+
Unzählige Blumen an den Tatorten: Die Menschen in Kopenhagen trauen nach dem Terroranschlag um die Opfer.

Anschlag in Kopenhagen 

Tausende Menschen bei Gedenkstunde für Terror-Opfer

Kopenhagen - Nach den tödlichen Schüssen eines Terroristen in Dänemark hat die Polizei zwei Männer festgenommen, die den Täter unterstützt haben sollen. Der Vater des Todesschützen zeigt sich schockiert.

Terror in Kopenhagen - die Fakten

  • Am späten Samstagnachmittag hatte ein Unbekannter mit einer automatischen Waffe auf ein Kopenhagener Kulturcafé geschossen, in dem eine Veranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit mit dem Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks stattfand. Ein Mann kam ums Leben, der Täter flüchtete.
  • Wenige Stunden später kam es zu einem Anschlag auf eine Synagoge in der Nähe des Tatorts, bei der ein junger jüdischer Wachmann getötet wurde.
  • Die Polizei lieferte sich einen Schusswechsel mit dem Attentäter, der vermutlich auch für den Anschlag auf das Café verantwortlich ist. Dieser starb bei der Schießerei.
  • Der mutmaßliche Täter war der Polizei bereits wegen Gewaltdelikte und Verstöße gegen das Waffengesetz bekannt.
  • Am Montagmorgen wurden zwei weitere Verdächtige festgenommen.
  • Dänemarks Chefrabbiner Jair Melchior kritisiert Aufrufe an europäische Juden zur Auswanderung    
  • Laut der Zeitung „Berlingske“ hatte der mutmaßliche Attentäter im Gefängnis den Wunsch geäußert, für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien zu kämpfen.

  • Der Vater des Attentäters von Kopenhagen reagiert bestürzt auf die Tat seines Sohnes.

Schwedens Ministerpräsident reist zu Gedenkfeier

+++ Nach den Anschlägen in Kopenhagen haben zehntausende Menschen in der dänischen Hauptstadt die Opfer gewürdigt und ein Zeichen gegen Gewalt gesetzt. Nach Angaben der Polizei gingen rund 30.000 Menschen am Montagabend in der Innenstadt auf die Straße, hielten Kerzen in den Händen und legten Blumen an den Tatorten nieder. US-Präsident Barack Obama sicherte Dänemark die Unterstützung seiner Regierung zu.

"Heute will ich allen dänischen Juden sagen: Ihr seid nicht allein. Ein Angriff auf die Juden Dänemarks ist ein Angriff auf Dänemark - auf uns alle", rief die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt bei der Kundgebung am Abend der Menge zu. Alle Dänen wollten "frei leben in Sicherheit in einem demokratischen Land". Eine stärkere Gemeinschaft werde immer die Antwort auf den Versuch sein, "uns Angst zu machen und uns zu spalten", sagte Thorning-Schmidt.

Am Abend kamen vier junge Männer mit Kapuzen und bedeckten Gesichtern zu dem Ort und räumten die Blumen weg, da es "nicht dem Islam entspricht", Blumen für Tote niederzulegen. "Das war ein guter Mann", sagte einer der Männer über den Täter. "Das war kein Terrorist. Die Terroristen sind Dänemark, die USA und Israel."

Bei der Kundgebung hielten einige Menschen am Abend auch eine französische Flagge und Schilder mit der Aufschrift "Ich bin Däne" in den Händen. Damit erinnerten sie an die Anschläge in Paris Anfang Januar. Nach dem tödlichen Attentat auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" war der Slogan "Ich bin Charlie" weltweit aufgegriffen worden. Bei der Anschlagsserie war auch ein jüdischer Supermarkt ins Visier geraten.

