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Martin Kern.

Ein Interview

Schwuler Politiker: "Zur Kirche passe ich nicht"

Martin Kern ist schwul. 2014 hat er seinen langjährigen Lebensgefährten geheiratet. Der 32–Jährige aus Buch am Buchrain ist Vorsitzender der Erdinger SPD. Wir trafen ihn zum Interview.

Kern sieht sich nicht als Missionar für Schwulenrechte. Er sagt, er selbst könne völlig frei leben. Zu tun gebe es trotzdem noch viel – vor allem bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, der katholischen Kirche.

Herr Kern, wie frei ist man in Bayern als homosexueller Mensch?

Martin Kern: In der Stadt ist die Freiheit sicherlich größer. Da ich aber vom Land komme, weiß ich, dass es da noch ein wenig anders ist. Zuerst kommt es darauf an, wie Freunde und Verwandte auf das Outing reagieren. Danach hängt’s mehr oder weniger von einem selbst ab, wie frei man lebt. Ich habe das Glück, dass mein Mann und ich relativ uneingeschränkt leben können, weil wir das persönlich auch so wollen. Ich glaube aber, dass sich einige verstecken, weil sie Ängste haben.

"Ich kenne einen Caterer, der sich nicht outen will"

In welchen Bereichen?

Kern: Zum Beispiel bei Berufen, die stark in der Öffentlichkeit stehen oder die eine Männerdomäne sind. Da könnte ich mir durchaus vorstellen, dass es Probleme gibt. Ich kenne etwa einen Caterer, der sich nicht als schwul outen will, weil er glaubt, dass die Geschäfte darunter leiden.

Wann haben Sie sich geoutet?

Kern: Mit 23, als ich mit meinem heutigen Mann zusammenkam – also relativ spät. Es war meine erste Beziehung. Da gab es dann keinen Ausweg mehr. Davor habe ich ein Outing nicht für nötig befunden. Viele sind da in der Zwickmühle, denn noch ist Homosexualität nichts, was in das gesellschaftliche Bild passt. Man denkt halt: „Vielleicht findest ja doch ’ne Freundin.“ Das klassische Familienbild mit Vater, Mutter, Kind wird einem ja doch, wenn auch unbewusst, eingeprägt.

"Die Schüler nahmen es gut auf"

Wie haben Sie es Ihren Eltern gesagt?

Kern: Mein heutiger Mann war das erste Mal bei mir in Donauwörth über Nacht. Am Morgen ist er wieder gefahren. Beim Mittagessen fragte meine Mutter: „Ja, ist das jetzt dein Hausfreund?“ Meine Antwort: „Ja.“ Dann fielen die Gesichter nach unten (lacht). Schweigen. In dem Moment klappt das Weltbild zusammen. Mein Vater hat sich Vorwürfe gemacht, was er denn bei der Erziehung falsch gemacht hätte. Das war nicht schön. Es hat meine Eltern anfangs sehr belastet. Sie waren damals sehr katholisch. Das hat sich mittlerweile geändert durch meine Situation und den Umgang mit Homosexualität in der Kirche.

Und dann sind sie auch noch Lehrer an einer katholischen Realschule geworden.

Kern: Erst da habe ich gemerkt, wie es sich anfühlt, nicht frei zu sein. Man ist dann zum Beispiel lieber nicht dort hingegangen, wo man Schüler getroffen hätte. Erst als ich die Schule verlassen habe, habe ich mich bei meiner Klasse geoutet – um ein Statement zu setzen in dieser verkrusteten kirchlichen Einrichtung. Von der Schülerschaft ist das gut aufgenommen worden. Wie es bei der Lehrerkollegschaft war, weiß ich nicht. Ich hatte es nur meinen engsten Kollegen gesagt. Dann bin ich nach Erding gegangen, auch wegen meines Mannes. Ich wollte zurück zum Staat, aber die angebotenen Stellen waren zu weit weg. Deshalb habe ich mich mit Internethandel selbstständig gemacht.

Können Sie überhaupt noch gläubig sein?

Kern: Gläubig sein hat für mich nichts mit der Institution zu tun. Ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten – wegen des zweideutigen Weltbilds. Auf der einen Seite heißt es, Homosexualität ist etwas ganz Böses. Auf der anderen Seite gibt’s im Klerus genauso Personen, die etwas anderes leben. Gläubig bin ich schon. Aber zur Institution Kirche passe ich nicht.

"Ich bin nicht der Missionar für Schwulenrechte"

Politisch ist die Homosexualität aber nicht Ihr Hauptthema.

Kern: Nein, deshalb bin ich nicht in die Politik gegangen. Ich bin nicht der Missionar für Schwulenrechte. Es ist aber wichtig, dass man zeigt: Es gibt Homosexuelle, das sind ganz normale Menschen, die sind nicht anders als du und ich. Was an ich der Schwulenbewegung anprangere, ist das recht einseitige Bild, das über die Medien verbreitet wird. Da sieht man den Christopher Street Day, wo alle ganz lustig herumhüpfen. Das ist das, was haften bleibt. Und diese Klischees, dass alle eine feminine Seite haben – das trifft bei denen, die ich kenne, meist nicht zu.

Haben Sie in Ihrer politischen Arbeit schon mal eine Einschränkung wegen Ihrer sexuellen Orientierung erfahren? 

Kern: Nein. Wenn das innerhalb der SPD passieren würde, müsste ich mich doch sehr stark über die Partei wundern.

Was bedeutet für Sie persönlich Freiheit?

Kern: Schwierige Frage. Ich persönlich habe weder Krieg, Diktatur noch DDR miterlebt. Ich kann sagen und tun was ich will – im Rahmen der Gesetze. Die Unfreiheiten, die man hat, sind also meistens persönliche Unfreiheiten. Darum bin ich auch politisch aktiv. Um den Leuten zu zeigen: Hey, wir sind hier frei. In vielen Ländern der Erde ist das eben nicht so.

Der Autor war begeistert, wie offen und ehrlich sein Gesprächspartner die Fragen beantwortet hat. Respekt!

Markus Schwarzkugler, 26, Volontär beim Erdinger Anzeiger

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

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