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„Weitermachen wie bisher“: Der ehemalige NS-Verfolgte Ernst Grube inmitten einer Schülergruppe im Münchner Hasenbergl. In der Hand hält er ein Bild der 1938 von den Nazis abgerissenen Münchner Synagoge. 

Max Mannheimer ist gestorben

Tod von Zeitzeugen: Wer wird später über die NS-Zeit erzählen?

München – Der Tod des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer, 96, verdeutlicht einmal mehr: Die Zahl ehemaliger KZ-Häftlinge, die die Schrecken der NS-Zeit selbst erlebt haben, wird kleiner. Wer wird später einmal darüber erzählen?

Ernst Grube, 83, seufzt. „Es wird weitergehen wie bisher“, sagt der ehemalige NS-Verfolgte, der als Kind einer jüdischen Mutter ins KZ Theresienstadt verschleppt wurde. Doch der Tod von „Max“, wie er den verstorbenen Max Mannheimer nennt, hat ihn hart getroffen – auch deshalb, weil die Zahl derer, die über die NS-Schrecken erzählen können, immer kleiner wird. Eigentlich sind es nur noch zwei ehemalige KZ-Häftlinge, die in München und der umliegenden Region vor Schulklassen auftreten: Neben dem Münchner Grube ist das Abba Naor, ehemaliger Häftling der Landsberger KZ-Außenlager, der oft aus Israel anreist. In vielen Schulen weit entfernt von München sind indes gar keine Besuche von Holocaust-Überlebenden mehr möglich. Man behilft sich mit Besuchen von KZ-Gedenkstätten. „Die Deutungshoheit geht nun ganz auf die Geschichtsforscher über“, meint Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands und Leiter eines Deggendorfer Gymnasiums.

Dass die Zahl der Zeitzeugen schwindet, merkt auch Friedrich Schreiber, 84. Der ehemalige ARD-Korrespondent in Israel organisiert jedes Jahr einen Gedenkzug zur Erinnerung an den Todesmarsch Dachauer KZ-Häftlinge durch das Würmtal. Beim ersten Zug 1998, erinnert er sich, waren es etwa 50 ehemalige Häftlinge, die mitgingen. Beim letzten Mal Ende April dieses Jahres kamen noch vier.

Ihre Zahl wird kleiner

Die KZ-Gedenkstätte Dachau, die jedes Jahr Anfang Mai die Befreiungsfeier veranstaltet, beobachtet diesen Verlust auch. Etwa 20 ehemalige Häftlinge kamen beim letzten Mal. Es gebe zwar noch Kontakt zu sehr viel mehr Überlebenden, in den USA ebenso wie in der ehemaligen Sowjetunion. „Aber wollen Sie einem fast 90-Jährigen eine 14-stündige Anreise zumuten?“ Eine belastbare Schätzung, wie viele ehemalige Häftlinge der annähernd tausend Konzentrations- und Vernichtungslager (inklusive Nebenlager) noch leben, gibt es nicht. 

Sicher ist nur: Es werden weniger. 2010 soll es in Israel 250 000 Holocaust-Überlebende gegeben haben. 2014 waren es noch 180 000. „Die heutigen Zeitzeugen haben den Holocaust als Kind oder Jugendliche er- und überlebt“, sagt Jürgen Zarusky, Historiker am Münchner Institut für Zeitgeschichte. Doch ihre Zahl werde kleiner. Klar, es gebe die Zeugnisse der Verstorbenen: Bücher, Reden, Filme. Doch der authentische Auftritt sei nicht leicht zu ersetzen. Zarusky spricht vom „Übergang des kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis“ – so haben es die Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assmann genannt. Kommunikativ – das ist die mündliche, alltagsnahe Überlieferung durch lebende Personen. Das kulturelle Gedächtnis ist letztlich der generelle allumfassende Nachlass der Menschheit. Geht nun die Erinnerung an den Holocaust darin auf? Zarusky überlegt: Das Erzählen vom Holocaust müsse von den Jüngeren beständig gepflegt werden – als „Teil der deutschen Kultur“. Dennoch: „Es geht etwas unwiederbringlich verloren.“

"Wir machen weiter"

„Unsere Reihen lichten sich“, warnten ehemalige Häftlinge aus Auschwitz, Bergen-Belsen, Dachau und anderen Lagern schon 2009. Sie schrieben einen dramatischen offenen Brief: das „Vermächtnis der Überlebenden“. Zwar zeugten die ehemaligen Lagerorte als „steinerne Zeugen“ vom NS-Grauen. Es sei aber nun vor allem die Aufgabe der jungen Menschen, ihren Kampf „gegen die Nazi-Ideologie“ fortzuführen. Von den zehn Unterzeichnern des Briefes sind mittlerweile fünf verstorben, unter ihnen nun auch Max Mannheimer.

Die Hoffnung, dass die Jüngeren ihr Engagement fortsetzen, hört man unter den älteren Organisatoren von NS-Gedenkveranstaltungen öfters. Friedrich Schreiber beispielsweise nennt die zweite und dritte Generation der Holocaust-Überlebenden, also deren Kinder und Enkel. Er lädt sie bewusst regelmäßig auch ein. Teilweise mit Erfolg: Beim Gedenkzug gehen jedes Jahr auch Angehörige verstorbener Häftlinge mit. „Wir machen weiter“, betont Schreiber daher.

Auch die Lagergemeinschaft Dachau hat einen Vertreter der zweiten Generation im Vorstand, junge Mitglieder sind willkommen. „Wir sind offen für jeden, der unsere Ziele teilt“, sagt Ernst Grube, auf den nach dem Tod von Max Mannheimer nun wohl das Amt des Vorsitzenden zukommt. Er selbst hat schon wieder Termine in Schulen ausgemacht. „Man muss da emotional vorgehen, die Schüler zum Gespräch bringen, die Parallelen zu heute aufzeigen“, sagt er. „Das kann ja nicht jeder.“

Gedenkakt für Max Mannheimer

Am Dienstag wird Max Mannheimer auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München beigesetzt. Die Zeremonie leitet Rabbiner Steven Langnas.

Eine Gedenkfeier für den Verstorbenen ist am Sonntag, 23. Oktober, im Jüdischen Gemeindezentrum geplant. Dabei soll das öffentliche Wirken Mannheimers im Mittelpunkt stehen. Unter anderem sind Reden von OB Dieter Reiter und Alt-OB Christian Ude eingeplant.

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