Obama telefonierte nach Angaben des Weißen Hauses am Montag mit Thorning-Schmidt und zeigte sich solidarisch mit dem "dänischen Verbündeten". Beide Politiker seien sich in dem Gespräch über die Notwendigkeit einig gewesen, im Kampf gegen "Angriffe auf die Meinungsfreiheit und gegen antisemitische Gewalt zusammenzuarbeiten", hieß es. Nach Angaben eines US-Vertreters hilft die Bundespolizei FBI den dänischen Behörden bei den Ermittlungen zu den Angriffen - wie genau, blieb aber unklar. Am Montag wurden bereits zwei mutmaßliche Helfer des Attentäters festgenommen, die Suche nach weiteren Komplizen oder Mitwissern dauert an.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, ermunterte die Juden in Deutschland unterdessen, im Land zu bleiben. Er sehe derzeit "keinen Grund, warum Juden Deutschland verlassen sollten", sagte er der "Berliner Zeitung" vom Dienstag. Die Angst vor Terroranschlägen dürfe zumindest kein Grund sein. Ebenso wie zuvor bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die dänische und die französische Regierung reagierte Schuster damit auf Aufrufe des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu zur Auswanderung nach Israel.

Bilder: Kopenhagen gedenkt der Terror-Opfer

Bilder: Kopenhagen gedenkt der Terror-Opfer

+++ Das bei dem Anschlag auf ein Kopenhagener Kulturcafé verwendete Gewehr ist aus Armeebeständen entwendet worden. Die Waffe sei zusammen mit 43 weiteren Exemplaren vor sechs Jahren bei einem Raubüberfall auf eine Kaserne im Osten der Insel Seeland erbeutet worden, teilte Staatsanwalt Stig Fleischer am Montag dem dänischen Sender DR1 im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen zwei mutmaßliche Helfer des Attentäters in Kopenhagen mit. Das Gewehr sei einen Meter lang, 3,2 Kilogramm schwer und könne bis zu 900 Schuss pro Minute abfeuern, hieß es. Das dänische Heer habe das Modell eines kanadischen Herstellers unter anderem in Afghanistan eingesetzt. Wie der 22 Jahre alte Angreifer in den Besitz der Waffe kam, sei noch unklar.

+++ Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven und Dänemarks Kronprinz Frederik kommen zu der Gedenkfeier für die Terroropfer von Kopenhagen am Montagabend. Zu der Veranstaltung nahe dem ersten Tatort, dem Kulturcafé „Krudttønden“, werden knapp 20 000 Menschen erwartet.

+++ Die bei der Anschlagsserie in Kopenhagen verletzten Polizisten sind auf Weg der Besserung. Voraussichtlich könnten alle fünf Beamte noch im Laufe der Woche das Krankenhaus verlassen, sagte ein Polizeisprecher am Montag.

+++ Der Vater des Attentäters reagiert bestürzt auf die Tat seines Sohnes. „Ich bin genauso schockiert wie der Rest der Welt“, sagte er der Zeitung „Jyllands Posten“ am Montag. Die Eltern hätten erst durch einen Anruf der Polizei von den Attentaten des Sohnes erfahren. Die Eltern des Attentäters sind Medienberichten zufolge Palästinenser, ihr Sohn wurde in Dänemark geboren.

Dänemarks Chefrabbiner kritisiert Aufrufe zur Auswanderung

+++ Dänemarks Chefrabbiner Jair Melchior hat Aufrufe an die Juden Europas kritisiert, nach den Anschlägen in Kopenhagen und Paris nach Israel auszuwandern. „Wir haben keine Angst“, sagte Melchior dem israelischen Rundfunk am Montag. Es sei das Ziel von Terrorismus, den Menschen Angst einzuflößen. „Wir lassen uns nicht von Terroristen dazu zwingen, unser tägliches Leben zu ändern, in Angst zu leben und an andere Orte zu fliehen“, sagte Melchior.

Juden könnten nach Israel auswandern, weil sie den jüdischen Staat liebten, „aber nicht, weil sie Angst haben, in Dänemark zu leben“, sagte der Oberrabbiner.

+++ Der schwedische Zeichner Lars Vilks will auch nach den Terroranschlägen von Kopenhagen weiter für Meinungsfreiheit eintreten. „Konzepte wie Demokratie und Meinungsfreiheit sind nicht verhandelbar. Wir dürfen uns nicht von Bedrohungen beeinflussen lassen und unsere Regeln infrage stellen“, sagte er der Zeitung „La Repubblica“.

„Wir dürfen nicht aufgeben. Wir können unsere Idee von Demokratie nicht ändern, nur weil sie den Mördern nicht gefällt“, sagte er dem Blatt. Er forderte, der Islam müsse offen sein für eine Diskussion über Meinungsfreiheit.

