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Klären sie die Kandidatur unter sich? Martin Schulz (l.) und Sigmar Gabriel.

EU-Parlamentspräsident ist beliebter

SPD-Kanzlerkandidat: Schulz statt Gabriel?

München - Das Rennen um die Kanzlerkandidatur in der SPD schien gelaufen. Doch Parteichef Sigmar Gabriel zögert weiter. Immer öfter fällt deshalb der Name Martin Schulz. An der Basis verbinden mit ihm viele die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Die Genossen sind ein wenig traumatisiert. Mitte Oktober 2012 erklärte Frank-Walter Steinmeier etwas überraschend den Verzicht auf seine Kanzlerkandidatur – über Nacht hieß der Kandidat Peer Steinbrück. „Viel zu früh war das“, heißt es in der SPD bis heute. Noch schlimmer war es in Bayern vor der Landtagswahl: Christian Ude gab schon im August 2011 – zwei Jahre vor dem Wahltag – den Startschuss fürs Rennen um die Staatskanzlei. Auf den letzten Metern ging ihm die Puste aus.

Diesmal will man sich mit der Kür Zeit lassen – bis zum Frühjahr. Dabei sah es bis vor wenigen Wochen nicht so aus, als gebe es viel zu entscheiden. Parteichef Sigmar Gabriel galt als einziger Kandidat, erst recht seit er die Machtprobe mit den kritischen Teilen der Basis beim Ceta-Konvent gewann. Gabriel schien schon im Wahlkampf: Er räumte heikle Positionen. Und er gewährte Einblicke in sein Privatleben, wohl auch, um seinem Image als ruppiger Machtmensch entgegenzutreten. Nur eine klare Ansage blieb er schuldig. „Gabriel ringt mal wieder mit sich, er schwankt zwischen Zaudern und Zuversicht, dem Leitmotiv seines Lebens“, schrieb der „Spiegel“ in einem Porträt. Die Partei reagiere zunehmend genervt.

Inzwischen ist die Partei vor allem erstaunt. Denn plötzlich entwickelt ein zweiter Kandidat ernsthafte Ambitionen: Martin Schulz. Der Präsident des EU-Parlamentes schien mit seiner Aufgabe eigentlich ganz zufrieden – bis sich die konservative EVP-Fraktion an eine alte Absprache erinnerte, nach der sie zur Halbzeit der Legislaturperiode das Präsidentenamt von den Sozialdemokraten übernehmen könne. Im Januar also könnte Schulz plötzlich ohne Amt dastehen – aber voller Tatendrang.

„Er scheint großen Spaß daran zu haben, sich mit Angela Merkel zu messen“, heißt es in der Bayern-SPD, wo man die Entwicklung aufmerksam verfolgt. Vor zwei Jahren verlieh die Landtagsfraktion Schulz den Wilhelm-Hoegner-Preis, seine Rede vor gut 600 Besuchern sei fantastisch gewesen, schwärmen sie bis heute. Bei der Europawahl 2014 bescherte der Spitzenkandidat Schulz den bayerischen Genossen einen Zuwachs von 7,3 Prozentpunkten (wenn auch nur knapp über die 20-Prozent-Marke). „Der kann Wahlkampf“, heißt es anerkennend.

Auch die Bürger scheinen angetan: In der jüngsten Forsa-Umfrage rangiert Schulz mit 29 Prozent inzwischen klar vor Gabriel (18) – allerdings beide weiter deutlich hinter Merkel (46 Prozent). Dem Vernehmen nach kommt vor allem aus dem heimischen SPD-Landesverband Niedersachsen massiver Widerstand gegen eine Kandidatur Gabriels. In Bayern lässt Generalsekretärin Natascha Kohnen Sympathie für Schulz erkennen, Landeschef Florian Pronold glaubt dagegen, dass der Kandidat am Ende Gabriel heißt.

Der 60-jährige Schulz verfügt über einen bemerkenswerten Lebenslauf. Keinen, in dem es immer steil bergauf ging. Der kleine Martin wächst in Würselen bei Aachen auf, träumt von einer Karriere als Fußballer. Nach der Realschule beginnt er eine Lehre im Buchhandel. Als ein Kreuzbandriss seine sportlichen Ambitionen beendet, beginnen die Probleme – und Schulz zu trinken. Wegen des Alkohols muss er sogar die Ausbildung beenden. „Irgendwann sagte ich mir: Entweder mache ich einen radikalen Schnitt oder ich gehe kaputt“, hat er einmal erzählt. Er rührt keinen Alkohol mehr an, mit 27 betreibt er seine eigene Buchhandlung. Mit 31 wird er Bürgermeister von Würselen. Er ist der jüngste Rathauschef von Nordrhein-Westfalen.

Die Jüngeren in seiner Partei würden ihm bis heute eine „pragmatische Bürgermeister-attitüde“ vorwerfen, hat Schulz neulich in einem Interview erzählt. Dabei ist es gerade diese Bodenständigkeit, die an der Basis gut ankommt. „Für ihn würde man sich zerreißen“, heißt es in Bayern. Schulz nehme sich trotz seines aberwitzigen Terminkalenders immer Zeit, bleibe freundlich. Viele hadern dagegen mit den ruppigen Umgangsformen, die Gabriel in den internen Sitzungen an den Tag legt.

Somit steht die SPD ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl vor einer bemerkenswerten Konstellation: Denn Gabriel und Schulz sind nicht nur unterschiedliche Typen, sie sind seit zwei Jahrzehnten auch gute Freunde. Wird die Kandidatur am Ende unter vier Augen geregelt?

Noch immer hat Gabriel als Vorsitzender den ersten Zugriff. Es steht für ihn auch viel auf dem Spiel. „Kanzler, das ist schon was. Aber SPD-Vorsitzender, das ist was Besonderes“, soll Gerhard Schröder mal zu ihm gesagt haben. Doch Gabriel weiß: Wenn er nach Peer Steinbrück zum zweiten Mal einem Parteifreund den Vortritt lässt, sind nach sieben Jahren seine Tage als Parteichef gezählt. Eine schwierige Entscheidung.

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