Joachim Gauck Tag der Deutschen Einheit 2015
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Joachim Gauck spricht in Frankfurt.

Ähnlich wie die Wiedervereinigung

Integration der Flüchtlinge wird Generationen beschäftigen

Frankfurt/Main - Drei Tage feiert Frankfurt das silberne Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung. Motto: "Grenzen überwinden". Auch in Berlin herrscht Einheits-Partystimmung - zehntausende Menschen feierten am Brandenburger Tor.

Traumwetter und gute Laune bei Einheitsfeier

Zehntausende Menschen sind am Einheitsfeiertag zum Brandenburger Tor in Berlin geströmt. Der Pariser Platz wurde am Samstagnachmittag wegen Überfüllung gesperrt, wie die Polizei mitteilte. Die Meile auf der Straße des 17. Juni sei fast komplett ausgelastet. „Es sind sehr, sehr viele Menschen unterwegs“, sagte ein Sprecher. Bei dem „Festival der Einheit“ sollten am Abend auch die Rockband Revolverheld und die Sängerin Lena auftreten.

Bundespräsident Joachim Gauck hält die Integration Hunderttausender Flüchtlinge für eine ähnlich große Aufgabe wie die deutsche Wiedervereinigung. „Wie 1990 erwartet uns eine Herausforderung, die Generationen beschäftigen wird. Doch anders als damals soll nun zusammenwachsen, was bisher nicht zusammen gehörte“, sagte das Staatsoberhaupt am Samstag beim Festakt zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit in Frankfurt am Main.

Ost- und Westdeutsche sprächen dieselbe Sprache und blickten auf dieselbe Kultur und Geschichte zurück. „Wie viel größere Distanzen dagegen sind zu überwinden in einem Land, das zum Einwanderungsland geworden ist.“ Die Debatte über Ziel und Ausmaß der Aufgabe sei in einer Demokratie auch mit Kontroversen verbunden. „Aber meine dringende Bitte an alle, die mitdebattieren, ist: Lassen Sie aus Kontroversen keine Feindschaften entstehen“, sagte Gauck unter großem Beifall.

Merkel bei Einheitsfeier über Flüchtlingskrise: "Müssen wir gemeinsam schaffen"

Merkel sagte vor Beginn der Feierstunde mit Blick auf die Bewältigung der Flüchtlingskrise: „Das müssen wir gemeinsam schaffen, Deutschland, Europa und die Welt, jeder seine Aufgabe dabei erfüllen.“

Gauck rief Einheimische wie Zuwanderer in seiner Rede zur Achtung demokratischer Grundwerte auf. „Gerade weil in Deutschland unterschiedliche Kulturen, Religionen und Lebensstile zuhause sind, gerade weil Deutschland immer mehr ein Land der Verschiedenen wird, braucht es die Rückbindung aller an unumstößliche Werte. Einen Kodex, der allgemein als gültig akzeptiert ist“, sagte er.

Joachim Gauck uns Angela Merkel bei der Einheitsfeier.

„Hier ist die Würde des Menschen unantastbar. Hier hindern religiöse Bindungen und Prägungen die Menschen nicht daran, die Gesetze des säkularen Staates zu befolgen. Hier werden Errungenschaften wie die Gleichberechtigung der Frau oder homosexueller Menschen nicht infrage gestellt und die unveräußerlichen Rechte des Individuums nicht durch Kollektivnormen eingeschränkt - nicht die der Familie, nicht der Volksgruppe, nicht der Religionsgemeinschaft. Hier gewinnt der Satz „Toleranz für Intoleranz wird es bei uns nicht geben“ seine Basis.“

Gauck äußerte zugleich Verständnis für Ängste in der Bevölkerung angesichts der wachsenden Flüchtlingszahlen. Es spüre wohl fast jeder, wie sich in die große Hilfsbereitschaft der Menschen auch Sorge schleiche, „wie das menschliche Bedürfnis, Bedrängten zu helfen, von der Angst vor der Größe der Aufgabe begleitet wird“, sagte der Bundespräsident und wiederholte seinen Satz. „Dies ist unser Dilemma: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Einheitsfeier in Frankfurt

Die Spitzen des deutschen Staates sind am Samstag in Frankfurt zur zentralen Feier des 25. Jubiläums der Wiedervereinigung zusammengekommen. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) als Gastgeber begrüßte bei strahlendem Sonnenschein Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle.

Selfie mit der Kanzlerin.

Nach dem Eintrag ins Goldene Buch feierten sie zusammen mit Gästen im Dom einen ökumenischen Gottesdienst, bevor sie sich zum zentralen Festakt in die Alte Oper begaben. Bouffier und Gauck sollten dort zu rund 1500 geladenen Gästen sprechen, darunter 50 einstige DDR-Bürgerrechtler. Die schwarz-grüne Landesregierung von Hessen hatte außerdem 30 Flüchtlinge eingeladen.

