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Nur ein Zaun? Oder schon eine Mauer? Ein Wagen der US-Grenz-Patrouille fährt in Kalifornien den zweiten Grenzzaun zu Mexiko entlang.

Tausende sterben auf dem Weg von Mexiko in die USA

An der Grenze zwischen neuem Leben und Tod

San Diego –Präsidentschaftskandidat Donald Trump will eine Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen. Doch bereits heute ist die südliche Landesgrenze streng gesichert – und schon für tausende Menschen zur Todesfalle geworden. Ein Besuch.

Wer entlang der Stacheldrahtzäune zwischen den USA und Mexiko die Augen offen hält, findet staubige Lumpen im Sand. „Made in Mexico“ ist auf vielen zu lesen – „Hergestellt in Mexiko“. Menschen, die hier die Grenze überwinden wollten, haben sie sich um die Schuhe gewickelt. Sie haben die Lumpen mit Draht befestigt, um ihre Spuren im Sand zu verwischen. Irgendwann haben sie sie verloren oder abgelegt. Was aus ihnen geworden ist? Ob sie es geschafft haben? Ob sie verhaftet wurden? Ob sie gestorben sind? Dermot Rodgers weiß all das nicht. In seinem Portemonnaie bewahrt er die Ausweise zweier Mexikaner auf. Fremde. Er hat ihre Dokumente in der Wüste gefunden und trägt sie immer bei sich. „Sie erinnern mich daran, was ich hier tue.“

US-Bürger Rodgers trägt die Haare sauber zur Seite gekämmt, wie es auch einem Wall-Street-Manager gut stünde – dazu eine schlabbrige schwarze Hose und ein weites pinkes T-Shirt. Um seinen Hals baumelt ein Holzkreuz. Der 57-Jährige ist geweihter katholischer Priester. In San Diego hat er eine Reformkirchengemeinde gegründet, die sich auf Papst Franziskus bezieht und niemanden ausschließt – weder Geschiedene noch Homosexuelle. Zudem hat es sich der Pfarrer zu seiner Lebensaufgabe gemacht, Menschen beizustehen, die von einem besseren Leben in den USA träumen.

Schlammbrauner Zaun, Wellen kennen keine Grenzen

Rodgers schlendert am Pazifik entlang auf den schlammbraunen Zaun zu, der sein Land nach Süden abschottet. Dort, wo an der Westküste die letzten Metall-Planken zwischen den USA und Mexiko im Meer verschwinden, sieht man auf beiden Seiten der Grenze niemanden im Wasser. Glaubt man den Einheimischen, wäre es auch wirklich nicht klug, hier zu baden. Die Wellen scheren sich nicht um die Grenzen der Menschen. Und so peitschen sie nicht nur die weiße Gischt an den kalifornischen Strand, sondern auch die Abwasser, die aus dem mexikanischen Tijuana in den Pazifik fließen.

Die schmuddelige Grenzstadt ist ein Ausflugsmagnet für Touristen, die ein alkoholgetränktes Abenteuer suchen. Sie ist Ausweich-Wohnort für viele Süd-Kalifornier, die sich die Mieten im eigenen Land nicht mehr leisten können. Und sie ist das Wartezimmer für viele Menschen aus Mittel- und Südamerika, die auf eine Zukunft in den Vereinigten Staaten hoffen. Hunderttausende versuchen jedes Jahr illegal aus Mexiko in die USA einzureisen. Männer, Frauen, Kinder. Viele bezahlen das mit ihrem Leben.

Im Zuge von Bill Clintons „Operation Gatekeeper“ wurde der Grenzschutz in den 90er Jahren stark aufgerüstet, Rodgers sagt „militarisiert“. Und nach dem 11. September 2001 hat die Regierung noch einmal einen dreistelligen Milliardenbetrag in die Grenzsicherung investiert. Die Todeszahlen sind damals noch einmal gestiegen. Laut Rodgers haben seit Mitte der 90er etwa 11 000 Menschen ihr Leben gelassen.

„Im Durchschnitt sterben jeden Tag zwei Menschen“

„Im Durchschnitt sterben heute jeden Tag zwei Menschen beim Versuch, die Grenze zu überwinden“, sagt Rodgers. Er hält inne. „Heute werden zwei Menschen sterben“, wiederholt der Pfarrer. Er sagt das ganz ruhig.

Die US-Border-Patrol hat andere Zahlen. Aber auch sie hat beinahe 7000 Tote seit 1998 registriert. Oft ist es der Tod Namenloser im Nirgendwo. In der Wüste, im Meer, auf der Straße. Erschöpft, ertrunken, erschossen, überfahren.

Rodgers zeigt auf einen der Kamerapfosten im Grenzareal, die angeblich auch mit starken Mikrofonen ausgestattet sind. „Die Grenzschützer können uns jetzt gerade zuhören“, sagt er. 1100 der gut 3000 Grenz-Kilometer sind mit einem Zaun gesichert. Deshalb suchen die Menschen andere Wege. Damit sie auf ihrem Weg durch die Wüste etwas zu trinken finden, verteilen Rodgers und seine Gemeinde dort Wasserflaschen im Sand. Nicht jedem gefällt das: „Leute, die sich amerikanische Patrioten nennen, schneiden sie immer wieder auf oder sie urinieren in sie“, erzählt Rodgers.

