50 Prozent 2,9 Prozent des Vermögens.

Spannagel betonte, für die untere Mitte hätten sich die Aufstiegschancen verringert und die Abstiegsrisiken vergrößert. In den Jahren seit 2005 seien mit knapp 16 Prozent etwa deutlich mehr Menschen aus der unteren Mitte der Einkommensverteilung abgestiegen als dies in den 80er Jahren mit knapp 12 Prozent der Fall gewesen sei. "Das ist ein massiver Einschnitt in die Chancengleichheit", sagte Spannagel.

Warum Reiche immer reicher werden:

dpa

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