Er selbst werde trotz der Anschläge in Zukunft weiter seine Arbeit machen und für Meinungsfreiheit kämpfen. „Ich denke, dass der Humor eine mächtige Waffe ist, die immer überlebt und die Antwort auf viele Fragen im Leben ist.“

Ex-Rektor: Der Attentäter war ein guter Schüler

+++ Der Attentäter von Kopenhagen war nach Informationen des dänischen Rundfunks erst vor wenigen Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden. Er hatte laut „Danmarks Radio“ im November 2013 einen Messerangriff in einer S-Bahn verübt. Die Polizei bestätigte die Informationen zunächst nicht.

Der 22-jährige war seinem früheren Rektor zufolge ein guter Schüler. „Er war ein sehr fleißiger und begabter Schüler, der sich rein fachlich gut geschlagen hat“, sagte Peter Zinkernagel dem dänischen Fernsehen. Zinkernagel leitet das Zentrum für Erwachsenenbildung im Vorort Hvidovre, das der 22-Jährige vor den Angriffen besucht hatte. Nach Informationen des Senders war er aber nach seinem Messerangriff in der S-Bahn aus der Schule geworfen worden.

+++ In mehreren dänischen Städten sollten am Montag Gedenkfeiern für die beiden Opfer stattfinden.

Zwei Verdächtige festgenommen

Die dänische Polizei hat am Sonntagmorgen beziehungsweise Sonntagnachmittag zwei mutmaßliche Komplizen des Attentäters von Kopenhagen in Gewahrsam genommen. Sie würden beschuldigt, dem 22-jährigen Attentäter „mit Rat und Tat“ geholfen zu haben, berichteten die Ermittler am Montag. Ihnen wird laut der Nachrichtenagentur Ritzau Beihilfe zum Mord, zum Mordversuch und zur gefährlichen Körperverletzung vorgeworfen. Außerdem sollen sie gegen das Waffengesetz verstoßen haben, indem sie dem Attentäter Waffen besorgten. Letzteres bestätigte die Polizei nicht. „Wir wollen gern Kontakt mit mehr Zeugen aufnehmen, die den Täter gesehen haben“, erklärten die Ermittler.

Das weiß die Polizei über den Attentäter

Der mutmaßliche Attentäter in der Hauptstadt Kopenhagen war der

Der mutmaßliche Attentäter: Omar Abdel Hamid El-Hussein.

Polizei unter anderem durch Gewaltdelikte und Verstöße gegen das Waffengesetz bekannt. Der 22-Jährige sei in Dänemark geboren und im Bandenmilieu aufgefallen, teilte die Polizei mit. Laut dem Fernsehsender tv2 hieß er Omar Abdel Hamid El-Hussein. Berichten zufolge soll er erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden sein, wo er wegen einer Gewalttat gesessen hatte. Dem Bericht zufolge wurde der 22-Jährige im Dezember verurteilt, weil er ein Jahr zuvor in einem Kopenhagener Bahnhof einen 19-Jährigen ohne erkennbaren Grund niedergestochen hatte. Den Großteil der Strafe verbüßte er demnach durch die Untersuchungshaft.

Laut der Zeitung „Berlingske“ hatte der mutmaßliche Attentäter im Gefängnis den Wunsch geäußert, für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien zu kämpfen. Die Gefängnisbehörden hätten seinen Namen deshalb auf eine Liste radikalisierter Häftlinge in dänischen Gefängnissen gesetzt, will das Blatt am Montag erfahren haben. Die Behörden bestätigten den Bericht nicht.

Zwei Wochen vor den Angriffen sei er aus der Haft entlassen worden, berichtete die Tageszeitung "Ekstra Bladet" am Sonntag. Die Zeitung veröffentlichte ein Foto des Mannes, auf dem dieser klar zu erkennen ist.

Kopenhagen will am Montagabend der Opfer der Attentate gedenken. Nur fünf Wochen nach den islamistischen Attentaten von Paris tötete der Angreifer in Kopenhagen zwei Menschen und verletzte fünf weitere. Der mutmaßliche Attentäter wurde nach dramatischer Fahndung in einem Feuergefecht mit der Polizei erschossen. Angst vor Anschlägen gab es auch in Deutschland. Ein Karnevalsumzug in Braunschweig wurde nach Hinweisen auf ein mögliches Attentat abgesagt.