Er betet viel

Der Weg über die mexikanische Grenze ist gefährlich. Die meisten, die ihn gehen wollen, sind auf Schlepper angewiesen. In vielen Fällen sind das kriminelle Mexikaner, sagt Pfarrer Rodgers. „Man nennt sie Coyotes“, spanisch für Kojoten – Präriewölfe. Sie lassen sich hohe Preise bezahlen, um Menschen von Mexiko in die USA zu bringen. Je stärker die Grenzpatrouillen kontrollieren, desto teurer wird es. Gekauft wird das Versprechen auf ein besseres Leben, mehr nicht. Manchmal wird es gehalten, manchmal ist es ein Todesurteil. „Wenn jemand in der heißen Wüste schwach wird, wird er von den Coyotes zurückgelassen. Egal ob Frau, Mann oder Kind.“ Und wenn sie an die Falschen geraten, würden Frauen nicht in die USA gebracht, sondern in der Wüste vergewaltigt. Die Coyotes hängen die Unterwäsche ihrer Opfer danach oft in den Sträuchern auf. So markieren sie ihr Revier, sagt Rodgers. Wenn er so etwas in der Wüste findet, spricht er ein Gebet. Er betet viel.

Pfarrer Dermot Rodgers hält einen binationalen Gottesdienst am Grenzzaun zu Mexiko. Im Hintergrund sind die Zuhörer auf der mexikanischen Seite zu erkennen.

Auch Rodgers selbst ist einmal in die USA eingewandert. Mit 17 kam er zum Studieren aus Belfast, Nordirland. Dort tobte damals der Religionskonflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Hass überall. „In Amerika war plötzlich alles voller Möglichkeiten“, erinnert er sich. Es sei gewesen, als käme er nach Hause – vom ersten Tag an wollte er nie wieder zurück. „Meine Kultur ist irisch, aber meine Werte und mein Kern sind amerikanisch.“ Das sei schon vorher so gewesen, er habe es nur nicht gewusst. Amerikanisch zu sein, das bedeutet für Rodgers das Gegenteil von Hass und Ablehnung. Und es sei genau diese innere Einstellung, die ihn antreibt, Menschen zu helfen, die auch Amerikaner werden wollen.

Ist das alles vermeidbar?

Doch ist das alles überhaupt vermeidbar? Der Zaun, die Patrouillen, der Stacheldraht? Es geht schließlich nicht nur um Immigranten, es geht doch auch um Menschenhandel, um Schmuggel. Mit Drohnen werden Drogen in die Vereinigten Staaten gebracht, oder auf dem Wasser mit dem Jet Ski. An der Grenze zu Kaliforniens Nachbarstaat Arizona hat die mexikanische Polizei kürzlich eine Rampe entdeckt. Mit einem drei Meter langen Rohr wurden von dort Drogen in die USA geschossen. Seit 2001 haben die US-Grenzschützer nach eigenen Angaben zudem 59 Tunnel gefunden. Die Patrouillen rechnen mit allem, immer wieder werden Beamte getötet. Manchmal nur, weil Kriminelle ihr Funkgerät erbeuten wollen.

Im Wahlkampf feiert der republikanische Kandidat Donald Trump große Erfolge mit seiner Forderung, die Grenze mit einer Mauer zu sichern, für die Mexiko am Ende sogar bezahlen soll. „Sie bringen Drogen, sie bringen Kriminalität, sie sind Vergewaltiger“, hatte Trump offen rassistisch über die Einwanderer aus Mexiko gesagt. Aber hat er nicht in gewisser Weise auch Recht? Gibt es nicht tatsächlich eine Bedrohung durch Kriminelle – durch brutale und skrupellose mexikanische Kartelle? Muss die Grenze nicht hart geschützt werden?

„Wir unterstützen unsere Grenzpatrouillen“, sagt Rodgers. „Es ist richtig. Wir haben Tunnel, wir haben Drogenschmuggel.“ Er sei keinesfalls dagegen, die Grenzen zu schützen. „Aber wir müssen das doch menschlich lösen.“ Der US-Staat schmücke sich oft mit Projekten, die den Migranten helfen sollen. „In Wahrheit tun sie nichts“, sagt Rodgers. „Wir, die zivilen Organisationen, haben das alles erkämpft.“ So habe seine Organisation beispielsweise eine Kampagne gestartet, um Migranten und deren in Mexiko zurückgebliebenen Familienmitgliedern zu erlauben, sich durch den Zaun zu umarmen. Auch Gottesdienste hält der Pfarrer am Grenzzaun. Gebetet wir auf beiden Seiten.

Staat setze auf Abschreckung

Der Staat, so glaubt Rodgers, setze stattdessen auf Abschreckung, insgeheim auch durch die hohen Todeszahlen. Doch das werde nie funktionieren. „Es ist wie in Syrien. Solange es ihnen daheim noch schlechter geht, werden die Leute hier ihr Schicksal suchen.“ Dazu kommt: Fast jeder Mexikaner hat mittlerweile Verwandte in den USA, die Überweisungen von Familienangehörigen aus dem Norden sind in Guatemala, Honduras und El Salvador ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Und auch die USA brauchen die Einwanderer. Die Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten würde ohne die Arbeiter aus dem Süden wohl zusammenbrechen, auch der Dienstleistungssektor ist ohne die Latinos kaum mehr vorstellbar.

Was würde Trumps Mauer an all dem ändern? In Rodgers‘ Augen nicht viel. Er glaubt, es gibt sie ohnehin längst. „Wir vergleichen das hier schon heute mit der Berliner Mauer, oder der zwischen Palästina und Israel.“ Sie alle hätten eines gemeinsam. „Stahl, Beton, Glas: Eine Mauer ist eine Mauer. Du kannst nicht durch, also ist es eine Mauer.“

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