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Boris Nemzow war russischer Oppositionspolitiker und sprach sich öffentlich gegen Putin aus. Im Februar 2015 wurde er ermordet.

Pressefreiheit in Russland

Lügenmärchen: Putin und die Medien

Pressefreiheit. Ein Wort, das in Deutschland und Russland nicht im selben Maß existiert. Bei Weitem nicht. Ein Gespräch mit Putinkritiker Boris Reitschuster.

Tot. Erschossen. Unweit des Kreml, mitten in Moskau. Der Mord an Putinkritiker Boris Nemzow im Februar 2015 zeigt: In Russland lebt gefährlich, wer die Regierung kritisiert. Nemzow ist nur ein weiterer Name auf einer Liste von Kritikern Wladimir Putins, die für ihre Meinung mit dem Leben bezahlten. Auch Boris Reitschuster, Autor und Journalist aus Deutschland, hat lange Zeit in Russland gelebt und gearbeitet. Nemzow war ein Freund. Ein Gespräch über kritischen Journalismus, Gehirnwäsche und Morddrohungen.

Herr Reitschuster, wie sieht es aus mit der Meinungsfreiheit in Russland?

Boris Reitschuster: "Im privaten Gespräch oder gerade als ausländischer Journalist kann man völlig frei seine Meinung sagen, weil man schließlich eine Akkreditierung hat. Wenn man sich öffentlich nicht laut aus dem Fenster hängt, ist das Risiko gering. Privat sagen viele Russen noch frei ihre Meinung. Das ändert sich aber inzwischen. Das geht es soweit, dass sich die Leute zunehmend auch privat fürchten."

Und die Medien?

Reitschuster: „Die große Mehrheit ist unter der Aufsicht des Kreml. Da wird strikt zensiert und das hat mit Journalismus nichts mehr zu tun. Erstaunlicherweise sind viele Kollegen davon überzeugt, dass Zensur normal ist und das überall so ist. Wenn man denen sagt, bei uns sei das nicht so, bezeichnen sie das als westliche Lügenmärchen."

Aber sicher gibt es doch auch Medien, die nicht überwacht werden.

Reitschuster: „Die große Menge ist gesteuert. Die Mehrheit der Russen bezieht ihre Informationen aus den gesteuerten Medien. 80 Prozent der Propaganda geht über Fernsehen. Und das ist wirklich Gehirnwäsche. Da bekommt man den Eindruck, dass ohne Wladimir Putin die Welt untergehen würde. Und dann gibt es noch die freien Medien, zu denen nur ein geringer Teil der Russen Zugang hat. Zum Beispiel Echo Moskau, halbwegs Nowaja Gaseta und den Fernsehsender Doschd. Die haben weitgehend Narrenfreiheit. Aber auch sie haben mit Schikanen zu kämpfen."

Sechs Todesfälle innerhalb einer Redaktion

Was meinen Sie damit?

Reitschuster: „Dmitri Muratow, Chefredakteur von Nowaja Gaseta, ist ein guter Freund von mir. Wir hatten eine Veranstaltung in Berlin, er sollte dorthin kommen. Kurz zuvor wurden sein Anwalt und eine seiner Journalistinnen umgebracht. Er rief mich völlig aufgelöst an. Er müsse den Laden dicht machen. Das sei der sechste Todesfall im Umfeld der Redaktion. Man sieht also, welchen Preis er dafür zahlt. Seine Zeitung hat immer wieder wirtschaftliche Probleme. Man hält diese Kritiker ständig unter Druck und sorgt dafür, dass ihnen nicht wohl ist."

In Deutschland kann jeder einen Blog schreiben oder Zeitungsartikel kommentieren. In Russland ist das wahrscheinlich nicht so einfach.

Reitschuster: „a werden massiv die Daumenschrauben angezogen und die Gesetze verschärft. Wenn ein Blog eine bestimmte Anzahl an Lesern hat, gilt er als Medium. Es gab jetzt schon ein paar Musterprozesse, bei denen Blogger zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Damit versucht man, massiv Angst zu verbreiten."

Wie wirkt sich das auf die Bürger aus?

Reitschuster: „Man bringt die Leute dazu, dass sie das nicht mehr lesen. Man hat in Russland eine starke politische Depression. Die Leute haben so viele Umstürze, Gewalt und Revolutionen mit dieser Politik erlebt, dass sie es einfach satt haben. Sie wollen sich damit nicht mehr befassen. Ich glaube, deshalb ist diese ganze Propaganda auch so erfolgreich. Ein großer Teil der Russen ist apolitisch geworden und ein anderer Teil glaubt zumindest teilweise an diese geschickte Propaganda."

Morddrohungen: "Sie gehören aufgehängt"

Macht die Arbeit unter solchen Bedingungen denn noch Spaß?

Reitschuster: „Es ist schon eine Art Hassliebe. Es gibt gewisse Dinge, die darf man nicht sagen. Es sind auch Abenteurer dabei oder Romantiker. Leute, die sagen, jetzt erst recht. Das Wort Spaß ist fehl am Platz. Spaß macht das keinem, außer jemand ist auf der Suche nach einem Adrenalin-Kick. Aber die Haltung: Jetzt erst recht – die trifft bei vielen zu."

Sie selbst haben Morddrohungen bekommen.

Reitschuster: „Einige Leute sagen, es wundert sie, dass ich noch lebe, weil es mit dem Buch (neuestes Werk: „Putins verdeckter Krieg“, erschienen 2016 im Econ-Verlag, Anm.d.Red.) so gefährlich ist. Da weiß man nicht: Ist das vielleicht eine Warnung oder ein gut gemeinter Ratschlag. Morddrohungen kamen immer wieder per E-Mail. Einer der Absender ist schon verurteilt worden wegen Bedrohung. Der hat geschrieben: ‚Wenn ich Sie vor den Wagen kriege, überfahre ich Sie.‘ Oder: ‚Sie gehören aufgehängt.‘ Das Problem ist, man kann das nicht einschätzen. Ich nehme das eigentlich nicht so ernst. Aber andere haben es auch nicht ernst genommen. Und dann ist wirklich was passiert. "

Sie arbeiten wieder in Deutschland. Bekommen Sie noch Drohungen?

Reitschuster: „Reitschuster: „Hassattacken kommen häufig. Aber seit ich über die Morddrohungen gesprochen habe, kommen kaum noch welche. Die Leute wissen, das ist ein Straftatbestand. Aber es kommen massive Beschimpfungen und Gewaltandrohung. Das geht aber mittlerweile vielen Journalisten so."

Zu Boris Reitschuster

Der Journalist und Buchautor Boris Reitschuster (45) war von 1999 bis 2015 Leiter des Moskauer Focus-Büros. Schon nach dem Abitur reiste er nach Russland, heute betrachtet er das Land als seine zweite Heimat. 2012 musste er aus Russland ausreisen. Wegen seiner Arbeit hatte er Morddrohungen erhalten. In Sachbüchern kritisiert er vor allem Putin und ist deswegen auch in Deutschland starker Kritik ausgesetzt.

Als sie von dem Treffen mit Boris Reitschuster nach Hause fuhr, schwirrten der Autorin viele Gedanken zu dem Gespräch durch den Kopf. Kurz nicht konzentriert und prompt wählte sie auf der Autobahn die falsche Richtung.

Nina Probst, 25, Volontärin beim Miesbacher Merkur

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

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