„Mit unserer Feier wollen wir Brücken bauen und Grenzen überwinden“, sagte Bouffier am Morgen. Die zentrale Feier am Tag der Deutschen Einheit wird traditionell von dem Bundesland ausgerichtet, das den Bundesratspräsidenten stellt.

In Berlin wurde am Samstagvormittag die Festmeile am Brandenburger Tor zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung eröffnet. Auf einer großen Bühne am Wahrzeichen Berlins treten im Laufe des Tages die Rockband Revolverheld und die Sängerin Lena auf. Viele Tausende Besucher werden erwartet. Auf dem Platz der Republik am Reichstag sind am Abend eine Rede Lammerts sowie ein Feuerwerk geplant.

Selfie mit Joachim Gauck

In Frankfurt hatten zum Auftakt des dreitägigen Bürgerfestes unter dem Motto „Grenzen überwinden“ schon am Freitag Zehntausende Besucher in der weitgehend abgesperrten Innenstadt gefeiert. Nach Angaben der hessischen Staatskanzlei waren am ersten Tag etwa 350.000 Menschen auf dem Bürgerfest unterwegs. Bei einer Demonstration gegen die Einheitsfeier zogen am Abend laut Polizei rund 1000 Menschen durch die Stadt. Zwischenfälle gab es nicht.

Zu dem Bürgerfest mit 300 Veranstaltungen werden insgesamt eine Million Besucher erwartet. Bundesländer und Bundesregierung präsentieren sich, es gibt ein umfangreiches Kulturprogramm und eine Sportmeile. Mehrere tausend Polizeibeamte sind im Einsatz.

Das Land Hessen hat für die Feierlichkeiten 3,5 Millionen Euro eingeplant, die Stadt Frankfurt beteiligt sich mit 1,3 Millionen Euro. Der 3. Oktober klingt mit einer Lichtshow am Main aus. 25 Brücken sollen dabei zu sehen sein - für jedes Jahr der Einheit eine.

Demonstranten stürmen Bundesratszelt

Demonstranten haben am Samstag beim Fest der Deutschen Einheit in Frankfurt das Bundesratszelt gestürmt und damit die geplante symbolische Übergabe der Bundesratspräsidentschaft von Hessen an Sachsen verzögert. Die Polizei drängte die etwa 50 Protestierer nach kurzer Zeit nach draußen, Festnahmen gab es laut ersten Berichten nicht.

Die Gruppe warf mit Karteikarten und Papierschnipseln um sich. Sie verlangte ein Bleiberecht für Flüchtlinge und zeigte ein Transparent mit der Aufschrift „Nationalismus raus aus den Köpfen“. Weder der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier noch sein sächsischer Kollege Stanislaw Tillich (beide CDU) waren zu dem Zeitpunkt auf der Bühne. Die symbolische Amtsübergabe ist in den vergangenen Jahren zu einem Bestandteil der Feiern zum Tag der Deutschen Einheit geworden.

Putins bitter-süße Glückwünsche

In einem Glückwunschtelegramm zum Tag der Deutschen Einheit hat der russische Präsident Wladimir Putin vor einer Entfremdung zwischen Deutschland und Russland gewarnt. Ohne die Konflikte um die Ukraine und Syrien direkt zu nennen, betonte der Staatschef in dem Schreiben, dass es in der „aktuellen komplizierten internationalen Situation sehr wichtig“ sei, eine „gegenseitige Entfremdung“ nicht zuzulassen. Russland und Deutschland sollten das positive Potenzial zwischen ihren Ländern bewahren, meinte Putin.

„Die Vereinigung Deutschlands bedeutete vor einem Vierteljahrhundert das Ende des Kalten Krieges in Europa und hat ein neues Kapitel in der Geschichte der Beziehungen unserer Länder eröffnet“, schrieb Putin nach Angaben des Kremls in Moskau am Samstag an Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Notiz am Rande: Wulffs waren auch da

Rund fünf Monate nach ihrem Neuanfang haben sich Ex-Bundespräsident Christian Wulff (56) und Frau Bettina (41) gemeinsam bei der Einheitsfeier in Frankfurt gezeigt. Beim Festakt zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands schaute sich das Paar in der Alten Oper immer wieder in die Augen und lächelte sich zu. Bei der Begrüßung der beiden gab es vom Publikum am Samstag sowohl Applaus als auch Pfiffe. Im Januar 2013 hatten sich Christian und Bettina Wulff offiziell getrennt, seit Mai dieses Jahres wohnen sie nach Angaben ihres Anwalts aber wieder zusammen.

dpa

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