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Ein Tänzchen gern, das Wahlkreuz bei der CSU aber nicht: Junge Türkinnen mit dem damaligen Innenminister Beckstein bei der Nürnberger Messe Garten Freizeit Tourismus.

Wahlforschung

Türken wählen nicht CDU und CSU 

Berlin - Migranten und ihre Nachfahren machen mittlerweile 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus. Trotzdem haben sich Wahlforscher und Parteistrategen mit ihren politischen Ansichten bisher kaum befasst. Dabei würde es sich lohnen, wie eine Studie zeigt.

Einige der wenigen vorliegenden Erhebungen zu bestimmten Migrantengruppen stammt vom Berliner Institut Data4U, das seine Erkenntnisse zu den Präferenzen türkischstämmiger Wähler kürzlich in einer Expertenrunde der Hanns-Seidel-Stiftung vorstellte.

Im März 2009 stellte das Marktforschungsunternehmen, das sonst hauptsächlich Konsum- und Mediennutzungsverhalten von Migranten untersucht, erstmals auch die Sonntagsfrage gezielt an Türken in Deutschland und deutsche Staatsbürger mit türkischer Familiengeschichte. Über drei Millionen von ihnen leben mittlerweile in der Bundesrepublik.

Laut der repräsentativen Befragung bevorzugten damals 56 Prozent die SPD, 23 Prozent die Grünen und neun Prozent die Linke. CDU und CSU kamen auf zehn Prozent. In einer Post-Wahl-Befragung nach der Bundestagswahl 2013 gaben sogar nur sieben Prozent der wahlberechtigten Türkischstämmigen an, CDU oder CSU gewählt zu haben (SPD 64, Grüne 12, Linke 12).

Die in der Türkei geborene Geschäftsführerin Umut Karatas führt auch regelmäßig vertiefte Befragungen mit Fokus-Gruppen durch. Sie sagt: „Türkischstämmige Wähler sind treue Wähler, wenn man sie einmal für sich gewonnen hat.“ Sie würden sich aber andersherum auch lange merken, wenn ihnen etwas nicht gefällt.

Die ersten türkischen Gastarbeiter hatten zwar kein Wahlrecht, sympathisierten aber mit der traditionell gewerkschaftsnahen SPD. Helmut Schmidt gelte ihnen bis heute als Idol, sagt Karatas. Dass die Regierung Kohl 1983 Prämien für rückkehrwillige Türken beschlossen hatte, halle dagegen negativ nach. Und Präferenzen würden in türkischen Familien stärker weitergegeben als in deutschen.

Eine direkte Ansprache türkischstämmiger Bürger könnte sich laut Karatas für die Parteien aus verschiedenen Gründen lohnen. Unter anderem, weil sich die Menschen türkischer Herkunft untereinander intensiv austauschten. „Wer einen Türken für sich gewinnt, hat drei gewonnen“, sagt die Marktforscherin.

Auch über die Änderungen im Staatsbürgerschaftsrecht durch Rot-Grün würde bis heute gesprochen. Und sie hätten zur Folge, dass die Zahl der türkischstämmigen Wahlberechtigten von heute 1,25 Millionen auf rund zwei Millionen im Jahr 2030 ansteigen werde.

Um türkischstämmige Wähler zu gewinnen, brauche es eine direkte Ansprache, am besten durch türkischstämmige Mitglieder und Abgeordnete, sagt Karatas und führt als Beispiel den Berliner Grünen-Politiker Özcan Mutlu an. Der verkörpere noch mehr den Türken als etwa sein Parteikollege Cem Özdemir, der unter den von Data4U Befragten im Jahr 2009 bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers so viele Stimmen erhalten hätte wie kein anderer deutscher Spitzenpolitiker.

Auch in der CSU gäbe es einige Kandidaten, die in dieses Profil passen würden. Aber die fragen sich, ob es klug wäre, sich gezielt um türkischstämmige Wähler zu bemühen. „Man muss sich überlegen, ob man sich, auch mit Blick auf die AfD, um Zugewinne in dieser Gruppe bemühen will, um dafür andere Wähler zu verlieren“, sagte etwa der Landesvorsitzende des CSU-Arbeitskreises Migration und Integration, Ozan Iyibas in der Expertenrunde der Hanns-Seidel-Stiftung.

Ein weiteres Argument, das etwa Michael Lill, Referent im Büro des Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, anführt, ist die immanente Abgrenzung von der übrigen Gesellschaft, die mit einer gezielten Ansprache der Türkischstämmigen „als Mitglieder ihrer Community“ einhergehen würde. Integration werde so eher verhindert als befördert.

Wie es aussieht, nimmt man es in der CSU möglicherweise weiterhin in Kauf, in der Gunst der türkischstämmigen Wähler nicht ganz vorn zu liegen.

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