Flüchtlinge warten vor einer Erstaufnahmeeinrichtung in Vathy auf der Insel Samos auf die Ausgabe eines Mittagessens.
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Flüchtlinge warten vor einer Erstaufnahmeeinrichtung in Vathy auf der Insel Samos auf die Ausgabe eines Mittagessens.

Vom Staat keine Spur 

Griechen versorgen Flüchtlinge in Eigenregie: "Wir wissen, was Krise heißt"

Samos - Freiwillige griechische Helfer können bei der Versorgung der Flüchtlinge höchstens auf internationale Hilfsorganisationen setzen. Ansonsten verpflegen sie die Menschen auf eigene Faust.

Freundlich, aber resolut schiebt Ritsa Kalatzis den jungen Flüchtling weiter. „Du hast schon, jetzt kommen erstmal die anderen dran. Los, los“, ruft sie und füllt den nächsten großen Plastikbecher mit Nudeln und Soße. Es gilt, rund 1200 Portionen an jene Menschen zu verteilen, die sich momentan im Erstaufnahmelager der Insel Samos aufhalten. Schon seit August 2015 stemmt eine kleine Gruppe von Inselbewohnerinnen die tägliche Versorgung der Flüchtlinge mit Mittagessen - und bezahlt die Kosten aus eigener Tasche. Denn die Behörden stellen in dem sogenannten Hotspot zwar Unterkünfte, kümmern sich aber nicht um Essen und Trinken für die Menschen.

„Hier war noch nie ein Minister oder ein Parlamentarier zu sehen. Was die Menschen essen und trinken, und wie sie schlafen - das interessiert kein Schwein“, empört sich Helferin Iokasti Nikolaidi, nachdem die großen Töpfe und Kessel geleert sind und alle Flüchtlinge die Makkaroni aus ihren Plastikbechern löffeln. Zu Spitzenzeiten hielten sich im Sommer auf Samos bis zu 5000 Flüchtlinge auf. „Auch das haben wir irgendwie hingekriegt“, sagen die Frauen stolz.

"Wir wissen, was Krise heißt"

Dass sie sich nicht auf den Staat verlassen können, ist für die Griechen nichts Neues. Dass jedoch Menschen und vor allem Kinder nichts zu Essen haben, ist für viele unerträglich - nicht trotz, sondern gerade wegen der Wirtschaftskrise, die das Land seit Jahren durchlebt. „Wir wissen, was Krise heißt. Aber wir haben wenigstens ein Dach über dem Kopf“, sagt Ritsa Kalatzsis. „Das mindeste, was wir für die Menschen tun können, ist, für Essen zu sorgen.“

Ob im Norden des Landes im Grenzort Idomeni, ob am Hafen von Piräus oder auf den Inseln der Ostägäis - überall treten Griechen in Aktion, um die Flüchtlinge „zu füttern“, wie man auf Griechisch sagt, und um sie mit Decken, Kleidung und Medikamenten zu versorgen. Der Organisationsgrad ist gering, meist sind es einzelne Bürger oder kleinste Gruppen, die sich engagieren.

Vor allem auch alte Menschen fühlen sich zur Hilfe verpflichtet; immer wieder berichten griechische Medien über betagte Rentner unter den Helfern. Über die 92-Jährige, die sich von ihrer Tochter ins Athener Stadtzentrum fahren lässt, um tütenweise belegte Brote und Kuchen zu verteilen. Über den 75-jährigen „Opa Vangelis“, der täglich für die Flüchtlingskinder auf dem Athener Viktoria-Platz kocht.

Erst vergangene Woche richtete griechischer Staat Krisenstab ein

Der Staat kommt derweil nur mühsam in die Gänge. Bisher ist man vorrangig damit beschäftigt, ausreichend Platz für die Flüchtlinge und Migranten zu schaffen. Erst vergangene Woche wurde von Staatsseite überhaupt ein Krisenstab eingerichtet, um den Bau von Aufnahmemöglichkeiten, die medizinische Hilfe und auch die Versorgung der Flüchtlinge und Migranten zu koordinieren.

Das Auffanglager Eleonas in Athen wird mittlerweile von Köchen der griechischen Marine versorgt; am alten Athener Flughafen Ellinikon will das Gesundheitsministerium nun mehr Toiletten und Duschen für die Menschen aufstellen.

Bis zu 16 Stunden am Tag für die Versorgung der Flüchtlinge

Auf den Inseln hingegen bleiben die Bewohner auf sich alleine gestellt. Nach acht Monaten Dauereinsatz sind Ritsa, Iokasti und die anderen Helferinnen von Samos am Ende ihrer Kräfte. „Guck, ich habe seither über 40 Kilo abgenommen“, ruft eine - sie ist ein Strich in der Landschaft. Viele der Frauen haben selbst Familie, bringen aber bis zu 16 Stunden am Tag für die Versorgung der Flüchtlinge auf. Sie kaufen ein, kochen, fahren das Essen zum Hotspot, geben es aus, kümmern sich um Medikamente. Und sie versuchen, mit dem Geld hinzukommen. „Mit 300 Euro am Tag schaffen wir es, 1200 Portionen zu kochen“, sagt Iokasti. „Wir sind mittlerweile Meister darin, das alles zu planen und zu organisieren.“

Die große Hoffnung der Helferinnen von Samos liegt denn auch nicht beim Staat, sondern bei der EU und einer internationalen Lösung der Flüchtlingskrise. „Der Staat ist hier nicht existent“, sagen sie. „Wir können uns auch nicht an die Gemeinde wenden - wir haben zwar gute Verbindungen dorthin und man ist uns dankbar für unsere Arbeit und versucht, uns nach Möglichkeit zu unterstützen. Aber wenn der Staat pleite ist, kann auch die Gemeinde nichts tun.“

Flüchtlinge: Dramatische Lage an Griechenlands Grenze - Bilder

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