In der dänischen Hauptstadt erschoss der Täter binnen zehn Stunden einen Filmemacher während einer Diskussion über Meinungsfreiheit und einen jüdischen Wachmann vor einer Synagoge. Fünf Polizisten wurden verletzt. Der erste Angriff galt vermutlich dem schwedischen Zeichner Lars Vilks. Islamisten kritisieren ihn seit Jahren wegen seiner Mohammed-Karikaturen.

Erinnerungen an Anschlag auf "Charlie Hebdo"

Die Taten erinnerten an die Anschläge auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ am 7. Januar. Die Pariser Terrorakte könnten den mutmaßlichen Attentäter laut der dänischen Sicherheitsbehörde PET angeleitet haben.

Bei Durchsuchungen in einem Park und in der Wohnung des 22-Jährigen im Stadtteil Nørrebro fand die Polizei Kleidungsstücke und eine automatische Waffe, die der Täter beim ersten Anschlag auf ein Café benutzt haben könnte. Untersuchungen sollen das klären.

Als eine Spezialeinheit den Mann am frühen Sonntagmorgen bei seiner Wohnung antraf und tötete, sei er im Besitz zweier Pistolen gewesen. Die Zeitung „Ekstrabladet“ veröffentlichte ein Bild des 22-Jährigen. Es gebe keine Hinweise auf Komplizen oder einen Aufenthalt des Mannes als Dschihadist in Syrien oder im Irak, sagte PET-Chef Jens Madsen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve eilte nach Kopenhagen und legte mit dem französischen Botschafter François Zimeray am ersten Anschlagsort Blumen nieder. Zimeray hatte den Anschlag auf das Kulturcafé überlebt.

Terrorpläne in Braunschweig

In Deutschland gingen die Hinweise auf den möglichen Terroranschlag in Braunschweig aus Ermittlungen des Staatsschutzes hervor. Die Informationen stammen nach Angaben von Braunschweigs Polizeichef Michael Pientka von einem Zeugen, den die Ermittler kennen würden und einschätzen könnten. Die Angaben hätten zum Handeln gezwungen.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) will möglicherweise bereits am Montag den Innen- und den Verfassungsschutzausschuss des Landesparlaments über den Sachstand informieren. Grundsätzlich sehen die Sicherheitsbehörden keine erhöhte Terrorgefahr in Deutschland. In anderen Städten sollen daher die großen Rosenmontagsumzüge wie geplant stattfinden.

Die Ereignisse von Sonntag im Detail können Sie hier nochmal nachlesen.

Schießerei in Kopenhagen: Ein Toter, drei Verletzte

Zwei Tote bei Attentaten in Kopenhagen

dpa

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schwesig ruft Männer zum Kampf gegen Sexismus auf

Familienministerin Schwesig ruft Männer im Kampf gegen Sexismus dazu auf, ihre Stimme zu erheben. Altherrenwitze und eine Reduzierung aufs Geschlecht seien "nicht …
Schwesig ruft Männer zum Kampf gegen Sexismus auf

Nach TV-Duell gegen Trump: Clinton holt in Umfragen auf

Washington - US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton hat nach ihrem starken Auftritt beim ersten TV-Duell gegen ihren Rivalen Donald Trump in Umfragen aufgeholt.
Nach TV-Duell gegen Trump: Clinton holt in Umfragen auf

Papst Franziskus ruft Südkaukasus zu Frieden auf

Der Papst bemüht sich um die Konfliktregion Kaukasus. Bei seiner zweiten Visite innerhalb von drei Monaten verbreitet er eine Friedensbotschaft in Georgien, ehe er nach …
Papst Franziskus ruft Südkaukasus zu Frieden auf

Flüchtlinge: Söder fordert Leistungskürzungen

Berlin - Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) verlangt Leistungskürzungen bei der Versorgung von Flüchtlingen.
Flüchtlinge: Söder fordert Leistungskürzungen

Kommentare