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Protest für den Präsidenten: Erdogan-Anhänger am vergangenen Samstag.

Sicherheitspolitiker alarmiert

Türken in Deutschland: Erdogans aufgeheizte Stellvertreter

München - Das türkische Drama schwappt nach Deutschland: Mehrere Angriffe auf die bei Präsident Erdogan verhasste Gülen-Bewegung alarmieren Sicherheitspolitiker. Drohen auch hierzulande Gewaltszenen wie im Kurdenkonflikt?

Es sind Bilder, wie man sie in der Türkei in den vergangenen Monaten oft gesehen hat: Eine aufgeputschte Menge grölt vor einem Gebäude. Junge Männer, ältere Männer. Sie tragen türkische Fahnen, treten gegen Fenster, rütteln an Türen, schreien durcheinander. Lynchstimmung. Auf einmal klirrt es, eine Glasscheibe geht zu Bruch, die Menge treibt auseinander.

Das Beunruhigende: Die Szene, die man sich auf Youtube ansehen kann, spielt nicht in der Türkei, sondern in Gelsenkirchen. Am Samstagvormittag griffen dort Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan einen Jugendtreff mit dem Namen „Harmonie“ an, der der Gülen-Bewegung zugerechnet wird. Auf Facebook postete jemand sinngemäß: „Brennt die Harmonie nieder, das sind Verräter.“ Erdogan hatte den im US-Exil lebenden Fethullah Gülen als Schuldigen für den jüngsten Putschversuch in der Türkei ausgemacht. Vor Jahren hatten sich die einstigen Weggefährten überworfen, nun wird die Bewegung gnadenlos verfolgt. Droht nun ein Stellvertreter-Konflikt in Deutschland?

Schon der blutige Konflikt Erdogans mit den Kurden eskalierte jüngst in Deutschland. In Aschaffenburg gab es im März Krawalle, als Kurden eine von Türken organisierte Demonstration angegriffen hatten. Am Wochenende gab es nun gleich mehrere Angriffe von Erdogan-Getreuen auf Gülen-Einrichtungen.

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Nicht nur in Gelsenkirchen gingen Scheiben zu Bruch. Im Landkreis Augsburg griffen Türken laut Polizei schon in der Nacht zum Samstag ein Bildungszentrum in Gersthofen und ein Kulturforum in Haunstetten an. Die Täter warfen Scheiben mit Steinen ein. In Rastatt (Baden-Württemberg) zertrümmerten Unbekannte das Fenster einer Nachhilfeschule. In Stuttgart wird eine der Gülen-Bewegung nahe stehende türkische Privatschule von der Polizei bewacht. Sicherheitspolitiker sind alarmiert. „Die Gefahr einer Eskalation der Gewalt im Konflikt zwischen Erdogan-Anhängern und -Gegnern ist auch in Deutschland gestiegen“, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) unserer Zeitung. „Wir beobachten die Entwicklung in der Türkei mit großer Sorge.“

Die Gewichte im Konflikt sind ungleich. Die Unterstützung für Erdogan ist unter den Deutsch-Türken enorm. Bei den jüngsten Wahlen hätten – je nach Region – 50 bis 70 Prozent Erdogan oder seiner AKP ihre Stimme gegeben, sagt der Chef des Zentrums für Türkeistudien in Essen, Haci Halil Uslucan. Das ist deutlich mehr als in der Türkei. Der Arm der Regierung reicht auch in religiösen Dingen weit. Die staatliche Religionsbehörde Diyanet beschäftigt nach eigenen Angaben 970 Imame in Deutschland. 900 Moschee-Vereine unterstehen dem von der Behörde abhängigen Verein Ditib.

Wir stark die Gülen-Bewegung in Deutschland ist, lässt sich schwer messen. Die Organisation arbeitet diskret, Unterstützer halten sich meist bedeckt. Es kursiert die Zahl von 100 Nachhilfe-Institutionen und rund 30 Privatschulen. Hinzu kommen Stiftungen, Verbände, Unternehmen. Gülen gilt zwar als äußerst konservativer islamischer Prediger. Die Bewegung tritt aber nicht aggressiv-kämpferisch auf. Auch deshalb hält Experte Uslucan zumindest eine Gewalteskalation des Konflikts in Deutschland für unwahrscheinlich.

Das Zerwürfnis zwischen Erdogan und Gülen hat indes hierzulande schon tiefe Spuren hinterlassen. „Für uns alle ist das eine schädliche und gefährliche Situation“, sagt der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu. „Viele Familien sind schon auseinandergerissen worden, weil man sich entscheiden musste, für wen man steht.“ Für Sofuoglu haben weder Erdogan noch Gülen mit dem Konflikt ihrem Land einen Dienst erwiesen. Sein Urteil wirkt sarkastisch: „Es ist schade, dass die Türkei durch den Machtkampf von zwei Spätpubertären an Ansehen und an Energie verliert.“

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